Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 47 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 183 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 183 — die ein Leben nach der Religion oft im gewöhnlichen Leben findet. Schon die Confession unserer Mitbürger ist sehr intolerant; noch viel intoleranter ist die — Confessionslosigkeit. Die Confession achtet doch oft jede Religion wenigstens als ebenbürtigen Gegner; die Consessionslosigkeit verachtet beim Gebildeten alle Confession. So fand ich mich bald mit meinen religiösen Grundsätzen, mit den Lehren meines Vaters ab. Anfangs that ich es im Bewußtsein meines Unrechts; mit der Zeit fing ich an, das Unrecht philosophisch auszuschmücken und zu rechtfertigen. Die Eigenliebe ist eine geschickte Apolegitin. Zwar gleichgiltig war mir das Judenthum nie geworden; bespöttelt habe ich es nie. Nur, wer das Judenthum nicht kennt, kann so frivol sein, es zu verspotten. Das Judenthum erschien mir als ein großartiges Gebäude, das nur dadurch dem Zahn der Jahrtausende Widerstand leisten konnte, weil auch die Bestandtheile, welche den Kitt darstellen, niemals vernachlässigt wurden. Vom Standpunkte des Judenthnms aus, konnte ich mir nichts davon hinwegdenken. Mir hätte in dem Gebäude ein Stein, eine Säule gefehlt, wenn ich mir das Judenthum ohne die eine oder die andere Ceremonie hätte denken sollen. Vieles erschien mir eben nur als K-tt; aber ist denn der Kitt nicht auch unentbehrlich? — Vom Standpunkte des Judenthums war mir das Judenthum bis in seine kleinsten Theile heilig. Ich stand aber auf dem Standpunkte eines strebsamen Studenten der Medizin. Theoretisch war ich begeisterter Jude, praktisch hatte ich mit dem Judenthume gebrochen. Auch das Judenthum stand meinem Ehrgeize im Wege; auch in diesem Widerstreite siegte der Ehrgeiz. Das Staats. Examen hatte ich mit dem besten Erfolge bestanden. Nun war ich ein gemachter Mann; nun stand meiner Liebe nichts im Wege; nun konnte ich meine Mirjam heimführen. Ich that es nicht: O, daß ich es gethan hätte! Ich blieb in B., um Carriere zu machen. Die Psychiatrie war mein Lieblingsstudium gewesen; dieses Gebiet, wo das Psychische und Somatische zusammen- Iraf, hatte mich stets mächtig angezogen. Sollte ich nun nach der Kleinstadt gehen, als praktischer Arzt mich zersplittern, nach allen Dörfern herumfahren, die Apotheker- Tantiemen einkassiren und mein Lieblings-Studium fahren lassen? Das konnte ich nicht über mich gewinnen. Der Gedanke an meine Mirjam bestärkte mich nur in dem Entschlüsse, in B. zu bleiben. Auch für Mirjam's Glück glaubte ich besser zu sorgen, wenn ich ihr in der Residenzstadt ein Heim gründete. Es gelang mir, beim Prof. C., dem berühmten Irrenarzt, als Assistent eine Stelle zu bekommen. Mein Eifer, mein unermüdliches Streben in diesem Wirkungskreise war bald von Erfolgen begleitet, denen die Anerkennung nicht versagt wurde. Auch dies führte mich nur sicherer dem Unglück entgegen! Prof. C. war der erste, der meinen Leistungen bereitwillig Gerechtigkeit widerfahren ließ. Mein Verhültniß zu ihm war bald ein sehr vertrauliches. Er ward mir bald ein Freund und Gönner; bald war ich seiner Familie ein gern gesehener Gast. Er hatte eine sehr zahlreiche Familie. Therese, die älteste seiner 5 Töchter, war besonders freundlich gegen mich. Ihre Zutraulichkeit ward immer wärmer, immer inniger, und bald drängte sich mir die Ueberzeugung auf, Therese liebe mich. Wäre mein Herz frei gewesen, so hätte inich diese Entdeckung in meiner damaligen Lage sehr glücklich gemacht. Therese war schön, eine vollendete deutsche Schönheit. Dunkelblondes Haar, tiefblaues Auge, ein schöngeformtes, ovales Gesicht, ein wohlgebildeter Körperbau, edel in jeder Bewegung, in ihrem ganzen Wesen umflossen vom Geiste der hohen Bildung, der in ihrem Vaterhaufe herrschte, war sie geschaffen, jeden Mann glücklich zu machen. Auf mich machten ihre Reize keinen Eindruck; was war Therese mir gegen meine Mirjam? Nein, Therese's Liebe beglückte mich nicht. Aber als Mann von Ehre mußte ich fliehen, sobald ich sie bemerkte. Ich floh nicht, ich blieb; und was nun folgt, war unausbleiblich. Es dauerte nicht lange, so war Therese's Liebe auch dem Professor C. kein Geheimnis mehr. Je weniger ich Therese's Neigung begünstigte und zu bemerken mich anstellte, desto freier trat sie hervor, um bemerkt zu werden. Der Professor schien nicht dagegen zu sein, ja sie zu begünstigen. Plötzlich eröffnete sich mir dadurch eine Zukunft, wie selbst meine kühnsten Hoffnungen sie mir nicht ausgemalt hatten. Als Schwiegersohn des Prof. C., hing es nur von nur ab, welche ötufe gesellschaftlicher, wissenschaftlicher und bürgerlicher Stellung ich erklimmen wollte. Immer glänzender schwebte mir meine Zukunft vor, wenn ich blos — das Opfer brachte, meiner Mirjam zu entsagen. — Ich sagte: das Opfer! Unter diesem Gesichtspunkte betrachtete ich es, und dieser Umstand war es, der mein Uctheil verwirrte, der dem Ehrgeize über die Liebe zum Siege verhaft. Ich sagte mir, ein Mann hat nicht das Recht, dem Zuge seines Herzens zu folgen, um jeden Preis glücklich sein zu wollen; er ist Sklave seines Berufes, er hat die Pflicht, auf dem Gebiete, dem er sein Leben gewidmet, das Höchste zu leisten. So erschien mir der Verrath an meiner Mirjam als ein Märtyrerthum, das ich mir auferlegte, als ein Opfer, das ich brachte. Daß lediglich ich es war, dem ich das Opfer brachte, meine Eitelkeit, mein ehrgeiziges Streben; daß ich nicht blos mein Glück, sondern auch Mirjam's opferte, — daran zu denken, war ich nicht unbefangen genug. — Weniger leicht nahm ich den Verrath am Judenthume, der mit der Befriedigung meines Ehrgeizes verbunden war. Der beleidigte Schatten meines Vaters stand drohend zwischen mir und — Therese. Welcher Makel mußte auf das Andenken meines großen Vaters fallen, wenn seine einzige Schwiegertochter — eine Nichtjüdin war! Aber auch gegen diese Bedenken, die sich sehr mächtig in mir regten, konnte ich die herrlichsten Gegengründe in's Feld führen. „Hast Du nicht auch," — so sprach es in mir, — „Pflichten gegen Therese, die Dir ihr Herz hingegebeu? Darfst Du die Lebende dem Todten hinopfcrn? Wenn sie nicht daran denkt, daß Du Jude bist, darfst Du daran denken? Darfst Du sie unglücklich werden lassen, unglücklich durch ihre Liebe? — Allerdings hatte ich ihre Liebe nicht gesucht, aber ich hatte sie auch nicht gemieden. Ich hatte den Funken nicht angefacht, aber auch nicht gelöscht. Damals, als Therese's Liebe noch im Keimen war, wäre es Zeit gewesen, zu bedenken, das ich Jude, daß ich der Sohn des großen Rabbi sei; ich mußte den vertraulichen Verkehr im Hause des Prof. C. abbrechen. Was sollte der Prof, von mir denken, wenn ich jetzt zurücktrat? Konnte dies dem Judenthume zur Ehre gereichen? Welche Meinung mußte er und die ihm nahestehenden Kreise vom Judenthume bekommen, wenn ich, nachdem ich Therese's Liebe erschlichen, — so mußte man es doch ansehen, — sie nun schnöde verließ?-- Und — sagte ich mir, das neue Unrecht durch altes begründend, — ist denn die Lebensweise, die Du bisher im Allgemeinen geführt hast, nicht auch geeignet, das Andenken deines großen Vaters zu compromittiren? Ja, höhnte ich mich selbst, wo es gilt, ein Opfer zu bringen, wo der Besitz der Geliebten in Frage kommt, wo die Treue gegen das Judenthnm uno gegen deinen Vater deinen Wünschen schmeichelt — da möchtest Du Jude und ein treuer Sohn lein! — Wenn Du es sonst nicht so streng nimmst, so hast Du auch kein Recht dazu, da, wo es Deine Zukunft verlangt, wo es die Wissenschaft fordert, wo Therese's Lebensglück Dich ntahut, es nicht so streng zu nehmen! Ich befand mich im schrecklichsten Widerstreite der Gefühle; Glaube und Liebe auf der eineu Seite, Ruhmsucht "N