Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 47 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 182 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 182 — betrauerten sie und nahmen an ihrem Geschicke theil, auch Emanuel war gekommen und tröstete seine Braut. — Das Leichenbegrübuiß war beendet, als Erna plötzlich Emanuel zu sich rufen ließ: „Herr Emanuel", redete sie ihn an, „ich habe alles verloren, das größte Unglück ist plötzlich über mich hereingebrochen." Sie hielt inne und wartete seine Antwort ab. „Aber, liebe Erna", sprach der Banquier, „gegen Gottes Willen läßt sich ja nichts thun. Er hat Sie schwer geprüft, doch folgen Sie mir in mein Heim, ich will mich bemühen, ihren Schmerz zu lindern; Ihnen ein treu ergebener Gemahl sein." „Niemals werde ich diesen Schritt thun!" Erna hatte sich hochaufgerichtct und trat vor Emanuel: „Ich bin, leider Gottes, jetzt allein, jetzt will ich auch selbst handeln. So wissen Sie, daß ich nie mehr heirathen werde, ich will mich dem Dienste der Schule widmen und dort wirken und sühnen." „Erna, ist das Ihr letztes Wort?" fragte Emanuel. „Ja, und nun leben Sie wohl, und vergessen Sie Erna Stern, die Sie ja doch nicht geliebt hat. — Auch ich will bald von hier weg. oorläusig zu meinen Verwandten und meine Eltern, mein Geschick beweinen, dann jenen Entschluß ausführen, den ich Ihnen bereits mittheilte." — Sie sprach so energisch, daß der Banquier keine Antwort hatte, eine Hülfe konnte er ihr auch nicht antragen, denn dazu war sie viel zu edel und stolz. So sagte er ihr ebenfalls „Lebe wohl!", bat sie aber, ihm nicht zu zürnen! Er war ja von vornherein nicht für die Verbindung gewesen, Erna's Angehörigen trieben ihn nur dazu. Tags darauf wurde Stern's Testament erbrochen, er bestimmte für Erna eine Summe Geldes, die sie vor jeder Noth vorläufig schützen konnte und innen lag ein Brief, auf dem geschrieben stand, daß er erst nach dem Tode des Schreibers von Erna gelesen werden sollte! Erna erbrbrach ihn und erkannte in diesen Schriftzügen diejenigen ihres Vaters. Der Brief selbst lautete: „Geliebte, einzige Tochter! Ein Sterbender ist es, der diesen Brief an Dich richtet und den das Schicksal so schwer heimfuchte. Ich ahnte es nicht, daß Karl es war, der an allem Schuld hatte, ich wußte es nicht, daß Du zu Joseph je eine so große Zuneigung haltest. Die schmerzensvolle Begegnung, die Du zum letzten Male mit ihm hattest, ich erfuhr sie, ich erfuhr sie jetzt, da alles schon zu spät ist. Mich trieb das Geschick zu Handlungen, die ich schwer bereue, wie eine Wetterfahne wurde ich vom Sturme des Lebens geknickt. Ich weiß, daß ich Dich für meine Pläne geopfert habe, aber ich meinte es herzlich gut mit Dir und Deiner Zukunft! — Ach, es bedrückt mich, wie eine Alp, denk' ich an alles, was über mich Armen hereingebrochen ist, denk' ich an Karl, der nicht mehr da ist und Dich, meine Tochter, die ich zur Ehe zwang. Was soll ich noch hinzufügen! Lebe wohl, mein geliebtes Kind, verzeih' einem Sterbenden und wenn Du je Joseph begegnen solltest, sag' ihm, daß ich ihm Unrecht gethan habe, sag' ihm auch ein Lebe wohl, und möge er mir so verzeihen, wie ich den begangenen Fehler schmerzlich bereue!" — Erna faltete den Brief zusammen und legte ihn an einen Ort, wo ihre theuerfteu Jugenderinnerungen aufgehoben waren. Nachdem alles georduer war, nahm sie von ihren Freundinnen Abschied und zum letzten Male lenkte auch sie ihre Schritte zum Friedhofe, um ihren Eltern ein Lebe wohl zu sagen, und über ihren Gräbern eine Thrüne der Wehmuth zu vergießen! — Emst stand sie an demselben Orte, nur war's damals ein Grab, während schon nach kurzer Zeit zwei hier gebettet lagen! Sähe sie jetzt Joseph, er hätte gewiß mit der Blume Erbarmen gehabt, die der Sturm des Geschickes so grausam geknickt hatte. Doch, er war für sie verloren, weilte in der fremden Welt. Sie sah, wie er seine ernsten Augen auf sie richtete, als er die Worte sprach: „Nie mehr sollen sich unsere Wege kreuzen, als Einsamer will ich mein zerstörtes Glück beweinen" — Sie w.ünte! — Schnell verließ sie den Friedhof, sie durfte hier nicht länger weilen, an dem Orte, wo sie jeder Ast an ihre Treulosigkeit zu mahnen schien. — „Erna geht und niemals kehrt sie wieder", sprachen ihre Lippen und als sie den Friedhofsmauern den Rücken gekehrt hatte, war es ihr, als ob sie ein Stück ihres besten Lebens dort begraben Hütte. — (Fortsetzung folgt.) Mirjam. * Erzählung von Dr. I. Goldschmidt. - Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) „Nun begannen meine medizinischen Studien, denen ich mit wissenschaftlicher Begeisterung oblag. Meine Liebe zu Mirjam war der Genius meines Fleißes. Sie war so ganz verschieden von dem Bilde, das man gewöhnlich in Romanen von der Liebe findet; ich möchte sagen, es war eine geheiligte jüdische Liebe. Zum Schwärmer habe ich keine Anlage; es war nicht ein überschäumeudes, aufreibendes, sondern ein kräftiges. zur Thätigkeit anspornendes, erfrischendes Gefühl, das mich beseelte. Die Erinnerung an Mirjam war mir eine ewig frische Quelle der Fröhlichkeit, der sellgeu Elasticität. Wenn ich, von Büchern und Präparaten umgeben, die Mitternacht in eifriger Arbeit herauwachle und die Müdigkeit mich überwältigte, da genügte ein — Blick nach Innen, wo das Bild Mirjams mit frischen Farben ruhte, um die Müdigkeit zu verscheuchen. Mirjam zu gewinnen, zu beglücken, — das war, ohne daß ich es mir deutlich gemacht hatte, das höchste Ziel meines Strebens, meiner Wünsche. Die Liebe zu Mirjam war der Talisman, der mich vor den bekannten Verirrungen der akademischen Jugend schützte, der mich keinen Geschmack finden ließ au den Wunderlichkeiten meiner College«. Und doch verirrte ich mich; ja, ich könnte sagen, daß der Talisman mir allmählich sich zum Jrrlichte verwandelte, das mich auf die falschen Bahnen lockte. — Mein Fleiß blieb nicht erfolglos, und der Erfolg gab meinem Streben immer höhere Ziele. Die Liebe, die mein Streben nicht ermüden ließ, war bald nicht mehr der Polarstern, um den sich der ganze Himmel meiner Ideale bewegte. Der Ehrgeiz erwachte in meiner Brust, anfangs als ein Stern gleicher Größe, neben der Liebe mir leuchtend, bald aber als die Sonne, die alles um sich her verdunkelte. Hatte mich anfangs die Liebe nach den Höhen des Glückes mächtig emporgezogen, so hemmte sie jetzt meinen Flug nach dem Tempel des Ruhms. Ich habe meinen Schutzgeist verrathen, verrathen an den Ehrgeiz, an den Egoismus. Denn was ist Ehrgeiz mehr, als ein höherer Egoismus! Ach, ich habe schwer gebüßt!" Hier machte er eine Pause; der Schmerz in ihm schien mächtiger zu sein, als es die Ruhe, mit der er sich zu sprechen bemühte, errathen ließ. „Gestatten Sie mir eine Frage" — unterbrach ich die Pause— „eine Frage, die Sie nicht mißdeuten möchten: Wie hielten Sie es mit dem Judenthume während Ihrer Studienzeit?" „Sie haben Recht. Das hängt sehr mit meinen Schicksalen zusammen. Ich war in dieser Hinsicht nur um Weniges besser, als sie alle zu sein pflegen, die jüdischen Studenten der Medizin. Anfangs lebte ich streng nach den Vorschriften des Judeuthums. Aber irn Verkehr mit den nichtjüdischen Commilitoneu und Lehrern entwöhnte ich mich allmählich meiner Religiosität. Ich bildete mir ein, daß es der Anstand verbiete, in Gesellschaft auf die Religion Rücksicht zu nehmen. Es ist auch nicht zu läugneu, daß es großer Charakterstärke bedarf, sich nicht an die Auffassung zu kehren.