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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 47 (1886) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
47 (1886)
Date
1886-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Herausgegeben von Dr. M. Rahmer in Magdeburg. Der Jugendfreund. Novelle aus dem jüdischen Leben von Lehrer Max Cohn. (Fortsetzung.) — Mirjam. Erzählung von Dr. I. Goldschmid 1. (Fortsetzung.) — Allerlei für den Fam ilientisch: Die Wunder der Zahl. Paris. — Der Sabbath rettet vom Tode. Bon A. Speier, Heinebach. — Ou est lalemm? Von L. Cohen. — Räthsel-Anfgaben und Räthsel-Lösungen. Der Jugendfremrd. Novelle aus dem jüdischen Leben von Lehrer Max Cohn. 14. Kapitel. Der neue, junge Lenz war ins Land gezogen. Aller Orten stand alles im schönsten Blüthenschmucke und wieder erklang alles in -schönster Harmonie. Doch in Erna's Seele war der Lenz der Liebe erstorben, nur der Winter, der Bote des Todes, herrschte dort. Der alle Stern war in der Residenz. Karl lag im heftigsten Fieber, als Erna nach dem Erker des Fensters ging und hinausschaute. Unten rauschte der Rhein vorüber, der schon seit Jahrtausenden hier sein Bett hatte, und Erna war es, als ob all' die Sagen wie Nebelgespenster aus dem Wasser stiegen. Lange Zeit saß sie in Gedanken versunken. Sie dachte an den Lenz im vorigen Jahre. „Die Welt wird alt und wird wieder jung, und der Mensch hofft immer auf Verbesseruug!" Wie ganz anders war es jetzt. Schon war ein Jahr dahingegangen und wenige Monde hatten alles, alles verändert. Es war ihr, als ob sie die Worte der alten Beile hörte: „Ertrage, mein Herzleben, was nicht zu ändern ist," und Erna, sie wußte doch, daß auch schon diese Person, die einzige, die noch von Joseph's Familienkreis übrig geblieben, vor Kurzem, gestorben war. Da hörte sie plötzlich ihren Namen rufen. „Erna, ich bin ja da!" Doch der Rhein rauschte und alles schien Hirngespinnst! „Erna, hast Du wirklich den Jugendfreund vergessen? Ist es^wahr, was die alten Bekannten mir erzählen?" „Joseph!" schrie Erna auf. Es war ihr, als ob sie in die Erde sinken sollte. Joseph, den sie nie wieder zu sehen hoffte, er stand vor ihr und sah flehentlich in ihre Augen, die sie traurig vor ihm niederschlug. Ja, Joseph hatte sein Versprecheu gehalten, er hatte schon längst den Doktor-Grad erworben und war nun Dozent an der Universität der Residenz. „Erna", fragte er noch einmal, „gieb mir doch Bescheid, Erna, bist Du wirklich für mich verloren? Wo ist Dein Schwur?" Auch ihm war's schwer um's Herz, doch er mußte Gewißheit haben. Erna reichte ihm ihre Hand und er sah den Brillanten, der sie als Braut kennzeichnelc! — — „So ist alles für mich verloren, nie wieder sollen sich unsere Wege kreuzen! Erna Du hast unser Glück zerstört!... Doch ich will nicht hadern mit dem G(schick, ich will in die weite Welt gehen, und als Einsamer über einstige schöne Zeiten trauern! — Möge es Dir inimcr recht wohl ergehen, und mag nie die Stunde kommen, wo Du Dein „Ja" am Altar bereuen könnüst! Erna, sied mich nur noch einmal an, nur noch einmal, uud zum letzten Male, laß mich die süße Stimme hören, die ich nie wieder vernehmen soll!" — Doch Erna stand schweigend an ihrem Orte, eine fahle Blässe lag auf ihrem lieblichen Gesichte. — — „So lebe wohl!" Joseph nahm seinen Hut und wollte gehen. Was hielt ihn auch noch in seinem Heimathsland, alles war für ihn gestorben! „Joseph", fchrie Erna noch einmal auf, „ich konnte ja nicht anders handeln!" — „Noch einmal, Erna, lebe wohl!" rief Joseph und drückte einen Kuß auf ihre Rechte!- Dann war er fort — fort für immer. Er hörte nicht mehr den Fall und den Schmerzensschrei Erna's, es trieb ihn wie Sturmeswind fort, fort von dem Orte, wo er so viel Schmerz erlitten hatte! — Doch auf dem Grabe seiner Eltern ließ er zum letzten Male seinen Seelenschmerz austoben, hier sah ihn niemand, als er die Hügel seiner Ellern mit Thränen benetzte!- „Auch Euch, geliebte Ellern, besuche ich zum letzten Male, auch von Euch nehme ich Abschied für immer." Wer weiß, ob ich Euch Hügel, die Ihr die Hülle meiner Eltern berget, wiedersehe... „So lebe auch Du wohl, liebe Beile, die mir stets eine treue Helferin war: Mag Dir die Erde leicht sein! Lebt wohl, lebt wohl!" — — Niemand wußte in der Stadt etwas von Josephs Abreise. Eben so schnell, wie er kam, reiste er auch, es sollte ihn niemand in seinem Leide trösten. — Erna war bald von der Ohnmacht durch ihre eintretende Freundin befreit worden, aber sie schützte einen plötzlichen Unfall vor und gab sich Mühe zu lächeln. Wie schwer gelang es ihr! Wie hatte sie zu kämpfen, um ihre Thränen zu unterdrücken. — Vorbei, Vorbei, hallte es in ihr fort, alles hin, alles erstorben! Doch, eine junge Natur ertrügt viel, und das Bewußtsein, daß sie eine folgsame Tochter geblieben war, richtete sie allmählich auf und gab ihr den Glauben an die Menschheit wieder, den sie fast schon verloren hatte. Schon in nächster Zeit sollte ihre Vermählung mit Emanuel gefeiert werden, und die Vorbereitungen dazu, die in der großartigsten Weise getroffen wurden, verscheuchten die trüben Gedanken. 15. Kapitel. Die dreiunddreißig Tage im Omer waren vorüber, als Erna's Hochzeit stattfinden sollte. Aber ohne Sang und Klang ging man ihr entgegen; denn Karl Stern war plötzlich spurlos verschwunden, alle Nachforschungen über seineu Verbleib blieben erfolglos. Ja, viele munkelten schon von einem Selbstmorde; doch es konnte niemand Nachweisen, wo er geblieben war, der alte Stern selbst war gebrochen. Eines Tages hatte man sein Comptoir schließen lassen, diesen Schmerz schien der Patrizier nicht zu erleben und kurz vor Erna's Hochzeit traf ihn ein Schlagfluß, der ihn den Sturz seines alten Hauses nicht mehr erleben ließ. Vor Schmerz gebeugt, folgte Erna dem Leichenzuge, alle

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