Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 46 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 179 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 179 min zu seiner Erholung, da der Morgen sehr schön war, mich zu einer kleinen Promenode aufgefordert. Diese währte nur etwa eine halbe Stunde; er fühlte sich zu schwach. Wir gingen deshalb in den Garten unseres Nachbars Levi, zu dem derselbe eine Thüre nach unserem Hofe hatte anfertigen lassen, und setzten uns dort in eine Laube. Mein Vater sprach von unserer bevorstehenden Trennung, wie er während meiner akademischen Studien so ganz allein sein werde — meine Mntter hatten wir vor mehreren Jahren schon verloren — und er konnte eine Thrüne nicht unterdrücken bei dem Gedanken an unsere Trennung. Ach, er ahnte gar nicht, daß uns eine ganz andere Trennung bevorstand! — Eben war Mirjam in den Garten getreten. Bei ihrem Anblick leuchtete es freudig auf in den Zügen meines Vaters. „Mir bleibt doch wenigstens — Deine Mirjam" — sagte er. Ich erröthete und mein Vater erblaßte: fünf Minuten darauf war er eine Leiche. Ein Schlagfluß hatte seinem theuren Leben ein Ende gemacht. — Ich will nicht lange bei der Beschreibung der Gefühle verweilen, die in dieser Stunde mich bewegten. Ich hatte in meinem Vater sehr viel, mehr als andere junge Männer in ähnlichen Fällen, verloren. Seine Güte, seilt Scharfsinn, sein edler Charakter tvaren auch dann noch Gegenstand meiner Liebe und Verehrung geblieben, als ich die Welt Griechenlands und Roms femten lernte. Und in ihm liebte und verehrte ich das Judenthum! Ich hörte meinen Vater einmal un Namen eines alten Ecklarers predigen, Abraham sei einige Jahre vor dem ihm bestimmten Lebensknde gestorben , danut ihm der Schmerz erspart bleibe, die Frevel seines Enkels Esau kennen zu lernen. Ach, auch mein Vater hätte ähnlichen Schmerz gehaot, wenn er länger gelebt hätte. Doch nein, es wäre Vieles nicht geschehen und anders gewesen, wenn er noch nicht gestorbenwäre. Er wäre mir eher das geworden, was Jakob dem Joseph in Egypten, als diesem die Schuld nahte. — Doch ich wollte ja hierüber kurz sein. — Alle Bemühungen, mernen geliebten Vater in's Leben zurückzurufen, waren erfolgslos. Ec blieb todt. Er wurde zu Grabe getragen, er, der mein Schutzengel gewesen wäre, mein Glückstern. — Ueber das Laubhüttenfest blieb ich noch in N., seitdem habe ich den Ort meiner Kindheit, meines Vaterhauses, meiner Liebe nicht wieder betreten. — Die Trennung von meiner Mirjam war nun das Einzige, was mir den Abschied erschwerte. Noch steht sie vor mir, das herrliche Mädchen, kaum 15 Jahre alt, die jeder Fremde gewiß um 3 Jahre älter geschätzt hätte. Wir nahmen Abschied, ohne von unserer Liebe zu sprechen; auch einen Kuß habe ich nicht auf ihre Lippen gedrückt einen Briefwechsel hatten wir nicht verabredet. — _ (Fortsetzung folgt.) Der Dualismus im Menschen. Daß Krankheiten den Charakter des Menschen zu modificiren vermögen, ist bekannt, daß aber in jedem Menschen eigentlich zwei Menschen, zwei Persönlichkeiten stecken, von welchen bald die eine, bald die andere die Oberhand gewinnt, diese Entdeckung verdanken wir dem englischen Irrenärzte Myers, welcher in der letzten Nummer des „Journal of mental Science“ seine einschlägigen Beobachtungen und Ansichten veröffentlicht. Myers hat einen dreiundzwanzigjährigen jungen Mann beobachtet, der sich gegenwärtig im Rocheforter Jrrenhause befindet. Dieser Patient hat nicht weniger als sechs verschiedene Bewußtseinszustünde, welche ebenso verschiedenen physischen Zuständen entsprechen. Wird er z. B. auf der rechten Seite gelähmt, was einen krankhaften Zustand der linken Hirnhälfte bedeutet, so verliert er die Erinnerung an einundzwanzig Jahre seines dreiundzwanzigjährigen Lebens. Es genügt indeß eine Berührung des Schenkels mit einem Eisenstabe, um diese hysterische Lähmung sofort zu beheben; dann kehrt auch sein Gedächtniß mit einigen wenigen Lücken wieder. Unter dem Einflüsse des sogenannten magnetischen Schlafes geht die Lähmung von der rechten Seite auf die linke über, und diese jähe Aenderung hat eine einschneidende Aenberung im Charakter des Patienten zur Folge. Vordem war er heftig, anmaßend, sprach mit Schwierigkeit und war wegen der Lähmung der rechten Hand nicht im Stande zu schreiben; nun zeigt er sich sanft, höflich und bescheiden; er spricht leicht und schreibt ohne Mühe. Man empfängt den Eindruck, daß der von der rechten Hirnhemisphäre geleitete Mensch ein ganz Anderer ist, als das Individuum, welches der linken Hemisphäre entspricht. Die rechtsseitige Lähmung läßt nur die brutalen und heftigen Seiten seines Gehirns zu Tage treten; die linksseitige Lähmung macht ihn zu einem friedlichen und wohlerzogenen Jungen. Man sieht, welches Interesse dieser Fall vom psychologischen Gesichtspunkte darbietet, selbst wenn man nur die beiden Hauplbewnßtseinszustände des Kranken berücksichtigt und von feinen vier anderen, zeitweilig anftretenden Zuständen absieht, welche ihm durch die Hypnotisirung beigebracht werden. Es ist das ein frappantes Beispiel von Dualismus im Central - Nervensystem und es ist werth, daß man diese Erscheinung mit größter Aufmerksamkeit verfolge. Es fragt sich jedoch, ob die Schlüsse, welche Dr. Myers aus diesem einzelnen Falle zieht, über jede Kritik erhaben sind? Vorläuflg werden dieselben wohl nur als Hypothese gelten können. Myers ist enlsrhieden der Ansicht, daß die Persönlichkeit des Menschen eine doppelte ist ebenso wie sein Gehirn; daß die der linken Hemisphäre die gute, die der rechten die schlechte, brutlle und wilde ist. Je nachdem der Mensch unter dem ausschließlichen oder vorherrschenden Einflüsse der einen oder anderen Hälfte seines Gehirn ist, zeigt er einen verschiedenen Charakter, ein verschiedenes Temperament, ja, selbst verschiedene Anlagen und Kenntnisse. Wird er z. B. jäh geweckt und sein rechtes Hirn tritt allein in Thätigkeit, während das linke zu schlummern fvrtfährt, so wird er eventuell Handlungen begehen, welche seiner normalen Natur ganz zuwiderlaufen. So wird er an einem Tage intelligent, rechtschaffen, reich an Wissen sein; ein anderes Mal dumm, unwissend und böswillig. Die rechte Hiruhälfte wird eben das Uebergewicht erlangt haben. . . All' das ist ja möglich. Aber aus dem einzelnen Falle des Dr. Myers läßt sich denn doch nicht folgern, daß die Dinge in Wirklichkeit stets so vor sich gehen, und man muß sich vor übereilten Verallgemeinerungen hüten. Man muß analoge Fülle untersuchen, sie sorgfältig studiren und mit einander vergleichen. Vielleicht wird man dann das von Dr. Myers vermuthete Gesetz flnden, vielleicht aber auch wird man zu ganz entgegengesetzten Schlüssen gelangen. (N. P. J-) Ist das nicht die alte jüdische Lehre von den . beiden Trieben im Menschen? Auch der Unterschied zwischen der „rechten" und „linken" Seite wird, namenllich in den mystischen Schriften, ventilirt, nur daß hier die rechte Seite die gute und die linke die böse ist, während Myers der entgegengesetzten Ansicht ist. Goldfahu. Allerlei für den Familientisch. Scheintod. Aus T r e n c s i n (Ungarn) wird dem „Bud.Tagbl." mitgetheilt Am 29. v. M. erkrankte die Gattin des Rabbiners der israelitischen Gemeinde plötzlich uno ohne vorhergegangenes Unwohlsein, versiel alsbald in Bewußtlosigkeit, aus welcher sie innerhalb mehrerer Stunden nicht erwachte und schließlich von den Aerzten für todt erklärt wurde. Es wurden alle Anstalten zum Leichenbegängnisse der unglücklichen Frau ge-