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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 46 (1886) · p. Seite 178

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
46 (1886)
Date
1886-01-01
Page
Seite 178 (sequence 2)
Language
German
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— 178 — ging noch mit frecher Stirn seinem Vater, dessen Sturz er bereitet hatte, freundlich entgegen, ja er tröstete ihn mit dem Gedanken, daß der reiche Emanuel alles wieder gut machen werde und bessere Zeiten kommen müßten. Innerlich aber schmerzte es ihn und sein Gewissen machte ihm die heftigsten Vorwürfe. Er mußte sich ja sagen, daß er an allem Unglück schuld sei, und daß er es auch war, der Lrna's Glück zerstört hatte. Wie ein Kainszeichen hefteten sich diese Gedanken auf seine Stirn, er wünschte, daß er nie Emmy Sylow gekannt hatte, dann war' alles, alles anders geworden. Doch schon war alles zu spät und wenn er Emmy's Photographie vornahm, dann vergaß er wieder seinen begangenen Fehltritt. Auch er bekam die zärtlichsten Briefe, in welchem Emmy sich so sehr nach dem Geliebten sehnte, und deshalb auch ihren Aufenthalt abkürzen wollte. Freilich fehlte es auch nicht an Wünschen und Aufträgen, die Karl sofort erfüllen und besorgen mußte. Erna konnte den Wagen, der entgleist war, nicht mehr aufhalten, er befand sich schon zu sehr auf einer schiefen Ebene, als daß sie ihn vom Sturze retten koirnte. Noch aber stand Stern, noch bewahrte er den alten Stolz, der sich nicht brechen ließ, noch wollte er auch überall als der Banquier gelten und begrüßt werden, wenngleich sein Fall schon Stadtgespräch war. Erna war es auch jetzt gleichgültig, was eintreffen würde und daher wünschte sie, bald das väterliche Haus zu verlassen, uin nicht den mächtigen Sturz und die allseitige Schmach mitanzuschen. Ihren Vater hatten die eingetretenen Verhältnisse schier gebrochen, still und traurig ging er noch auf das Comptoir. Bald wurde das Personal reduziert, denn die Ausgaben überstiegen die Einnahmen schon bei weitem. Wie Schuppen siel es chm von den Augen, als er von befreundeter Seite auf die Ursache seines Falles aufmerksam gemacht wurde. Sein einziger Sohn Karl, für den er aller geopfert hatte, er hatte ihn dahin gebracht. Was sollte er ihm Vorwürfe machen! Karl aber gelobte sich, sein Verhältniß mit Emmy zu lösen, da traf ihn eines Tages ein Billet, das ihn anzeigte, daß Emmy Sylow für ihn verloren sei. Alle ihre Verwandten sträubten sich, einen Juden als Familienglied zu sehen. Mit schmerzlichen Worten sagte sie ihm Lebewohl! und dankte ihm für all die Aufmerksamkeiten, die er ihr bereitet hatte. Sie wollte ihm stets eine dankbare Erinnerung zollen." — „Also dahin mußte es kommen, murmelte er leise." Tage lang ging er herum wie ein Rasender, alle Erinnerungen, die er von Emmy hatte, warf er ins Feuer, nie wieder wollte er an sie, die ihn so hintergangen hatte, denken. Sie, die ihn und sein ganzes väterliches Haus in's Unglück gestürzt hatte! — Zwar war der alte Stern für eine Vermählung Karl's mit einer reichen Kaufmannstochter, doch das Banquierhaus Rvsenthal hütete sich mit dem gefallenen Stern in Verbindung zu treten. Rathlos stand der schwergeprüfte Stern da, nur Emanuel konnte noch helfen. (Fortsetzung folgt.) Mirjam. » Erzählung von Dr. I. Goldschmidt. - Nachdruck verboten. Viertes Kapitel. Nach einer etwas größeren Pause, während welcher er zerstreute Erinnerungen zu sammeln schien, begann er in etwas bewegtem Tone: „An diesem Orte trafen wir zuerst zusammen; die heutige Abschiedsstunde findet uns wieder hier vereint. Ihre Freundschaft hatte für mich Hähern Werth, als Sie, da Sie mein Leben nicht kennen, ermessen können. Ich schulde Ihnen Dank, und ich darf mich von Ihnen nicht trennen, ohne Ihnen mein Herz zu öffnen. — Wie es möglich sei, daß ein Mann nicht mehr berechtigt ist, zu lieben, fragen Sie! Nun denn, seien Sie Richter: Darf ein Mann noch lieben, wenn er die Liebe verrathen; wenn er die Liebe dem Ehrgeiz geopfert hat? Hat ein solcher nich^ das Recht der Liebe verscherzt? -Und nun hören Tie meine Geschichte: „Ich bin der einzige Sohn des berühmten Rabbi M. aus N.. genannt der „Charif" (Scharfsinnige). — Sie erstannen? Das müßte im Gegentheile schon über Vieles an mir Ihnen Aufklärung geben. Meine Anhänglichkeit für das Jadenthnm, sowie, daß ich eine gewisse Kenntniß des jüdischen Schriftthums besitze, wird Ihnen hieraus sofort erklärlich. — E? ist selbstverständlich, daß ich eine ziemlich gründliche religiöse Erziehung empfing, mit der natürlich das Leben meines väterlichen Hauses in vollstem Einklang stand. — lieber wissenschaftliche Bildung hatte mein seliger Vater Ansichten, die für seine Zeit sehr freisinnig genannt werden müssen. Er hielt es für Pflicht, mich nach den Aaforoerungen der Zeit unterrichten zu lassen. „Besser." sagte er, „mein Tohn lvird unter meinen Augen mit der Wissenschaft und mit dem Geiste der Zeit vertraut, als hinter meinem Rücken. Ist die Wissenschaft eine Rivalin des Judenthums — was ich aber nicht glaube, da ich an die Wahrheit beider glaube — so ist sie um so gefährlicher, wenn das jugendliche Gemüth sie heimlich kennen lernt. Von der Welt abschließen kann man heute die Jugend doch nicht." — So besuchte ich denn das Gymnasium unserer Siadt von den untersten Klassen ab. — Mein Vater ward von der ganzen Gemeinde verehrt; am meisten aber von einem Manne, er hieß Levi, der ihm mit aufopfernder Freundschaft ergeben war. Dieser war der reichste Mann der Gemeinde, stets ein Mitglied der Gemeinde-Vertretung, und seit meiner frühesten Kindheit wohnten wir in seiner Nachbarschaft. Levi hatte mehrere Kiuder, die meine Spielkameraden waren. — Die älteste seiner 3 Töchter, Mirjam, war 10 Jahre alt, als ich 15 Jahre zählte. Schon als Kinder verband uns ein herzliches Einvernehmen; wann der erste Keim der Neigung zu Mirjam in mein Herz gefallen, und wann er zur Blüthe der Liebe sich entfaltet, ich weiß es nicht. Seit meinem 15. Jahre, bis ich, 20 Jahre alt. nach wohlbestandenem Abiturienten - Examen, die Universität iit B. bezog, verging gewiß nicht ein einziger Tag, an dem ich nicht Mirjam, wenn auch nur wenige Minuten, gesehen und gesprochen hätte. Unser Verkehr war rein .und harmlos; wir dachten gar nicht, unsere Neigung uns zu gestehen; von unserer Liebe hatten wir nie gesprochen. Ich war schon früh zu ernst, zu gewissenhaft, um mit Mirjam, die ja noch ein Kind war, von Liebe zu sprechen. Vielleicht verstanden wir selbst nicht das Gefühl, das unsere Herzen bewegte. Wenn die Liebe plötzlich kommt, dann wird sich der Liebende sofort der Veränderung bewußt, die in und mit ihm vorgegangen. Unsere Liebe war in langen Jahren, im kindlichen Zusammenleben langsam und leise entstanden und gewachsen, wie wir selber; was weiß der Mensch, wann er aufhört, ein Kind zu sein? — T-ie war auch natürlich nicht unbemerkt geblieben, die Neigung unserer Herzen. Man neckte uns manchmal, indem man uns Braut und Bräutigam nannte, nicht selten im Beisein unserer Eltern. Düse lächelten dazu und — schwiegen. Auch Mirjam genoß eine gute Erziehung. Die Töchterschule in N. stand in gutem Rufe, und Mirjam war fleißig. Ich war, wie gesagt, 20 Jahre alt, als ich das Abiturienten-Examen bestand. _ Bevor ich die Universität bezog, traf mich noch ein harter Tchlag, der Tod meines Vaters. Es war am Morgen nach dem VersöhnungStage. Mein Vater, noch nicht alt, aber von Natur und durch fleißiges Studiren etwas schwächlich und an dem Tage noch sehr ermüdet vom gestrigen Fasten, hatte eben dem Gemeindediener Anweisung zur Errichtung der „Sukka" gegeben und

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