Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 46 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches M 4«. utili-fi-l/#.// H-rausgcgeben von l)r. M. Rahmen in Magdeburg. Zur Antkrhaltvug n. Kkiehniitg für dir israelitische Jugend. Der Jugendfreund. Novelle aus dem jüdischen Leben von Lehrer Max Cohn. (Fortsetzung.) — Mirjam. Erzählung von Dr. I. Goldschmidt. (Fortsetzung.) — Der Dualismus im Menschen. — Allerlei für den Familientisch: Scheintod. Aus der Praxis. Treue Liebe über's Grab. Zeitgemäß. —!122N Zum Abschnitt Wajera. Von L. Cohen, Rees a. Rh. — Aus dem Spruchschatz des Talmud. Poetisch übertragen von Max Weinberg. — Räthsel-Aufgaben und Räthsel-Lösungen. Der Jugendfreund. Novelle aus dem jüdischen Leben von Lehrer Max Cohn. 12. Kapitel. Der neue Tag war angebrochen und wieder war der kleine Kreis beisammen. Da wurde plötzlich der alte Stern unwohl und entschuldigte sich, und Karl ries jemand dringend nach dem Comptoir. Indessen bat der alte Stern, Erna sollte doch Herrn Emanuel auf einige Zeit Gesellschaft leisten, bald sei er selbst da. Erna wußte nun warum all diese Manipulationen getroffen wurden und gefaßten Muthes ging sie Emanuel entgegen. Sie wollte eine sorgsame Tochter sein, ihren Vater vor dem Bankerotte schützen; der alte Name Stern sollte seinen guten Klang in der Welt behalten! Noch einmal dachte sie an die Begegnung auf dem Kirchhofe, hörte das Lied. „O, bleibt Euch treu, denn Eure Wege, die lenket stets der ewige Hort!" — „Fort, fort mit den Gedanken um diese Stunde. — Herz, sei standhaft!" Da hörte sie plötzlich Herrn Emanuels Stimme. „Fräulein Stern", redete er sie an, „Sie ahnen vielleicht, was mich zu Ihrem Vater führt?" „Nein", sagte Erna, „durchaus nicht Herr Emanuel!" „Nun, Fräulein Stern, ich bin lange Zeit schon allein und verlassen. Mir fehlt eine treue Person, wissen Sie, da dachte ich an die alte Freundschaft, die zwischen Ihrem Vater und mir besteht. Schon lange stehen wir beide in Geschäftsverkehr. Nun, meine persönlichen Verhältnisse kennen Sie vielleicht noch nicht. Aber wissen werden Sie wohl, daß ich eines der ersten Bankhäuser der Residenz besitze, daß bei mir alles wohlgeordnet ist, nur fehlt in diesen Räumen eine Frau." — Er hielt plötzlich inne und wollte sehen, welche Wirkung sein Gespräch auf Erna haben würde. Doch diese hörte nur sehr theilnahmslos zu, ihre Gedanken weilten wo anders. „Fräulein Stern", fuhr er fort, als Erna plötzlich aufschaute, „Ihr Vater hat in letzterer Zeit sehr große Verluste gehabt, viele Zahlungen sind eingestellt worden, die Spekulationen an der Börse mißlangen ihm, schon fängt Ihr väterliches Geschäft an zu sinken. Wie wär's also, wenn wir uns verbänden, um Ihren Vater aufzuhelfen?" „Erna, wollen Sie sich entschließen, mir am Altäre die Hand zu reichen?" Er war aufgestanden und hatte ihre Hand ergriffen. „Wie denkt mein Vater darüber", fragte Erna kalt. „Es ist sein lebhaftester Wunsch und wünscht er nur Ihre Einwilligung." „Gut, wenn es mein Vater wünscht, so will ich gehorchen, aber, Herr Emanuel, erwarten Sie von mir niemals mehr als Hochachtung." Formell reichte er ihr die Hand und steckte einen Brillantreif an ihren Finger. Eiseskälte überrieselte Erna, als sie sich als Braut sah, Braut des ungeliebten Mannes. „Nun, meine liebe Braut", sagte Emanuel, „laß uns zum Vater gehen und ihm die freudige Nachricht mittheilen." Er legte ihren Arm in den seinigen und glückstrahlend ging er hinunter; doch da kam ihnen schon der Vater entgegen und als er das Paar erblickte, gratulierte er demselben aufs Herzlichste und küßte Erna, welche keinen Laut von sich gab. Auch Karl kam hinzu und gratulierte. Sein Plan war gelungen, nun hoffte er Emmy bald als Weib zu gewinnen. An demselben Abend wurde bei Stern's Erna's Verlobung mit Herrn Emanuel gefeiert und alle Bekannte kamen, um zu dem festlichen Akte zu gratulieren. Keiner sah es aber Erna an, wie es ihr um's Herz war, Alles war vergessen. — Die Verlobung war beendet, die Gäste heimgegangen, und Emanuel hatte sich von feiner Braut verabschiedet. Morgen wollte er nach der Residenz wieder reisen, versprach aber bald wieder zu kommen. Als Erna wieder auf ihrem Zimmer war, zog sie den Brillantring vom Finger; es war ihr, als ob derselbe alles entzünden möchte. Wie sollte sie Joseph empfangen, dem sie Treue in allen Lagen des Lebens versprach! — Doch der Wille ihres Vaters mußte ihr heiliger sein, als die Liebe zu Joseph! — Und sehnlichst wünschte sie, ihm nie wieder zu begegnen, um nicht alte, kaum vernarbte Wunden wieder aufzureißen. Daß doch immer und immer wieder die Kirchhofsbäume zu ihr hinüberwinkten, es war ihr, als ob sie die Bäume warnen und ihr die gebrochene Freundestreue Vorhallen möchten. „Treulose", klang es in ihr", der Du dem Jugendfreund im Kusse alles versprachest." „Warum mahnt mich Alles?" Unwillig schloß sie die Laden, sie wollte den Ort nicht mehr sehen, denn ihr war es, als ob zwei ernste Augen prüfend sich auf sie richten möchten, und ihr zuriefen: „Erna, Erna, Du hast das Jugendglück gewaltsam zerstört". — Mein Gott! es war nicht mein Wille, die Kindespflicht trieb mich dazu .... tönte es in ihr nach. 13. Kapitel. Erna war Braut. Fast alltäglich schrieb ihr Emanuel die zärtlichsten Briefe, die sie ihm natürlich beantworten mußte. Doch wie schwer fiel es ihr freundlich zu sei», selbst das traute „Du", das Freund und Freund verbindet, wollte ihr nicht gelingen. In allen Briefen sprach sich die schärfste Kälte und Gleichgültigkeit aus. Der Winter war hingegangen mit allen seinen rauschenden Vergnügungen, denen Karl und Emmy sich ganz Hingaben. Karl halte Emmy zum Bahnhof das Geleit gegeben, und der alte Stern sah eines Tages zu seinem großen Entsetzen, daß er ruiniert war, daß seine Gläubiger schon drängten und drohten, alles, was er besaß, unter den Hammer zu bringen. Desto glänzender stattete aber Emmy sich aus und Karl, der für sie die größten Summen liefern mußte.