Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 45 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 175 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 175 „Ich liebe ein jüdisches Mädchen!" Nun fehlte mir jeder Anhalt zur Enträthselung meines Freundes. Ich schwieg. Taktlos wollte ich um keinen Preis sein. Er mußte es selbst einst Heu, wer dem Freunde so viel vertraut, der hat die Pflicht, Unn alles zu vertrauen, oder er — mußte schweigen. _ (Fortsetzung folgt.) Alles schon dagewesen! In Nr. 4 der Jsr. Wochenschrift, unter der Rubrik: „Aus der orthodoxen Praxis", befindet sich ein recht sarkastischer Artikel gegen einen modernen „Scheitel-Eiferer", einen Rabbiner-Vr., der es sich zur Lebensaufgabe gemacht, von der Kanzel herab beständig gegen die „Scheitellosigkeit" der Frauen mit einem Feuereifer zu donnern, der wahrlich einer bessern Sache würdig wäre. Aber diese Heißsporne wollen damit zeigen, daß nur sie es verstehen, das Judenthum „aufs Haar" zu nehmen. Doch taffen wir oiese modernen hohlen Scheitel, mir ist es hier nur um die Mittheiluug zu thuu, - daß ein ähnlicher Vorfall, wie der in besagter Nr. berichtete, sich in unserer Gemeinde (ich lebe in Frankfurt a. M.) i. I. 5559, also vor 88 Jahren, abgespielt hat, und daß die damaligen jungen Leute den Vorfall in einem Spottgedichte geißelten, das zur Zeit im Druck erschien und wovon ich Ihnen, da es selten geworden, eine Abschrift zum gudium der Leser sende. Das Titelblatt lautet wie folgt: „Hurwitzeus Judenfrauen-Haarverbot." Eine Romanze. Nebst einem Schreiben an seine zwölf Miethlinge oder sogenannte Juden - Baumeister. I e r u s a l e m. Gedruckt in Sarail des Königs Salomons 5559. I. Romanze. Es war im Mai ein schöner Tag, So schön wie man ihn wünschen mag. Die Sonne an dem Horizon Erschienen aller Frühe schon, Und ach! ihr schöner Purpnrglanz Erfreute alle Herzen ganz. Es sagt' ein jeder, Mann und Weib, Sieh, welch' ein Tag zum Zeitvertreib, So schön fing lang der Mai nicht an, Und wie ich dich versichern kann, War nie in meiner Lebenszeit Mein Herz so voller Heiterkeit. Und Mann und Weib bereiten sich Zum Kirchengang ganz eilendlich; Zn beten und zu flehen dort Den aller-allerliebsten Gott, Daß dieser schöne Sommertag Auch reiche Ernte bringen mag. Sv füllte sich die Kirche bald Mit Männern, Weibern jung und alt. Ein jeder trug in seiner Brust Nichts weiter als die Andachtslust. Und, wie man sich leicht denken kann, Fing alles nun zu beten an. Und jeder flehte inniglich Zum lieben Gott verschiedentlich. Der Kranke schrie aus vollem Mund Ach lieber Gott! mach' mich gesund. Der Geizhals wollt' in dieser Welt Vom lieben Gott recht vieles Geld. Der Blinde in der Finsterheit, Bat herzlich um die Sichtbarkeit, Die Frau, die ohne Kinder war, Schrie: mache Gott! mich doch fruchtbar. Der Stumme nurjirug in dem Herz Ganz schweigend seinen großen Schmerz. In dieser großen Frömmigkeit Verging alsdann vie Kirchenzeit. Man schickte sich zum Forttzehn an, Der Mann nahm Frau, die Frau-dm Mann;.; Doch war man kaum der Thüre nah, A/s Plötzlich man ein Wunder sah. Die Kirchenthüre sprengte auf, Es stiirzte sich in vollem Lauf Ein' Schwärmerznhl zur Thür' hinein, Man glaubte, daß es Engel sein; Doch höret, höret! hört und lacht, Ein Rabbi ward hineingebracht. Und keiner war int Volk gescheid, Was will wohl seine Heiligkeit? Denn heute ist der Tag wohl nicht, Wo Hnrwitz*) mit dem Volke spricht! So tvar ganz voller Bangigkeit Das ganze Volk in kurzer Zeit. Was mögen das für Dinge sein? Sagt mancher Narr in sich hinein. Ich halt's nicht ans, ich mach »nicht fort Von diesem allerheil'gsten Ort. Auch dachte er, noch ist es Zeit Zn fliehen Seiner Heiligkeit. Und alles auf den Rabbi sah, Man hörte weder nein noch ja. Dann öffnet sich des Rabbi Mund So weit lvie eines Drachen Schlund. Es tvar tvnhrhaftig fürchterlich, Man glaubte Hnrwitz würge sich. „Ach Brüder, berzigliche,**) hört, „Was Gott von Euch durch mich begehrt. „Er siehts mit bösem Willen an, „Daß unter Euch gar mancher Mann „Es seinem Weibe nun erlaubt, „Zu zieren sich mit Haar das Haupt. Der Rabbi nun, von Zorn entbrannt, Ergriff die Thora mit der Hand; Er legte sie aus den Altar, Und fluchte so dem Frnuen-Haar: „Es werd' ein jedes Haar zur Schlang', „Und jede zwanzig Ellen lang. „So viel als Haare hundertmal „Sei jeder Schlange Zahne Zahl, . „Auch jeder Zahn mit Stahl gespitzt, „So daß ein See von Blute spritzt, „So oft sie in die Ferse beißt, „So wie die Thora ihr es heißt. „Noch ungesättigt sei ihr' Wuth „Von allem diesen Frauen-Blnt; „Sie habe tausend Füße dann „Mit vielen, vielen Krallen dann, „Die hacke sie ans eimnal ein „In Kopf und Brust, in Arm und Bein. „Mit Gift sei jede Schlang gefüllt, „So daß es aus den Zähnen quillt. „Hat sie dann alles ivund gemacht „In jede Wund' viel Gift gebracht, „So schwelle jedem bösen Weib „Die Hände, Füße, Brust und Leib. „Rief' dann die Frau um Hülfe an „So finde sich dazu kein Mann. „Doch böse Geister kommen her „Und plagen jeden Sünder, der „Jehova nicht gehorsam war, „Sick zierte mit dem schönen Haar. „Sie geb' im Schmerz den Geist dann auf, „Man bringe sie zu Grabe drauf. „Der Teufel nehme aus der Gruft „Und trage schwebend in der Lust „Die Ketz'rin, die gesündigt hat, „Zur Hölle hin in's Feuerbad. „Dort liege sie so lange drein, „Bis sie von allen Sünden rein „Gehörig sich gewaschen hat, „In jenem heißen Höllenbad. , „Er nehm' sie bei dem Haare dann „Und wers' sie in den Ocean." •- So endigte des Rabbi Fluch, Man schloß als dann das Mosisbuch. Drauf jeder Mann sein Weib ansah, Wer glaubt wohl, was alsdann, geschah? Man murnrelte und ging nach Haus Und lachte Hnrwitz derbe aus.. *) Namen des Rabbiners. **) Sein gewöhnlicher.Zurui an das Volk.