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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 45 (1886) · p. Seite 174

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
45 (1886)
Date
1886-01-01
Page
Seite 174 (sequence 2)
Language
German
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— 174 Joseph Sie jetzt sehen möchte, wie würde er sich freuen. Aber er kommt ja nicht mehr her und Sie, Fräulein, werden sich gewiß auch bald verheirathen. Mag Ihre Mutter in der Erde an Gottes Thron für Sie beten!" Und sie wollte noch weiter sprechen, als Erna sie unterbrach. „Warum nennt Ihr mich Fräulein Stern," sprach sie weinend, „nennt mich doch lieber, wie als Kind, Erna oder Ernaleben, wie Ihr es sagtet. Soll sich wirklich alles schon verändert haben! Wo ist die Kindheit geblieben, da ich auf Eurem Schooß, liebe Beile, saß und Ihr mir Geschichten erzähltet, die ich so gerne hörte? Wißt Ihr, liebe Beile, heute will ich Euch eine Geschichte erzählen. Aber erst müßt Ihr mich wieder so nennen, wie Ihr es in den Tagen meiner Kindheit gethan habt. Thut es mir schon znm Gefallen, ich bitte Euch so sehr darum." „Erzähl' mein Leben, erzähl' Ernaleben." bat Beile. Wie traulich klang diese Stimme, wie erinnerte sie Erna nicht an einstige schöne Zeiten! „So ist alles anders geworden, alles anders geworden, wie ich es erhofft habe?" „Laßt mich erst an Eurem Halse, treue, liebe Beile, weinen, meinen Schmerz ausweinen." Beile selbst wurde gerührt. Die alte, siebzigjährige Frau war bewegt und umarmte Erna, die lange, lange weinte. „Was fehlt Dir, Ernaleben, sage es mir doch, der alten Beile, bei der Du so oft geweilt hast. Welcher Schmerz drückt Dcin liebes Herz?" „Ach, Beile, ich kann es nicht sagen, es ist ein altes Lied. Nun hört die Geschichte." sagte Erna: „Zwei Kinder wuchsen nebeneinander auf. Beide hatten sich gern. Aber das Mädchen war reich und der Knabe arm. Da kam es eines Tages, als das Mä chen erwachsen war, daß der Vater sie zwang, einen andern zu heirathen und den Jugendfreund zu vergessen. Dem Mädchen blieb nichts, als die Erinnerung und das Weinen um den verlorenen Jugendfreund. Habt Ihr mich verstanden, Beile?" fragte Erna. „Ja, mein Herzlebeu," gab die alte Frau tonlos zur Antwort. „Möge Gott, boroch hu,*) Dich ferner beschützen, werde glücklich und vergiß, was nicht zu ändern ist." „Niemals!" sagte Erna, dann gingen beide stillschweigend von dannen. Es war Erna doch wohl, der alten Frau das Herz offenbart zu haben, denn einem verhängnißvollen Ziele ging sie ja entgegen, sie sollte, als das Weib Emanuels, die reiche, aber unglückliche Frau eines Geldmenschen werden. _ (Fortsetzung folgt.) Mirjam. 2 Erzählung von Dr. I. Goldschmidt. --— Nachdruck verboten. Viertes Kapitel. Es war am Tage vor meiner Abreise. Ich hatte bereits Alles gepackt und mich reisefertig gemacht der Tag neigte sich zu Ende; nur noch wenige Stunden sollte ich in dem lieblichen Thale weilen. In früheren Jahren war ich am Vorabend meiner Abreise mit dem Abschiednehmen von Wald und Höhen, von denl rauschenden Waldbache und der reinen, leichten Höhenluft beschäftigt; heute trieb cs mich nicht hinaus, sondern zu meinem Freunde. Er hatte mich auch erwartet; mit Hut und Schirm stand er vor mir, als ich die Thüre seines Zimmers öffnete. ] Wie auf Verabredung gingen wir, von einer innern Stimme, getrieben, den Weg hinauf zur Mooshütte, dem Orte unserer ersten Begegnung. — S.£ Mir war, so sehr ich den Freund liebte, bei dem Gedanken an die Trennung nicht sehr schmerzlich zu Muthe. Die Trennung, die mir bevorstand, führte ja zu einem frohen Wiedersehen der Meinen. Dem Freunde aber schien meine nahe bevorstehende Reffe näher zu gehen, als ich erwartet hatte. — „Sie sind glücklich" — sagte ec wehmüthig — „Sie reisen nach Hause, in Ihr trautes Heim, zu den Ihrigen. Eine Gattin, liebe Kinder, erwarten Sie mir Sehnsucht; ich bleibe hier allein zurück" — „Nun, so lassen Sie dies eine Mahnung sein für Sie, auch bald an die Gründung eines trauten Heim, an die Wahl einer Gattin zu denken." „Ich — darf nicht!" sagte er leise, mit unbeschreiblich schmerzlichem Ausdruck. Ueberrascht blickte ich ihn an. „Sie dürfen nicht? Ein Mann, wie Sie. darf nicht? Sind Sie noch nicht mündig? Fehlt es Ihnen an Existenzmitteln? Ein Mann, wie Sie, darf Alles!" „Auch . . . das Unerlaubte?" „Ist denn die Wahl einer Gattin, die Gründung eines Heim, ist denn die Liebe, die Ehe, das Familienleben — etwas Unerlaubtes? Es ist ja die höchste und schönste Bestimmung des Menschen, die Selbstsucht zu überwinden, glücklich zu sein durch Liebe und durch Liebe zu beglücken. Ein Familienleben zu gründen, ist das Recht eines jeden würdigen Mannes." „Ich besitze nicht — dies Recht." „Sie nicht? dies Recht nicht? Dies ist eines der Rechte, die zugleich Pflichten sind. Diese Rechte besitzt man immer, denn man kann sich ihrer nicht entäußeru." „Ich besitze nicht mehr das Recht, diese — Pflicht zu erfüllen, nicht mehr das Recht, zu lieben; ich habe es durch Schuld verscherzt." — Tiefer Ernst, brennender Schmerz lag im Tone seiner Stimme. Unwillkürlich schwieg ich. Ja. man kann auch die Rechte verlieren, die Pflichten sind. Der Unwürdige die Rechte des Bürgers; der Gewissenlose das Recht — der Freiheit; der Mörder das Recht—des Lebens. Diese Rechte, die zugleich Pflichten sind, spricht das bürgerliche Recht dem ab, der sie verscherzt hat. Das Recht der Liebe, von dem zwischen uns die Rede war, konnte meinem Freunde doch nur das eigene moralische Bewußtsein absprechen. Wie rein, wie edel, wie gewissenhaft mußte der denken, der die Kraft besaß, sein eigener strenger Richter zu'ftin! — Inzwischen hatten wir die Mooshütte erreicht. Wie gewöhnlich, war sie auch diesmal nicht besucht. Wir traten ein und setzten uns. Still, in sich gekehrt, den Blick nach innen gerichtet, der Gegenwart scheinbar entrückt, wie mit einem fernen Gegenstände im Geiste beschäftigt, — so saß mein Freund mir gegenüber. Stille Wehmuth umfloß seine Züge. Das tiefste Mitgefühl überwältigte mich. Was mochte es sein, was dieser Edle zu bereuen hatte? — Eine fixe Idee war es gewiß nicht bei ihm; dieser kräftige, gesunde, klar denkende Mann war keiner fixen Idee fähig. Von welcher Beschaffenheit konnte die Schuld sein, die ihn verurtheilte, auf die Liebe, auf das Glück des Familienlebens Verzicht zu leisten?" „Sie scheinen mir," unterbrach ich endlich das Schweigen , „zu strenge gegen sich selbst zu sein. Die Gewissenhaftigkeit gegen sich selbst kann, zu weit getrieben, sehr leicht in ihr Gegentheil Umschlägen. Oder sprechen Sie so, weil Sie noch nicht das Mädchen gefunden, dem sich Ihr Herz geöffnet hat? Sie kennen vielleicht die Liebe nur aus den Büchern, haben vielleicht über den Büchern versäumt, zu lieben und um Liebe zu werben?" Er zögerte einige Sekunden mit der Antwort. Endlich, sagte er: „Ich kenne die Liebe, sch liebe und werde geliebt. Nichts steht meine« Glück im Wege! als das Bewußtsein, meiner Pflicht zu entsageu." ' Plötzlich durchzuckte mich ein Gedanke. Er war Jude er war fromm, das Mädchen seiner Liebe war . .. „Sie lieben ein'"nichtjüdisches Mädchen!" *) Gesegnet sei Er!

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