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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 45 (1886) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
45 (1886)
Date
1886-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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-irdisches M 45. Heruusgcgcbcn von Dr. M. Rtthmer in Magdeburg. -4^~ 3nr Werhaitnug u. Selkhrmg für die israelitische Jagend. Inhalt: Der Jugendfreund. Novelle aus dem jüdischen Leben von Lehrer Max Cohn. (Fortsetzung.) — Mirjam. Erzählung von Or. I. Goldschmidt. (Fortsetzung.) — Alles schon dagewesen! — Allerlei für den Familien tisch: König Friedr. Wilhelm IV und Geh. Hofrath Moser. — Räthsel-Aufgaben und Rälhsel-Lösungen. Der Jugendfreund. Novelle aus dem jüdischen Leben von Lehrer Max Lohn. 11. Kapitel. Der Abend war herangekommen. Stornos Salons strahlten wieder in prächtigstem Glanze, als der alte Stern mit dem Besuche eintrat. Erna erschrak sichtlich, als ihr der Vater den Bauquier Emanuel aus der Residenz vorstellte. Emanuel war ein Mann hoch in den Fünfzigern und besaß jenen Gesichtstyptis, der für eine klein denkende Natur so sehr bezeichnend ist. Ein lichter Vollmond strahlte auf seinem Haupte, der mit den kleinen, funkelndeit Augen zu wetteifern schien, und dazu drängte sich seine Nase so voreilig in die Welt hinein! Wahrlich, keine zu sehr imponirende Erscheinung; aber reich war er, ja, eilt Millionär, und das war ja einnehmend genug! Liilkisch reichte er Erna seine mit Ringe»! überladene Finger und eigenthümlich sah es aus, wie diese dicken Finger au der schweren, goldenen Uhrkette spielten, die sich von der prächtigen weißen seidenen Weste seltsam abhob. Erna, die heut bediente, denn so wünschte es ihr Vater, wußte nicht recht, was sie mit dem Besuch sprechen sollte, der bei jeder Gelegenheit seine gelbe Gesichtsfarbe mit einem wenig Nosenroth vertauschte und verlegen ein paar Bücklinge dazu machte. Er sprach ja ausschließlich nur von Börsenspekulationen, von den neuesten Börsenberichten, nur mrht von dem, was Erna interessiren konnte. Er offenbarte sich in Haltung wle in Rede als der wahre Goldoukel. Doch mit Wohlgefallen schaute er auf Erna, die ihm so wohlgefiel, daß er sie mehr als nöthig musterte. Erna mußte auch auf Wunsch ihres Vaters etwas Vorträgen, und Herr Emanuel äußerte, daß es ihm ein Hochgenuß sein werde, wenn Fräulein Stern sie unterhalten würde. Nachdem die Tafel aufgehoben wurde, zog sich Herr Emanuel zurück und äußerte den Wunsch, morgen doch wieder vorsprechen zu dürfen, was natürlich sehr gern gesehen wurde. Auch Erna stimmte darin ein. glaubte sie doch, daß es nicht Herr Emanuel selbst sei, den sie etwa heiratheu sollte. Dieser alte Manu sollte noch freien! Vielleicht kam er im Namen seines Sohnes, denn Emanuel's Familie kannte ja nur der alte Stern und Karl. Wie erstaunte sie aber, als sie plötzlich ihr Vater fragte: »Nun sag' mal, Erna, wie gefällt Dir Herr Emanuel?" „Wie mir Herr Emanuel gefällt?" wiederholte Erna erstaunt die Frage ihres Vaters. „WaS soll der alte Mann mir denn gefallen?* »Erna, sei nicht thöricht," fuhr Herr Stern fort, „ich wünschte, er gefiele Dir gut!" — »Sag' mal,- brach er wieder plötzlich vom Thema ab, »hast Du noch gar nicht einmal dar^n gedacht, den Mann Deiner Wahl zu treffen?" „Nein,- gab Erna ausweichend und zögernd zur Antwort, »ich bin ja noch sehr jung und habe ja noch Zeit genug. Du, lieber Bater, brauchst ja noch immer eine Person, die Deine Interessen wahrnimmt, also denke ich. daß ich noch ein paar Jahre warten könnte." „Erna," unterbrach sie ihr Vater fast feierlich, „hast Du vielleicht eiue Ahnung, warum Herr Emanuel uns besucht hat?" „Nein," sagte Erna, „doch er wird wohl mit Dir Geschäfte machen?" „Wenn ich Dir aber sage, Erna, daß Herr Emanuel Dich zur Gemahlin wünscht, was würdest Du dann sagen?" „Herr Emanuel will mich zur Frau, der alte —" Sie wollte noch weiter sprechen, aber die Stimme versagte ihr. Also sie sollte ein Opfer werden, um ihr Hms zu bereichern. sie, das blühende Geschöpf, sollte tue Frau des wachsqelben Emanuel werden? Keines Wortes fähig, hielt sie sich an der Lehne des Polsters fest, sie glaubte zu vergehen, ein L>chwiudel erfaßte sie, und als sie wieder erwachte, war sie allein. Morgen sollte sie Herrn Emanuel versprochen werden, wenn sie nicht den Zorn des Vaters auf sich laden wollte Von drüben winkte der Friedhof und lud Erna ein. Schnell entschlossen suchte sie die Stätte der Todten auf und weilte wieder am Grabe ihrer Mutter. Hier machte sie ihrem gepreßten Herzen in einem Thränenstrome Lust. Fast ein Jahr war vergangen, seit sie an diesem Orte mir Joseph gestanden hatte; jetzt war sie allein, keine theilnehmende Person stand ihr zur Seite. Keiner war da, dem sie ihr Herz ausschültcn konnte. In der Nähe des Grabes ihrer Mutter ruhten Joseph's Eltern, und Joseph selbst, er war weit, weit von Erna entfernt und hatte von all' den Wandlungen keine Ahnung.' Der nächste Sommer sollte ihn ja erst wieder in die Heimath führen, erst als Doktor wollte er um Erna freien. Da schreckte plötzlich ein Geräusch Erna auf. das am Grabe Joseph's Eltern die unheimliche stille unterbrach. Erschrocken drehte sie sich um und sah, wie eine fast gebrochene Frau sich an diesen Gräbern etivas zu schaffen machte. „Beile!" stieß Erna erfreut aus. sie war es ja, die Erzieherin Joseph's, die hinausgegangen war am Jahreszeittage Joseph's Mutter. In ihrer Hand hielt sie die T'chmah •) und leise bewegten sich ihre Lippen in einem nicht hörbaren^ Gebete. Die alte Beile war es, die noch allein die sonst verlassenen Gräber aufsuchle. Joseph hatte für ihr Alter gesorgt und sie so flehentlich gebeten, für die Gräber seiner Eltern Sorge zu tragen. „Fräulein Stern, jetzt bin ich fertig mit dem Gebet für die sichtige Seele der guten Frau! Mögen die Malochim (Engel) sie beschirmen! Nicht wahr, Fräulein, es ist Alles anders geworden. Andere Personen sind eingezogen dort, wo ich fast fünfzig Jahve gewohnt habe. Bald werde ich auch hier liegen. Wie haben Sie sich aber verändert, bei Gott, wenn. *) Gebetbuch für Frauen.

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