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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 43-44 (1886) · p. Seite 171

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
43-44 (1886)
Date
1886-01-01
Page
Seite 171 (sequence 5)
Language
German
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Vertage zu Nr. 43—44 des „Jamitieu-Akatts Problematischen Tischgenossen nachdachte, höre ich mich Plötzlich vom Herrn San.-Nath angeredet. „Ei ei, sie sind ja so gedankenvoll? Ob Sie das vorgeschriebene Maß wohl einhalten, Herr Dr.?" — „Wer weiß? Ein hochwichtiges anthropologisch-soziales Problem beschäftigt mich sehr lebhaft, Herr San.-Rath!" — Ich bemühte mich eine recht betrübte Armensünder-Miene 511 machen. Die Folge davon war, daß der Herr San.-Rath eine sehr strenge Berufsmiene machte und mich tüchtig abkanzelte. „Mein werthester Herr Dr. und Ehrwürden, ich habe Ihnen schon oft gesagt, an der Pforte unseres Kurorts steht die Inschrift: „Lasset die Philosophie draußen!" Anthropologie und Sozialismns, das ist mir eine schöne Kurort-Diät. Sofort verabschieden Sie ihre hochwichtigen Probleme, oder wir sind geschiedene Leute!" — „Herr San.-Rath" — wagte ich ganz zerknirscht zu bitten — „seien Sie nicht so böse, gehen Sie nicht so streng mit mir in's Gericht! Mein Vergehen ist vielleicht nicht so bedeutend, als Sie denken, und wenn ich schuldig bin, so sind Sie mitschuldig". — „Da bin ich doch neugierig, wie Sie das deduziren wollen. Am Ende bin ich selbst Gegenstand Ihres anthropologisch-sozialen Problems". — „Sie nicht, aber der Herr Dr. R., den Sie eben so freundschaftlich auszeichneten". „Ach so, der ist ein bedeutender Mann, trotz seiner Jugend einer der ersten Irrenärzte der Gegenwart. Sein neuestes Werk: „Phychiatrische Briefe" ist von epochemachender Bedeutung. Kennen Sie den Dr. R."? — „Nein". — „Und ihre Gedanken beschäftigen sich mit einem Manne, den Sie nicht kennen?" „Der Dr. R. ist mir ein Räthsel, und ein Räthsel kann mich rasend machen, wenn mir die Lösung nicht gelingen will". — „Sie kennen ihn ja aber nicht". — „Mein Gott, ich kenne ihn, aber nicht zur Genüge. Er ist mein Tischgenosse und so merkwürdig. Er ist gesund und jung und weilt hier als Kurgast; er ist Arzt, und nach ihren Worten ein bedeutender, und ist religiös; er kann nicht lachen und scheint doch kein Menschenfeind zu sein; er ist ein Gentelmann und ein Weiberfeind" . . . „Halten Sie ein, Herr Dr." — sagte der San.-Rath — „meine Sprechstunde ist da. Möge der Himmel Ihnen günstig sein und Gelegenheit geben, des Räthsels Lösung auszufinden. Adieu!" „Adieu!" — Zweites Kapitel. Der Himmel war meiner Neugierde schon am folgenden Tage günstig. Auf dem Gipfel des Hügels, der nach der Südseite das Thal abschließt, steht die „Mooshütte", ein unbewohntes, jedem Besucher offen stehendes, mit verschiedenfarbigen Moosen . austapezirtes Holzhäuschen. Bei der geringen Höhe des Hügels, gelangt man ohne Anstrengung auf einem in vielen Windungen, abwechslungsreichen, duftigen Waldwege in dieselbe. Trotzdem ist sie nur selten besucht. Die Gesunden und Kräftigen suchen sich weitere, pikantere Touren; für die Schwachen und Kranken ist diese geringe Anstrengung auch zu anstrengend. — Oft besuchte auch ich die „Mooshütte" nicht; aber doch mindestens zweimal in der Saison. So oft pflegten nämlich diejenigen „Augenblicke in meinem Leben" emzutreten, in denen ich zwar nicht „der Gottheit näher" stehe, als sonst, aber der Menschheit ferner zu stehen wünsche. Einsamkeit — ist dann das „Nirvana" meiner Sehnsucht, und die „Mooshütte" war so recht dazu geeignet, haß man sich daselbst der Einsamkeit ergeben konnte. Am folgenden Tage stellte sich bei mir das Bedürfniß einer Wallfahrt nach der „Mooshütte" ein. — Wie war ich überrascht, den Herrn Dr. R. daselbst zu treffen. Und nun war im Nu meine „Nirvana-Stimmuug" vorbei. — Sofort war ich entschlossen, die günstige Gelegenheit zu nutzen. Im Kurorte, im gemüthlichen Schlesien wenigstens, wird die Etikette nicht so ganz streng genommen. Es gilt da als das natürliche Recht eines jeden Kurgastes, den Bruder im Kurgebrauche kennen lernen zu wollen. Unglück macht zwar, wie Mirza-Schaffy behauptet, im Allgemeinen den Menschen nicht besser, aber gegen Leidens-Gefährten freundlicher, gutherziger, umgänglicher. Dies, verbunden mit der Langeweile, da alle ernstere Thütigkeit, wie der Badearzt behauptet, beim Kurgebrauche schädlich ist, erzeugt eine natürliche Anziehungskraft unter den Besuchern des Kurorts, worunter die Steifheit der Etikette, die erfunden ist, sich die Menschen drei Schritt vom Leibe entfernt zu halten, natürlich nicht gut wegkommen kann. So durfte ich, ohne mich zu compromittiren, dem Zuge meines H.rzens, Herrn Dr. R. kennen zu lernen, freien Lauf geben, da sich die Gelegenheit so von selbst bildete. — Ich stellte mich ihm vor, ohne ein Geheimniß daraus zu machen, daß er dem Namen nach mir nicht mehr unbekannt sei. Dagegen schien ich ihm vollständig fremd zu sein; er machte eine Miene, als hätte er mich noch gar nicht gesehen. Und wir hatten doch so oft schon an einem Tische gespeist, allerdings an einem mehrere Meter langen, wie <er in den schlesischen Restaurants gebräuchlich ist. — Verstellte er sich? Wollte er den über die Badeort - Gemüthlichkeit Erhabenen spielen? — Nein! denn gar nicht wlderstrebend unterzog er sich der Ehre, mich kennen zu lernen, und ungezwungen gab er sich der Unterhaltung hin, die sich nun zwischen uns entspann. Wir sprachen über dies und jenes, von den Vorzügen und schwachen Seiten unseres Badeortes, von B.. wo er, und von H., wo ich wohnte, wir sprachen von Krankheit und Gesundheit, von Einsamkeit und Geselligkeit; wir sprachen auch endlich von Politik und Religion. Und da machte ich die überraschende Bemerkung, daß er einerseits seiner Religion, dem Judenthume, nicht so gleichgültig, wie gewöhnlich seine Berufsgenossen, sondern mit innigem Gefühle gegenüberstand und andererseits — eine Kenntniß des Schriftthums und der Gesetze besaß, die uns ein breites Unterhaltungsfeld für einen nähern Verkehr ecöffnete, weshalb ihm ein solcher auch keineswegs unwillkommen schien. Und war es dieses, oder war es die allgemeine Bedeutung des Mannes, wodurch er im Laufe unseres Gespräches aus einem Gegenstände meiner Neugierde sich allmählich in den meines herzlichsten Interesses verwandelte? Ich wußte nun ebenso wenig von ihm, als wie zuvor, weder wer er war, noch warum er so war, wie er erschien; aber nun war es mir auch gar nicht um die Lösung dieser Räthsel zu thun. Nicht, was an ihm seltsam und geyeimnißvoll erschien, sondern sein Wesen, wie es sich gab und zu Tage trat, fesselte mich. Meinem Witz war er gleichgültiger, meinem Herzen theurer geworden. Ja, ich hätte nun um Vieles es nicht mehr gewagt, den Schleier des Geheimnisses, das ihn umgab, heben zu wollen, aus Furcht, durch eine Unzartheit oder Taktlosigkeit seine Sympathie für mich, die zu bemerken ich mir schmeichelte, zu verscherzen. — Drittes Kapitel. Von diesem Tage an kamen wir sehr häufig zusammen. Bei Tische waren wir nun immer Nachbarn, den größten Theil des Tages machten wir gemeinschaftliche, kleinere oder größere Ausflüge. Ja, wir wurden Freunde, so weit dies bei Männern, die der Kurort zusammenbringt, die verschiedenem Berufe angehören, und die das Jünglingsalter überschritten haben, nur möglich ist. Mein Gefühl, meine Hochachtung gegen ihn ward jeden Tag lebhafter. Er war ein

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