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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 43-44 (1886) · p. Seite 170

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
43-44 (1886)
Date
1886-01-01
Page
Seite 170 (sequence 4)
Language
German
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Lffnete und Karl mit einer eben angekommenen Depesche rintrat. „Erna", schreckte er sie auf, „entschuldige schon, daß ich Dich in Deinen Gedanken störe, aber diese Depesche ist zu wichtig, als daß ich eS hinausschieben sollte. Eben telegraphirt Papa, daß wir ihn heute erwarten sollen, er bringt einen Besuch aus der Residenz mit! „Willst Du mit zum Bahnhof?" fragte er Erna, die garnicht auf ihn zu hören schien. „Nein", sagte sie kurz, „ich will hier den Besuch erwarten." „Gut, so gehe ich, sagte Karl, und verschwand." — Dunkle Ahnungen stiegen in Erna auf. Sollte schon der Vater mit dem für sie bestimmten Bräutigam kommen. Sie gab sich alle Mühe ruhig zu erscheinen und den Besuch, als Tochter des Hauses, würdig zu begrüßen. Da klingelte es unten und auf der Marmortreppe, die nach oben führte, wurden Stimmen laut. Erna erkannte in ihnen ihren Vater und Bruder. Erfreut darüber, daß sie keine fremde Stimme noch hörte, öffnete sie die Thür und begrüßte ihren Vater aufs herzlichste. Dieser konnte es sich garnicht erklären, warum Erna so freudig gestimmt schien. „Sie freut sich auf den Besuch", dachte er im Innern — und Karl schüttelte zweideutig seinen wohlgepflegten Kopf! „Erna, bevor ich Dir die Neuigkeiten der Großstadt melde", sprach plötzlich der alte Stern, „will ich Dich darauf vorbereiten, daß heute Abend Herr Banquier Emanuel aus der Residenz bei uns sein wird. Gieb Dir nur rechte Mühe, ihm zu gefallen, denn es liegt mir gar viel daran, daß Du auf ihn einen Eindruck machen möchtest, weil, nun, weil Du die Tochter des Hauses und des Banquiers A. Stern bist." Weiter wurde nichts erörtert. Erna ging stillschweigend auf ihr Zimmer, die beiden Sternes irsis Comtoir und Erna's prüfendem Blicke entging es nicht, daß ihr Karl einen höhnisch-lächelnden Blick zuwarf. ________ (Fortsetzung folgt.) Mirjam. i Erzählung von Dr. I. Goldschmidt. - Nachdruck verboten. Erstes Kapitel. Der Sommer des Jahres 1879 war mit seinen heißesten Gluthen hereingebrochen und verleidete mir den Aufenthalt in meiner Amtswohnung zu 36., ebenso wie ein Jahr und zwei Jahre vorher. Die Gesellschaft meiner Bücher, die mir sonst die liebsten Freunde sind, fing an mir langweilig zu werden; meine Gedanken schweiften umher auf waldbegränzten Bergesrücken, deren es in 36. nn Umkreise von 50 Meilen allerdings keine gab. Wie schön — so stellte ich mir lebhaft vor — wie schön müßte es sich jetzt ergehen in schattiger Kühle eines Gebirgswaldes! Und wenn dein Gesundheitszustand auch gerade keine Kur nothwendig macht, so ist -deine ganze Constitution doch nicht so riesenhaft, als daß 4 Wochen Gebirgslust und Höhenklettern und Nadelholzdüfte und Zerstreuung als ganz überflüssiger Luxus anzusehen wären! — Ich spielte so lange mit dem lieblichen Gedanken einer Badereise, bis ich schließlich nicht mehr widerstehen konnte — genau so wie 1 und 2 Jahre vorher. Diesmal aber sollte ich eine Bekanntschaft machen, die mir sür's ganze Leben unvergeßlich bleiben wird. Andere Menschen machen in jeder Saison solche „unvergeßliche" Bekanntschaften; mir ist dies bisher nur dieses einzige Mal widerfahren. — Abwechslung ist die Seele des Vergnügens; ich bin in meinen Neigungen etwas konservativ. Ich begab mich nach dem schlesischen Kurorte N., nicht obgleich, sondern weil ich die beiden letzten Jahre ebenfalls da gewesen. Der Schlesier ist gemüthlich und bei ihm hört die Gemächlichkeit auch — bei der Bestimmung der Preise für Wohnung rc. in der Badesaison nicht auf. Die See- und süddeutschem Badeorte bieten gewiß mehr Annehmlichkeit als die schlesischen,, billiger sind sie nicht. Nun konnte ich allerdings, was ich. im Kurorte suchte: Gebirgslust und Waldesgrün, in jedem beliebigen schlesischen Dorfe, das kein Kurort ist, noch billiger haben. Allein nicht in jedem schlesischen Dorfe kann man — „koscher" speisen, und ich bin — Jude. Bei unserem Restaurateur in R. speiste man nicht nur koscher, sondern auch — gut. „Koscher" und gut sind zwar nur seltene Zwillingseigenschafren, denn gewöhnlich denken die Herren Restaurateure, wer religiöse Grundsätze hat, darf keine gastronomischen haben. Unser Speisewirth verstand sich besser auf seinen Vortheil. Das Wörtchen „koscher" auf seinem Schilde — kalkulirte er — könne im Kurorte nicht die Anziehungskraft auf die Gäste ausüben, als die Güte seiner Speisen und, so weit ich das beurtheilem konnte, schien er sich nicht verrechnet zu haben. Sein Lokal war stets gedrängt voll, wer erst einmal sein Gast war, der blieb es auch. Mehrere der Gäste, die für ihr Renommee als gebildete Männer besorgt waren, wenn sie „koscher" speisten, hatten es zwar versucht, unserm braven Restaurateur untreu zu werden. Aber bald kamen sie reuig, zurück, mit dem festen Vorsatze, der ja mit aller Reue verbunden sein soll, nie mehr den Fehler zu begehen, den sie eben bereueten. — Es gab aber auch außer mir Gäste, die diesen Desertations-Versuch noch nicht gemacht hatten und unter diesen war Einer, der meine Aufmerksamkeit in hohem Grade auf sich zog. Er gehörte zu den Personen, über die man sich gleich beim ersten Anblick wundert, daß man ihnen im Kurorte begegnet. Ein kräftiger, starker Mann von vielleicht 30 Jahren, von gesundem, wenn auch etwas ruhigem, müdem Wesen, war er gewiß nicht zur Kur in R. Und ebenso - ich konnte nichts dafür — mußte ich mich wundern, daß er in unserer Restauration Stammgast war. Man erkannte in ihm sofort den feingebildeten Mann der „Welt" hatte;, ja er hatte etwas Vornehmes in seinem Wesen. Es sollte eigentlich nicht so sein; aber die Thatsachen sind nun einmal danach, daß es bei Vielen immer noch Ueberraschung erregt, wenn der Jude aus den bessern Klassen auch als Jude lebt. Der Mann, von dem ich spreche, war nicht blos wegen der guten Küche Stammgast unseres Wirthes, denn er versäumte es nie, — sich zu „waschen" und zu „benschen". Gesprächig , war er gar nicht; er konnte fortwährend schweigend sitzen, wenn Niemand mit ihm ein Gespräch anknüpfte. Und doch wich er nicht unfreundlich aus, wenn jemand mit ihm eine Unterhaltung versuchte. Lachen aber hatte ich ihn noch nie gesehen. Ebenso wenig schien das „Ewig-Weibliche" ihm anzuziehen. Die Virtuosität eines Damen-Kavaliers hatte ich an ihm noch nicht bewundern können, denn ich hatte ihn noch nie in Damengesellschaft bemerkt. Wer mochte der. Mann wohl sein? — Unser Wirth war in den Personalien seiner Gäste im Allgemeinen wohl informirt, und an ihn wandte ich mich in meiner Neugierde. „Das ist Herr Dr. R. aus B." — lautete seine Auskunft. — „Dr. Rabbiner oder Dr. Mediziner"? — fragte ich weiter. — „Dr. Mediziner". — Das war Alles, was ich von meinem Wirth erfahren konnte; mehr wußte er nicht von dem Herrn Dr. R. Nachmittags, während der Kurpromenade, sah ich meinen Dr. N. mit dem ersten Badearzte, Herrn Sanitäts-Rath Dr. S., in sehr vertraulichem Gespräche, einherspazieren. Es schien mir, als ob der Herr San.-Rath, der schon ein älterer Mann war, den bedeutend jüngern Collegen sehr respektvoll behandelte. Ein neuer Umstand, um mein Interesse zu vergrößern. Wie ich so unter den Klängen der Kapelle einen etwas abseits liegenden Gang, in Gedanken vertieft, über meinen (Fortsetzung in der Beilage.) Verantwortlicher Redacteur Dr. Rahmer, Magdeburg. Druck von D. L. Wolfs, Magdeburg. Verlag von Robert Friese, Leipzig.

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