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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 43-44 (1886) · p. Seite 169

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
43-44 (1886)
Date
1886-01-01
Page
Seite 169 (sequence 3)
Language
German
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169 — Karl war mit Emmy allein und sah sich plötzlich mit Ihr ans einem schwellenden Diva». Keines von beiden sprach ein Wort, beiden schien der Augenblick ein heiliger. Da begann plötzlich Karl: „Emmy, Sie ahnen vielleicht nicht, was mich hersührt, Sie wissen es vielleicht nicht, daß ich Sie verehre — ach, -so innig liebe! Emmy, wollen Sie mich erhören, mein trautes 'Weib sein? — Emmy, Du liebst mich gewiß nicht, sonst könntest Du mich nicht mit Deinem „Ja!" so lange aus die Folter spannen." Aber Emmy, anscheinend ganz ergriffen, auf theatralische Weise erröthend und wieder erbleichend, triumphirte innerlich. Sie wußte, daß einst der Tag kommen würde, an welchem Karl diese Frage an sie richten werde. Nun hatte sie ihn so weit, wie sie es beabsichtigte. Doch scheinbar sichtlich gerührt blickte sie mit ihren so lieblichen Augen auf und sagte ,zu Karl: „Siehst Du nicht, daß ich Dich mehr auszeichne, als jebett Andern. Seit dem Tage, da ich Dir, nur Dir allein mein neues Leben danke, fühle ich mich zu Dir hingezogen. Ich liebe ja Dich, ja nur Dich allein, mein süßer Karl. Aber was wird die Welt sagen, daß ein so reicher, schöner Banquierssohn eine arme Schauspielerin heirathet, und wird Dein Vater zugeben, daß Du eine Christin ehelichst?" „Ich bin majorenn und kann allein handeln, und was kümmert uns die Welt mit ihren losen Reden. Hier, wo wir uns zum ersten Male gesehen haben, wo ich Dich, Du Holde, Süße, gefunden habe, mein auf ewig!, hier wollen wir kleben und einander uns lieben. Willst Du, Emmy?" „Ob ich will?" entgegnete Emmy; „Karl, ich bin ja die Glücklichste unter den Sterblichen. Zu viel Glück ist auf mich eingeströmt, noch kann ich es fast nicht glauben. Ich bin ja Braut, Braut! Ach, wie herrlich, wie süß! Hört ihr es auch alle, ihr Vögel, ihr Schwäne, ich bin Braut und dieser hier ist mein glücklicher, mein lieblicher Bräutigam. Karl, mein Karl, ist's auch wahr? Bin ich Dein auf ewig?" Und lieblich verschämt schlang sie ihren weichen Arm um seinen Nacken und küßte ihn recht herzlich, liebkoste ihn, strich nhm die Locken von seiner Stirne. Beide saßen noch zärtlich umschlungen, heimliche Liebesworte austauschend, als sich die Thür öffnete und die Tante hereintrat. Pathetisch rief sie, die von Emmy's Manöver wohl unterrichtet war, aus: „Eure Augen sagen mir mehr, was Eure Sprache mir nicht sagt. Nicht wahr, Emmy, Du bist Bräutchen geworden, und ich darf Sie wohl, lieber Karl, als meinen zukünftigen Neffen beglückwünschen-" Das Brautpaar stand vor der Tante, die zum Segen Beider Hände in einander legte. Noch aber sollte diese Verbindung geheim gehalten werden. Emmy wollte nach wie vor ihrer Muse treu bleiben. Karl sollte indeß die Seinigen vorbereiten; dann wollte Emmy erst ihre Verwandten aufsuchen und, wenn der Verbindung kein Hinderniß mehr im Wege stände, zum Altäre schreiten. — Lange noch wurde Rath gehalten, und erst spät trennten sich die Liebenden. Der alte Diener Sterns konnte es sich auch garnicht erklären, warum Karl heute so zerstreut schien und ihm, vielleicht in dieser Zerstreutheit, einen harten, blanken Thaler in die Hand gedrückt. Noch mehr verwunderte er sich, daß er mit einem riesigen weißen Rosenbouquett, eine Seltenheit der Jahreszeit, zu Emmy ging und auch an sie ein kleines Kästchen abgeben sollte. — Emmy entließ den Diener. Hastig öffnete sie das Kästchen und las die flüchtig hingeworfenen Zeilen: „Meine süße Braut! Empfange in aller Eile den Brautschmuck. Mögest Du in ihm so glücklich sein, wie es wünscht Dein Dir ergebener, ewig treuer Karl. 10. Kapitel. Um seine Verbindung mit Emmy zu ermöglichen, drängte Karl seinen Vater zur Verheiratung Erna's mit dem Banquier Emanuel aus der Residenz. Er wußte, daß Erna mit Emmy nicht Zusammenleben dürfen, wenn nicht zwischen Emmy's enormen Ansprüchen und Erna's Bescheidenheit ein Streit entstehen soll. „Ist Erna erst verheirathet, so gehört mir alles und dann auch meine Emmy." „Mag sie immerhin den alten steinreichen Kauz heirathen, der könnte gerade dazu helfen, um die kleinen Defizits in unserer Kassa auszugleichen. Erna war mir niemals gewogen, weil ich als Banquiersohn nicht so bescheiden bin, wie sie es ist". So bestimmte er seinem Vater auch mit dem alten Banquier Emanuel, der schon lange Wittwer war, in nähere Bekanntschaft zu treten, und eines Tages nahm plötzlich der alte Stern von Erna Abschied. Er sagte ihr, daß er nach der Residenz fahren müsse, da wichtige Geschäfte. ihn dort hinriefen und dabei faßte er Erna lächelnd an's Kinn und schaute ihr in ihre Sammetaugen! Erna wurde bleich wie der Tod, sie ahnte, daß sie nun Joseph für immer verlieren werde. Ihr Herz krampfte sich schmerzvoll zusammen, und als der Vater zur Thür hinaus war, warf sie sich schluchzend in eine Ecke des Sophas und lange, lange weinte sie dort. — Sie wußte, denn davon hatte ihr Vater schon oft zu ihr gesprochen, daß sie einem Banquier als Weib bestimmt war, und daß sie in nächster Zeit auch schon diesen erwarten sollte. In ihrem Innern thürmte sich alles hochauf, ein Kampf zwischen Liebe und Kindespflicht focht heftig miteinander, bis endlich letztere die Oberhand behielt. Sie mußte ' sich opfern und endlich den Banquier heirathen, wenn sie ihr väterliches Haus vor dem Ruin schützen wollte, denn eines Tages hatte der Vater ihr offenbart, daß die Papiere gefallen seien, daß er gar viel Geld an der Börse verloren habe, und daß es sein sehnlichster Wunsch wäre, wenn Erna den Banquier heirathen möchte. „Fahre wohl, du Traum meiner Jugend," sprach sie tonlos, „für mich ist alles hin, alles erstorben. — Auch Karl war in der letzten Zeit freundlicher als je zu Erna. Dadurch wollte er sie für sich gewinnen, aber er verrieth nichts davon, daß er es war, der eigentlich die Partie zwischen Erna und dem Banquier vermitteln wollte. Dies durfte Erna nicht erfahren, sonst würde sie ihm ewige» Haß schwören. Im Gegentheil, es schien, als ob er Erna's Zuneigung für Joseph bestärken wollte. Gar oft sprach er zu Erna von demselben, theilte ihr mit, daß es Joseph gut ginge und er in der Residenz eine Hauslehrerstelle bekleidete. Weiter wußte er von ihm nichts. Erna ging hinab in ihre Ztmmer, setzte sich ans Klavier, um dort ihre trüben Gedanken zu verscheuchen, denken wollte sie an einstige schöne, so schnell verrauschte Zeiten und ihre zarten Finger griffen mächtig in die Tasten, als wollte sie dadurch alles Niederdrücken, was in ihrem Harzen laut aufschrie. Nichts Bestimmtes war es, was sie spielte. Bald jubelten zarte Stimmen, und bald klagte es wieder aus ernster Tiefe und ohne, daß sie es selbst wußte, erklang des Trompeters Abschiedslied! Als der Refrain kam: „Behüt' Dich Gott, es war zu schön gewesen, behüt' Dich Gott es hat nicht sollen sein," da sang sie so innig, so süß, daß selbst der Kanarienvogel verstummte, der sonst hell dazwischen schmetterte. Es war dasselbe Lied, das Joseph so gerne hörte und in den Refrain mit seiner sonoren Stimme einfiel. Aber sie durfte ja nicht mehr an ihn denken, wenn sie des Vaters Willen befolgen wollte — und doch wie sehnte sie sich nach Joseph. Nur noch einmal wollte sie mit ihm beisammen sein, und dann für immer — für immer von ihm scheiden. Wieder saß sie nachdenklich da, die Accorde am Clavier wurden immer leiser, — leiser, bis alles still war. So vergingen mehrere Tage bis eines Tages sich plötzlich die Thür

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