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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 43-44 (1886) · p. Seite 168

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
43-44 (1886)
Date
1886-01-01
Page
Seite 168 (sequence 2)
Language
German
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— 168 — „Warte hier, mein Retter, bald bin ich wieder bei Dir und wir plaudern eine Weile in stiller Laube!" Eine Ewigkeit dauerten ihm die wenigen Minuten, bis ein schalkhaftes Lächeln den Träumenden aufschreckte. „Nun bin ich wieder hier!" Karl, der sonst so redselig war, stand wie eine Marmorsäule und bewunderte nur Emmy, die ihm wie eine Fee erschien! Was hatte er denn, so sagte er sich im Stillen, so Großartiges geleistet, daß ihn Emmy sichtlich auszeichnete. Ein Mädchen vom Leben gerettet! Hätte das nicht jeder gethan, war diese Handlung nicht lediglich jedes Menschen Pflicht? und noch dazu Emmy Sylow zu retten!! — „Herr Träumer!" fuhr Emmy fort, „lassen Sie uns doch näher bekannt werden. Wie kann ich Ihnen nur danken, der Sie eine Hülflose vom sicheren Tode erretteten? Darf ich Sie bitten, diesen Ort öfters zu besuchen? Ich will Sie dann auch meiner Tante vorstellen, aber jetzt müssen wir scheiden, denn unsere Begegnung könnte leicht mißdeutet werden." Was war doch in Karl gefahren, daß er sich so hölzern benahm und für alle diese Worte nichts hatte, als eine stumme Verbeugung. O, glücklicher Karl, der Du einen Schatz zu gewinnen hoffst, Du ahnst nicht, daß Du in ein Netz gegarnt wirst! Nachdem beide ihre Namen gewechselt, verließ Karl Stern diesen Ort, der ihm so märchenhaft erschien, wie er es in seinen jungen Jahren so gern gelesen hatte. Wie gerne hätte er an der Seite dieses Wesens geweilt; er war ja reich, und sein Vermögen durfte ausreichen, um zwei Glückliche zu vereinen. — Doch Emmy verlangte es ja, und so ging er schweren Muthes, aber mit dem festen Vorsatze, Emmy Sylow zu erringen und zu besitzen! Während er nachdenklich seinem väterlichen Hause zueilte, ohne auf seine ihm begegnenden Bekannten zu achten, sah ihm aus dem Erker der Villa Emmy lächelnd nach und sprach merklich laut: „Der Thor, den ich nun gefangen habe. Das Wasser war zu flach, als daß jemand hier ertrinken konnte. Wie sein gelang mir mein Plan! Er ging schmachtend vorbei und ich — ich fing ihn durch diese List. -- Null soll mir der Banguiersohn mehr sein als der Postillon <Tamour". Dann setzte sie sich ans Klavier und sang. 8. Kapitel. Die Rettung Emmy Sylsw's durch Karl hatte sich gar schnell verbreitet; ja die Zeitungen meldeten davon; so war Emmy wieder der Mittelpunkt aller Gespräche geworden, und das bezweckte sie ja nur. Die Herrenwelt beneidete Karl, die Damen bewunderten ihn und sein Vater schüttelte bedenklich das Haupt! Nur Erna betrachtete diese Angelegenheit kaltblütig. Sie bemerkte im Stillen und dies mit Schrecken, wie Karl für seine Eleganz die größten Summen verschwendete, doch verrieth sie nichts davon ihrem Vater gegenüber, das würde ja doch nichts gefruchtet haben, denn Karl Stern war ja der Augapfel seines Vaters und wußte es geschickt anzugreifen, um diesem in jeder Weise zu imponiren. Im Bauquiershause wurde auch wie vor rüstig gearbeitet, und keiner ahnte, wo Karl Stern so oft weilte und warum er zu gewissen Zeiten sich in die glänzendste Kleidung warf. — Erna war im Kreise ihrer Freundinnen, doch allen fiel ihre Stille aus — und diese war auch Grund genug, daß ihre Freundinnen sich heimlich oft zuflüsterten. Freilich gab sie sich Mühe fröhlich zu sein, doch wie konnte sie das. Sie sah, daß ihr Vater oft unloillig die Stirn runzelte, daß Karl wie. vorher neue Geldsummen angriff! — Aber gar oft weilte sie auf dem Friedhofe dort, wo sie dem Jugendfreunde ihre Liebe gestanden. Wie oft dachte sie nicht an ihn, der in dem Hause ihres Vaters gänzlich vergessen wurde. Ja, als sie einmal auf Joseph zu reden kam, und für ihn Parte: ergriff, sagte ihr Vater unwillig: „Gut, daß er fort ist, er paßt für unseren Kreis garnicht, und nie werde ich einem Joseph Walter meine Tochter zur Frau geben! Da ist mir ein Banquier viel lieber. Nicht wahr, Erna, Du wünschst Dir doch auch gern einen Mann, der unseres Standes ist?" — Aber Erna schwieg und auch dem prüfenden Vater entging es, daß sie abwechselnd erröthete und erbleichte! — So glaubte der Vater, daß er ihren Beifall gefunden hatte und freute sich schon sehr daraus, seinen Plan in nächster Zeit zu realisiren. — Erna saß in ihrem Zimmer, die vorliegende Arbeit wollte ihr garnicht von statten gehen. Ob Joseph noch an mich denkt, oder hat er mich gar in der Großstadt vergessen, doch nein, dessen ist er nicht fähig. Solche Gedanken durchkreuzten ihren heißen Kops, so daß sic ihre Stirn an die Scheibe drückte, um sich zu kühlen. Von fernher winkten die Bäume des Kirchhofes und ein altes Lied fiel ihr ein, leise flüsterten ihre Lippen: „O, bleibt Euch treu; denn eure Wege, die lenket stets der ewige Hort!" — O, möge er doch, rief sie plötzlich aus, die Wege so lenken, wie es die Worte des Liedes sagen." Sie erschrak selbst, daß sie so laut gesprochen hatte und blickte sich ängstlich um, doch da niemand da war, beruhigte sie sich bald wieder. — So verging der Sommer. Erna, die sonst mit Vorliebe die Blümlein wartete, sie hatte alles in ihrer Einsamkeit um sich vergessen. Sie ahnte nicht, daß der Sommer schon vergangen war, daß der Herbst schon längst die dürren, welken Blätter auf die Gräber der Todten gestreut, und daß der Winter bereits sein Leichentuch auf Feld und Flur gebreitet hatte! Wie schnell war die Zeit entrückt. Schon war Joseph ein halbes Jahr fort, und noch ein halbes Jahr, dann wollte er ja wiederkehren. Erna's Herz jubelte bei diesem Gedanken hoch auf, doch sie preßte die Hand darauf und rief dem pochenden Herzchen zu: „Schweige still, o. schweige mein Herz!" — Draußen spielten die Schneeflocken. — Der Dezember war ins Land gerückt. In dem Städtlein herrschte große Vorbereitung für das Weihnachtsfest, und auch Karl traf Anstalten, um seiner Göttin Dankopser auf den Altar der Liebe zu streuen! — In der reizenden Villa, wo Karl schon lange ein sehr gern gesehener Gast war, saß an einem kalten Dezemberabende eine lustige Gesellschaft, nur Karl selbst fehlte. „Ich will den Juden heute nicht zuin Balle haben" — hatte Emmy geäußert, und die Tante ihr beifällig zugenickt. Karl ahnte nichts von alledem, er war vielmehr besorgt darüber, daß Emmy ihn heute abwies, weil sie krank sei! Lange sann er nach, womit er sie wieder erfreuen könnte und pfiff fröhlich gestimmt das Tann Häuserlied, das Emmy so oft ihm gesungen: „Dir, Göttin der Liebe, soll mein Lied ertönen." Emmy war im Kreise ihrer Bekannten fröhlicher als sonst. Wie eine Göttin erschien sie in ihrem weißen Kleide, das ihre bestrickenden Reize geheimnißvoll Hindurchschimmern ließ. Alles bewunderte sie und für jeden hatte sie auch ein gutes Wort, oder einen freundlichen Blick. Nachdem gescherzt, gesungen und getanzt wurde, trennte sich die Gesellschaft, und alle betheuerten Emmy. sich noch nie so vortrefflich amüsiert zu haben. Emmy war mit ihrer Tante allein, und das Gespräch kam auch auf Karl Stern. Die Tante wußte, daß die Brillanten und die Aufmerksamkeiten von Karl herrührten, ein solcher Goldliebhaber mußte gehalten werden. 9. Kapitel. Das Weihnachtsfest war vor der Thür. In Emmy's Boudoir war eine Fülle von Blumen ausgestellt. Jeder, den Emmy nur mit einem lieblichen Augenblicke auszeichnete, wollte dadurch seine Verehrung für sie an den Tag legen. Auch Karl Stern fehlte nicht. Emmy saß auf einem Podium, umgeben von Blumenduft. »

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