Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 43-44 (1886) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
43-44 (1886)
Date
1886-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/6492351-9579404-9574384--0726-9574385
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

M 43-44* 188«. Jüdisches Herausgcgeben von l)r. M. Rahmen in Magdeburg. Zur Unterhaltung u. Krlehrmg für dir israelitische Jugend. Inhalte Wer ist so arm, daß er nichts geben könnte? Von Friedberg. — Der Jugendfreund. Novelle aus dem jüdischen Leben von Lehrer Max Cohn. (Forschung.) — Mirjam. Erzählung von Dr. I. Golds chm i dt. — Die Macht des Gebetes. Von Dr. Emanuel Deutsch, Sohran O.-S. — Räthsel-Aufgaben und Räthsel-Lösungen. Wer ist so arm, datz er nichts geben könnte? Hat Gott mit Klugh eit reichlich dich verfeh'n, Soll auch dein Licht nicht untern Scheffel stehn. Vielleicht hat dich dein Bruder jetzt erwählt Und theilt dir mit, was ihn bedrückt und quält. Kannst du ihm helfen auch nicht mit der That, So hilf ihm gern mit einem guten Rath. Hast du ein Hans, so öffne deine Thür, Deck deinen Tisch und gieb ein Nachtquartier. D« wohnst ja selbst in Gottes großem Haus, Er breitet seinen Himmel nm dich aus. Bei manchem schon, der solchen Schutz gewährt. Sind unbewußt ihm Engel eingekehrt. Und steht dir Gold und Reichthum zu Gebot, Hilf deinen Bruder freundlich aus der Noth; Du mußt nicht zögern, lang damit verzieh'« Es ist ja Alles dir auch nur gelieh'n. Gott kann es nehmen, wie er es dir gab, Du nimmst ja Nichts hinab mit Dir in's Grab. Ist nichts dein eigen, was du könntest geben, Ist's mit dir selbst nur kurz bestellt im Leben, Und bist d» traurig, daß du nichts gewannst, Womit du helfen und erfreuen kannst: Du hast noch viel, darfst nicht so arm dich nähnen, Du hast ein Herz, den Händedruck — dieThränen. Friedberg. Der Jugendfre««-. Novelle aus dem jüdischen Leben von Lehrer Max Cohn. 7. Kapitel. Ueberlassen wir Joseph dem Treiben der Großstadt, wo er als Lehrer wirkt, und allseitig ihm die größte Achtung gezollt wird. Kehren wir zu Stern's zurück. — Erna war heimgekommen, aber wie stille kam ihr alles vor, seit sie den Geliebten verloren und jetzt gerade, wo sie sich verstanden hatten. Das rege Treiben im Hause ihres Vaters kümmerte sie nicht. Hier ging ja jeder seines Weges. Der alte Stern verfolgte mit einer wahren Gier die neuesten Börsenberichte, und gar oft war seine Stirn umwölkt, wenn der Kabel nicht ganz günstige Nachrichten brachte. Aber je mehr er um die Erweiterung seines Hausstandes bemüht war, je mehr er darnach strebte, seiner Familie ein großes Vermögen zu hinterlassen, desto mehr verausgabte sein Sohn Karl, der mit Erna auf nicht allzusreundlichem Fuße stand. Erna durchschaute ihn wohl und erkannte zu ihrem Schrecken, daß er ein galant homme in des Wortes wahrster Bedeutung war. Noch immer war er der gern gesehene Mann: denn der alte Stern hatte in der Kaufmannswelt einen Namen von gutem Klang. Doch der Vater selbst ahnte es nicht, daß es sehr viele Leute gab, die dem Sohne Weihrauch streuten, ihm auf jede Weise schmeichelten, um ihn an sich zu ketten und dadurch auszunutzen. Sein Umgangskreis gehörte zu den glänzendsten der Stadt; verkehrte doch mit ihm der Adel des Militärs! Da ging eine neue Ordnung der Dinge vor. Karl lernte durch gute Bekannte eine junge Schauspielerin kennen, die der Glanzpunkt der ganzen Herrenwelt war. Sie war von blendender Schönheit, und besaß ein solch verführerisches Lächeln, daß alle glaubten, diese herrlichen Züge seien auch der Abglanz einer edlen Seele. Was Wunder, das eine Natur, wie sie Karl besaß, zu dieser Person sich mit Allgewalt hingezogen fühlte. Fast keine Vorstellung versäumte er, wenn dieser Stern der Theaterwelt auf der Bühne erschien; er war es, der ihr den größten Beifall zollte, und er war es auch, dem die junge Künstlerin die schönsten Blumen und Kränze zu verdanken hatte. Ein solch' stiller Liebhaber und Verehrer war für Emmy Sylow, denn so hieß die Künstlerin, die geeignetste Persönlichkeit, um zu glänzen. Sie wußte, daß ihre Gage nicht ausreichte, um in dem herrlichsten Glanze zu strahlen, hier konnte nur ein solch' reicher Verehrer, wie es Karl Stern war, siegreich helfen. Noch ahnte dieser nicht, daß er die Zielscheibe eines ränkevollen Planes geworden war, wagte er doch nicht vor dieser blendenden Maid die Augen auszuschlagen! Nur das eine wußte er, daß sie in einer Villa wohnte, die von einem wundervollen Parke umgeben war. Gar oft lenkte er seine Schritte vor dieser reizenden Villa vorbei, und sehnlichst wünschte er, sie, die er so glühend verehrte, nur einmal am Fenster zu sehen. Das sollte ihm genügen. Aber immer und immer wieder war seine Mühe vergebens. Nichts regte sich hier, nur die Vöglein sangen liebliche Weisen und harmonisch plätscherte der Bach, der grün umzäunt war und auf dem ein Schwanenpaar ruhig dahinzog. — Hier athmete alles nur Glück, alles schien dazu geschaffen zu sein, Liebe zu empfangen und zu geben.- Einstmals machte Karl wieder einen Spaziergang durch den prächtigen Garten, als plötzlich Hilferufe an sein Ohr drangen. Fast mechanisch lief er der Stimme nach und sah sich plötzlich an dem Teiche des Gartens. Keine Person weilte sonst hier; aber mitten in dem Teich sah er ein Wesen, das ängstlich mit den Wellen kämpfte und dem Ertrinken nahe war. Schnell entschlossen sprang er nach dieser Stelle, und rettete Emmy Sylow! — Emmy war gerade ihrer Lieblingsbeschäftigung nachgegangen, die Schwane zu füttern. Sei es aber, daß das Geländer der Brücken schon morsch war, sei es, daß sie ein Schwindel erfaßte, als sie in die geheimnißvolle Tiefe des durchsichtigen Wassers blickte. Sie verlor ihre Haltung und siel ins nasse Element. Einelt Augenblick lag sie Karl im Arme, dann traf ihn aus ihren Veilchenaugen ein dankbarer Blick, ein Blick, vordem er vergehen wollte! Wie gern wünschte er mit dieser Minnemaid einen Augenblick vereint zu sein, um dann für immer gelebt zu haben. — Da fühlte er plötzlich einen warmen Händedruck, der ihm genug sagte — und eine berauschende, die Sinne berückende Stimme flüsterte ihm zu:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.