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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 42 (1886) · p. Seite 164

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
42 (1886)
Date
1886-01-01
Page
Seite 164 (sequence 2)
Language
German
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164 — Freund auf lange, lange Zeit entriß, und der stille Beobachter konnte auf diesem so lieblichen Gesichte Spuren großen Schmerzes deutlich wahrnehmen. „Lebe wohl, Joseph!" rief ihm Erna zu — denn keine andere war es — das waren die einzigen Worte, die sie mühsam, mit fast erstickter Stimme hervorstoßen konnte. Schweigend hielt der junge Mann ihre Rechte, die sie ihm zitternd in die seine gelegt hatte, und ein leiser Händedruck war die ganze Antwort, die er ihr gab. Ach, wie gerne hätte sie noch einmal, nur noch einmal die Stimme des Geliebten gehört. — Einen Augenblick ruhte sein Auge auf ihrem Gesicht, als wollte er zum letzten Male noch die süßen Züge sich einprägen, um sie nie wieder zu vergessen. — So standen sie sich eine Zeit lang schweigend gegenüber, die ganze Umgebung stillglücklich vergessend. — Da tönte die Glocke zweimal und riß die Liebenden in die Welt der Wirklichkeit, welcher sie enthoben zu sein schienen. Nur ein „Behüt' Dich Gott!" dann war Joseph verschwunden. Wieder tönte die Glocke, diesmal zur Abfahrt mahnend, und der Zug setzte sich in Bewegung, langsam und schwer dahinrollend. „Also nächstens als Doktor!" hörte noch Joseph und dann war Alles still und nur die Bahnhofslampen zeigten in weiter Ferne den eben verlassenen Ort an, die Stätte der Freude und die des Schmerzes. Wie Irrlichter entrückten auch diese dem Auge Joseph's und er blickte hinaus auf ein weites, stilles Feld, über welchem der klare Sternenhimmel freundlich, herabblickte. Es waren ja die Fluren seiner geliebten Heimath, die er zum letzten Male sah. Tief unten im Getreide sang die Lerche in schmelzenden Tönen den Nachtgesang, bis auch sie schlummernd das leichte, müde Köpfchen senkte. Unwillkürlich siel ihm ein Lied ein, das er vor mehreren Jahren in gleicher Stimmung gedichtet. i Als Joseph sich zurücklehnte, wiegten sich die Insassen des Coups's schon merklich in Morpheus Armen. Draußen wehte ein leiser Wind, und in die stille Nacht drang der Abschiedsgruß: „O, traget, ihr Windesflügel, meinem treuen Lieb viel tausend Küsse und Grüße zu." Dann lehnte er sich in die weiche Polsterecke und träumte von seinem Glücke. Da stand sie ja, die geliebte Maid, und Beide waren noch Kinder. Lustig tummelten sie sich herum, bis Erna immer und immer wieder dem nacheilenden Joseph entschlüpfte. - Und nicht weit von ihnen stand Karl, der Joseph zurief: „Kantorensohn bekommt sie doch nicht!" — Aber er hatte sie doch in seinen Armen! Doch wo waren sie? Die grüne Wiese war zu einem Kirchhofe geworden und beide standen an einem wohlbekannten Grabe. Hier ruhte Alles, hier war Alles so feierlich still und sie nur, sie schienen die glücklichsten Menschen von der Welt zu sein. Da war es wieder Karl, der sie in ihrem Glücke störte und Joseph höhnisch zuries: „Ein Philister bekommt nicht die Tochter des Bankiers." Doch hoch oben in den Wipfeln — da beugte es sich geheimnißvoll zu einander, als wollten sich die Bäume von dem Paare erzählen, das Arm in Arm unter ihnen stand. Von hier aus drang auch ein Lied an Joseph's Ohr, das er zum Abschiede Erna in's Stammbuch schrieb. Der Abend senkte seine Flügel Wie schlummernd ans die Erd' herab, Als ich mit Dir, geliebtes Mädchen. Still betend stand am theuren Grab. Des Vöglein Lied war längst verklungen, In allen Wipfeln herrschte Ruh', Und von der Grabespalme winkte Der Friedensengel Heil! uns zu. Wir standen lang' — die Thräne perlte Auf Deiner Wange, süße Maid! Wir blickten auf den Hügel nieder Und dachten der vergang'nen Zeit. Hier ruhst Du, treue, gute Mutter, Dein Grab umstrahlt ein lichter Schein, O, blick' aus hehren Himmelssphären Auf Deines einz'gen Kindes Pein, Da ging ein Rauschen durch die Bäume, In uns're Herzen drang ein Wort: „O, bleibt Euch treu! denn Eure Wege, Die lenket stets der ew'ge Hort!"- „O, bleib mir' treu!" hörte er Ecna's Stimme, und als sie mit ihrem dunklen Auge zu ihm aufschaute, das ihn zu fragen schien: Liebst Du mich auch wirklich? Da beugte er sich zu ihr hinab und küßte die rosigen Lippen . . . und — brr-schallte es in's Coups hinein, welches der Schaffner jetzt knarrend öffnete. Joseph rieb sich die Augen, fuhr mit der Hand über die Stirn, um sich zu vergegenwärtigen, daß er nur geträumt hatte. Da sah er das große, mächtige Bahnhofsgebäude, die hohen Häuser, die himmelanstrebend es ringsumher umgaben. Er war in seinem Bestimmungsorte angelangt, um hier, in des Gewühle der Großstadt, seine letzte Studienzeit zu vollenden. Gestern noch blickte ihm ein treues Gesicht entgegen — und heute schon war in der liebeleeren Fremde, in welcher er Alles vergessen sollte., was über in hereingebrochen war. Nur eine Person war es, für die er unaufhaltsam vorwärts strebte. Erna Stern sollte der Preis seiner jahrelangen Studien sein und nur noch ein Jahr, dann hoffte er, sein Ziel erreicht zu haben. — Sie war sein Talisman, sein Heller Stern in der dunklen Nacht des Lebens. (Fortsetzung folgt.) Ungarische Gerechtigkeit. (Schluß.) Abermals verstrich ein halbes Jahr, als mich ganz unerwartet ein Telegramm des Stuhlrichters wieder an die Geschichte erinnerte. Dasselbe fragte an, welche Farbe das Futter der bewußten Brieftasche gehabt habe. Circa vierzehn Tage nach abgesendeter Antwort erhielt ich neuerdings eine Depesche, und zwar mit dem verlockenden Inhalt: „Geld bereit — Kommen Sie!" So verführerisch die Einladung klang, so hielt ich es diesmal doch für meine Pflicht, ehe ich die kostspielige Reise unternahm, bei der Gesellschaft anznfragen. Die großmüthige Antwort lautete, das Geld sei längst unter den Regiespesen verrechnet, es stehe mir frei, darüber beliebig zu disponiren. Obschon mich nun kein allzugroßes Vertrauen zu den Zusicherungen des Stuhlrichters beseelte, war die Versuchung doch stark genug, um mich abermals zur Hinreise zu veranlassen. Diesmal war ich denn auch wirklich nicht ganz umsonst gekommen und zwar hatte sich in der Zwischenzeit Folgendes ereignet: Pista, der geschickte Pandur, den es schmerzte, daß er ganz leer ausgehen sollte, hatte sich's in den Kopf gesetzt, auch seinerseits etwas aus dem Juden „herauszuluchsen". Das war nun ziemlich schwierig, denn Veilchenfeld erfreute sich jetzt der besonderen Protektion des Herrn Vicegespans, der — wie der geriebene Pandur unschwer ermittelt hatte — mit vollen 2000 Gulden „betheiligt" worden war. Pista begann damit den Boden zu sondiren und suchte so viel Details als möglich zu erfahren. Vor allem machte er sich in den Rumänen. Merkwürdigerweise verwickelte sich dieser derart in Widersprüche, daß der schlaue Polizist Verdacht schöpfte und zu glauben anfing, der Rumäne habe blos durch irgend einen Zufall erlauert, daß sich der Jude im Besitze des Geldes befand, sei aber selbst gar nicht der Finder. Demnach mußte es ein Anderer sein und zwar ein anderer Bauer, denn den Gedanken, daß der Jude selbst die Brieftasche gefunden, verwarf er sofort; in diesem Falle hätte der Rumäne schwerlich etwas davon gewußt. So ungefähr kalkulirte der Pandur und setzte bei sich

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