Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 42 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches 1886. utilift-IU// Heransgcg-bcn von l)r. M. Rahmer in Magdeburg. Zur Unterhaltung u. Kelchrung für die israelitische Jugend. Der Jugendfreund. Novelle aus dem jüdischen Leben von Lehrer Max Cohn. (Fotsetzung.) — Ungarische Gerechtigkeit. (Schluß.) — Kleine jüdische Charakterzüge. — Psalm 23. Uebersetz von A. Plans. — Das Sterben Mose's. Von Rebecca Treitel. — Aus dem Spruch schätz des Talmud. Poetisch übertragen von Max Weinberg. — Räthsel-Aufgaben und Mthsel-Lösungen. Der Jugendfreund. Novelle aus dem jüdischen Leben von Lehrer Max Cohn. 0. Kapitel. Vier Jahre liegen zwischen dem Vorhergehenden und dem Folgenden. Joseph war bereits Candidat der Philologie und war eben im Begriff, seinen Doktor zu machen, als eine Depesche ihn an das Sterbelager seines Vaters rief. Vier Jahre war er nicht in der Heimath gewesen, denn sein Plan war es, nicht früher den heimathlichen Boden zu betreten, bis er den Doktorgrad erworben hatte. Dann wollte er Erna sagen, daß er sie liebe und schon immer geliebt habe und dann, hoffte er, würde ihn auch der Bankier nicht als Schwiegersohn ausschlagen. Da kam die Hiobspost, die all sein Glück zerstörte. Alles war noch beim Alten in dem kleinen Heimathsorte, nur er selbst, er war ein Anderer geworden. Seine stattliche Erscheinung fiel allen auf und jeder mußte sich sagen, daß Joseph Walter ein schöner Mann geworden war. Wieder war er daheim. Doch jetzt begrüßte ihn nicht mehr sein Vater, ein Sterbender blickte mildlächelnd zu ihm auf. „Ach, mein Sohn, mein Sohn . . ." rang es sich aus der Brust des Sterbenden, der sichtlich mit dem Tode kämpfte. Lange lag der Sterbende im bewußtlosen Zustande, doch noch einmal schlug er die Augen auf. Joseph saß bei seinem Vater und hielt seine zitternde Hand; aber Thränen bitteren Schmerzes entströmten seinem Auge. Bald war er ganz verlassen, bald bettete die kühle Erde auch seinen Vater, der das Glück seines Kindes nicht erleben sollte. — Alles um ihn her schien erstorben, fremd und liebeleer stand er da in der großen Welt. Da hörte er noch einmal die Stimme seines Vaters: „Mein Sohn! Ich sterbe-jetzt-aber Dir — Dir wird es — gewiß noch einmal gut gehen. — Strebe rüstig vorwärts-und sage auch Erna-ein Lebewohl und-" Die Sonne war untergegangen und Joseph drückte seinem Vater die Augen zu, seines Lebens Sterne, die sich nie wieder ihm öffnen sollten. Sanft war er hinübergegangen in ein Land, wo all der Erdenschmerz nicht mehr weilt; dort, wo sein geliebtes Weib schon lange Jahre des Trauten ihrer Jugend harrte. — Er starb beruhigt, daß er etwen Sohn hinterließ, der würdig in der Welt dastand. Still trugen sie den alten Kantor hinaus, ein großes Gefolge, vertreten durch alle Confessionen des Städtchens, gab ihm das letzte Geleite zur Ruhestätte. Schnell ordnete Joseph das Wenige, was der Kantor hinterlassen hatte; denn bald wollte Joseph den Heimathort verlassen, um sich nicht schmerzvoll aufzureiben. Doch vor seiner Abreise eilte er noch einmal zum Friedhofe. Ringsumher war Alles still, nur die Wipfel der Kirchhofsbäume bogen sich zu einander und summten wunderliche Melodien. Lange stand Joseph am Grabe seiner Eltern und dachte an seine verlassene Lage, dachte daran, daß ihm das Geschick nun alles — alles geraubt hatte, was ihm treu zur Seite stand. — Da fühlte er plötzlich sich berührt, und als er sich umdrehte, stand Erna vor chm, die das Grab ihrer Mutter besucht hatte. Joseph war keines Wortes fähig, doch Erna führte ihn zur Grabstätte ihrer Mutter und sagte dort zu ihm: „Sieh, Joseph, hier ruht meine Mutter, traure nicht zu sehr, uns Beide traf ja gleiches Geschick. — Doch Du bist nicht ganz verlassen, noch giebt cs eine Person, die Dich liebt, mehr liebt als ihr Leben. Strebe nur weiter, bald hast Du Dein Ziel erreicht." Weiter konnte sie auch nicht sprechen; denn der Schmerz hatte sie überwältigt und thränenden Auges blickte sie zu Joseph auf, als wollte sie in seinem Auge lesen, ob er sie auch verstanden hätte. Da konnte sich auch Joseph nicht länger halten. „Erna, Geliebte meines Herzens!" rief er erfreut aus. Dann schlang er seinen Arm um den Leid des geliebten Mädchens und ihre Lippen trafen sich im bräutlichen Kusse zum ersten Male. „Liebst Du mich auch wirklich?" fragte Joseph, aber Erna lag an der Brust des geliebten Mannes und weinte. Ihr war es so wohl und so wehe und noch einmal legte sie ihren weichen, vollen Arm um seinen Hals und küßte ihn. „Lebe wohl, Geliebter, überlaß es noch der Zukunft, was wir am Grabe der Mutter besiegelten! Ich will Der treu bleiben, treu in allen Lagen des Lebens." Dann war sie entschlüpft, und Joseph stand noch immer an demselben Orte. Ihm war es. als ob er geträumt hätte. Doch er sollte nicht zu ihrem Vater gehen und um Ema's Hand, die ihm ihre Liebe gestanden, anhalten? Welchen Grund hatte sie dafür? Warum sagte sie: „Ueberlaß es noch der Zukunft, was wir am Grabe der Mutter besiegelt haben?" Noch einmal ging er zum Grabe seiner Eltern und ihm war es, als ob aus der Trauerweide, die am Kopfende seiner Mutter stand, eine geliebte Person hervorlugte, die ihm zurief: „O, bleib mir treu!" VI. Kapitel. Eine kleine Gruppe von Bekannten war es, die auf dem Perron des Bahnhofes standen und des kommenden Zuges warteten. Joseph stand im Reisekostüm schweigend in dieser Gruppe und hatte für Alle noch herzliche Worte des Abschiedes. Da nahte das Dampfroß, keuchend und ächzend, als ob es Antheil nehmen wollte an dem Schmerze, der in des jungen Mannes Brust wühlte!-Hastig riß er sich von seinen alten Bekannten los, die sich alle redliche Mühe gaben, um ihm den Abschied zu erleichtern, und viele, viele Grüße gab ihm Jeder mit auf den Weg. Nur eine Person war es, die nichts sprach. Denn sie war es ja, der das launige Geschick den treuen, geliebten