Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 41 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 161 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 161 — mit der Erklärung heran, er werde die fragliche Summe bis zum Austrage des Streites beim Stuhlrichter deponiren. Die Wirkung dieser einfachen Worte war so drastisch und unerwartet, daß vr. Bathory stutzig wurde. „Ich gleich' mich aus!" schrie der Wirth, ohne sich nur einen Augenblick zu besinnen, und ehe mein Freund noch eine Antwort fand, setzte sein wie es schien sehr aufgeregter Gegner schon hinzu, er sei mit der Hälfte zufrieden, begehre auch keine Genugthuung für die erlittenen Tätlichkeiten. Als der junge Doktor diesen Vorschlag ablehnte und auf der Entscheidung des Richters beharrte, legte sich der Mann auf's Bitten, dabei seine Ansprüche immer tiefer herablicitirend. Endlich machte er sogar das Anerbieten, seine ganze Rechnung zu streichen; er begehre nichts, nicht einen Pfennig, nur solle ihm der Doktor zusichern, daß er von der Absicht, das Geld zu deponiren, zurücktrete. Das war zu viel für einen juristisch geschulten Verstand. Mein Freund fing an, mit dem anscheinend sehr geängstigten Menschen Mitleid zu empfinden und hielt es für seine Pflicht, ihm begreiflich zu machen, daß ihm ein gänzlicher Verzicht auf das Geld ja jederzeit freistehe, selbst dem Stuhlrichter gegenüber, und auch dann, wenn das Geld deponirt sei. „Das würde wenig helfen," meinte aber der arme Teufel. „Wenn der Stuhlrichter das Geld bekömmt, erhalte ich nicht nur nie einen Heller, sondern ich habe auch an ihm zeitlebens einen Feind. Er würde es mir nie vergeben, daß ich rechtliche Ansprüche an ihn erheben kann. Wenn es mir auch nie einfiele, dieselbe geltend zu machen, ja wenn ich ausdrücklich auf Alles verzichtete uno ihm das Geld schenkte: er würde doch immer annehmen, daß ich dies nur gezwungen that und deshalb argwöhnen, ich könnte ihm früher oder später einmal unbequem werden. Darum käme er auch nicht eher zur Ruhe, bis er mich auf irgend eine versteckte Weise unschädlich gemacht, d. h. zur Stadt hinausgebissen hätte!" — Wie dieser Wortwechsel endete, ist wohl ziemlich unerheblich. Mir schien die Kleinigkeit mittheilenswerth — nicht wegen des erzählten, höchst unbedeutenden Faktums, sondern des Urtheils wegen, das hier über den Stuhlrichter von Nyiregyhaza gefällt wird. Obwohl dasselbe nur auf die persönliche Meinung des Wirths beruht und ganz irrig sein mag, schien es mir doch für die Anschauungsweise des dortigen jüdischen Kleinbürgers und für die Auffassung seines Verhältnisses zu dem Beamten höchst charakteristisch. II. Weit interessanter und schon durch die bloßen Fakten bedeutsam ist die zweite Geschichte, die mitunter wahrhaft tragische Momente aufweist. Kein noch so parteiischer Tendenzmaler könnte sie'drastischer erfinden, die darin enthaltene Ironie grausamer gestalten, als dies durch ungeschmückte Erzählung der nackten Wirklichkeit geschieht. Derselbe vr. Barthory, dem ich die erste Anekdote verdanke, theilte mir auch die hier folgenden Thatsachen mit. Ich will versuchen, dieselben mit seinen eigenen Worten wiederzugeben. Er erzählte: Auf einer meiner vielen Reisen im südlichen Ungarn hatte ich das Unglück, einen Betrag von 4000 Gulden östr. W. zu verlieren und zwar unter Umständen, welche die Möglichkeit eines Diebstahls sehr nahe legten. Leider erwiesen sich alle Nachforschungen als vergeblich. Ich mußte ohne Hoffnung des Wiedererlangens abreisen. Das Geld gehörte einer belgischen Gesellschaft und mehr um der Form zu genügen, als in Erwartung irgend einer Wirkung veröffentlichte ich das Verzeichniß der Geldsorten — sie bestanden einfach aus einer Banknote a 1000 und aus 30 ä. 100 Gulden — beschrieb die rothe Maroquin-Brieftasche, worin sich das Geld befunden hatte, versprach ein volles Viertel der Summe als Finderlohn und kehrte verstimmt und ärgerlich nach Wien zurück. Ein halbes Jahr verging — der Verlust war schon ziemlich verschmerzt — als ich plötzlich vom Stuhlrichter des betreffenden Kreises einen Brief erhielt, worin mir in aller Kürze mitgetheilt wurde, das verlorene Geld sei endlich aufgefunden, ich möge Herabkommen, da zur Aushändigung desselben meine persönliche Anwesenheit unerläßlich sei. Wer war entzückter als ich! Obwohl in dringenden Angelegenheiten im Norden Europa's beschäftigt, trat ich doch schon emige Tage später in das Bureau des Stuhlrichters. „Ach wie schade, daß Sie nicht schon vorgestern kamen!" — mit diesen Worten wurde ich von dem würdigen Beamten empfangen. — Noch vorgestern hätten Sie Ihr Geld sicher erhalten; heute leider ist nichts mehr zu machen!" Obwohl Kenner der dortigen Verhältnisse und mit der ungarischen Justiz und Verwaltung zur Genüge vertraut, konnte ich doch ein hochgradiges Staunen über diese Anrede nicht unterdrücken. Darauf hin theilte mir der Stuhlrichter Folgendes mit: Ein rumänischer Bauer war vor einigen Wochen in seine Kanzlei gekommen und hatte sich selber als den Finder des Geldes denunzirt. Er habe die rothe Brieftasche mit den 31 Banknoten gefunden. Da das „große Geld" ihn aber verrathen hätte, habe er es dem im Nachbarflecken ansässigen Juden Jtzig Veilchenfeld gebracht, der ihm einstweilen zehn Gulden, so wie ein kleines Fäßchen Schnaps gegeben habe. Als er — der Bauer — später erneute Zahlungen gefordert, sei er von dem Juden zuerst hingehalten und vertröstet worden; nach Verlauf einiger Zeit habe dieser aber das Manöver plötzlich geändert und den Empfang der kostbaren Brieftasche direkt abgeleugnet, weshalb nun er — der Bauer — sich lieber freiwillig dem Gerichte stelle, als daß er den infamen Juden im straflosen Besitz seines Raubes beließe. „Selbstverständlich" — so fuhr der Stuhlrichter in seiner Erzählung fort — „ließ ich den Veilchenfeld sofort verhaften, aber — wie nicht anders zu erwarten war — der Kerl leugnete." „Zum guten Glück besitzen wir in „Pista" einen der „geschicktesten" Panduren des ganzen Königreichs, nach drei Tagen schon hatte er den feigen Schuft dahingebracht, daß er sich bei mir zum Geständniß melden ließ. Als ich ihn verhörte, bestätigte er inhaltlich die Angaben des Rumänen; und — wie gesagt — noch vorgestern, wenn Sie kamen, hätte er sich zur Herausgabe des unterschlagenen Gutes verstehen müssen — heute ist es leider zu spät. Vorgestern nämlich" — hier dämpfte der Stuhlrichter seine Stimme ein wenig und hing sich vertraulich in meinen Arm — „vorgestern kam der Herr Vicegespan zur Revision und . . . Sie begreifen, Herr Doktor und Kollege! ... er ist mein Vorgesetzter, ich muß mich fügen. Trotzdem ein protokollarisches Geständniß des Juden vorlag, erklärte der Herr Vicegespan, daß das Zeugniß des Rumänen nicht genüge, daß kein hinreichender Berdachtsgrund vorliege, kurz und gut, er befahl, die gerichtliche Untersuchung niederzuschlagen. Nun, Sie verstehen doch — es ist ja so klar, wie der Tag — der Jude hat einfach seinen Raub mit ihm getheilt! Ich starrte mit aufrichtigem Entsetzen dem Manne ins Gesicht, der seinen Vorgesetzten eines so ehrlosen Verbrechens beschuldigte, und dies mit einer Ruhe, als handelte es sich um die natürlichsten Dinge von der Welt. Der brave Richter scheerte sich aber nicht im Geringsten um meinen Gesichtsausdruck, sondern schloß seine Rede, indem er achselzuckend hinzufügte: „Sie sehen, mein verehrter Doktor und Kollege, daß ich das Meinige gethan habe, und daß sich beim besten Willen nichts mehr machen läßt!" Dies „sah ich denn auch ein" und reifte nach dem Norden zurück mit dem erhebenden Bewußtsein, wieder etwas gelernt zu haben. (Schluß folgt.)