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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 41 (1886) · p. Seite 160

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
41 (1886)
Date
1886-01-01
Page
Seite 160 (sequence 2)
Language
German
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160 Joseph fühlte die Zurücksetzung gar schmerzlich. Immer und immer wieder fiel ihm jener Satz aus Pirkeh Abboth ein. den sein Vater ihm so klar legte: „Dränge Dich nicht nach der Tafel der Großen!" Strebe nach Kenntnissen, hallte es in ihm fort, damit Du dann würdig bist, mit den wahrhaft Großen auf gleicher Stufe zu stehen. Endlich war die Zeit herangekommen, wo Joseph sein Abiturienten-Examen bestehen sollte. Der alte Stern und Karl gaben ihm den formellen Glückwünsch, obwohl sie es wahrlich nicht gut mit ihm meinten; denn noch immer kränkte es diese Patrizier, daß Joseph von allen Seiten gerühmt und von seinen Lehrern so ausgezeichnet wurde. Wieder war ein Freitag Abend gekommen, der im Kantorhause in üblicher Weise gefeiert wurde, und morgen, gerade am Schabbes, da sollte die Entscheidung sein, ob Joseph reif genug sei, um die »Iw» uas-tsr als Studiosus aufzusuchen. In dem kleinen Stüblein des Kantors saßen die drei Insassen, stiller als gewöhnlich. Der Kantor hatte wieder den dicken Folianten aufgeschlagen, aber die Buchstaben tanzten ihm heute vor den Augen. Immer und immer wieder streiften sie von dem interessanten Thema ab. Bald waren sie an einem einsamen Orte, wo unter einem grünen Hügel eine treue Person ruhte, bald waren fte. in einem feinen Hause, dort, wo der greise Kantor die glücklichen Tage seiner Jugend verlebte. Er sah sich im Geiste als Jüngling, der in den Ocean des Lebens mit tausend Masten steuert, bis er als müder Greis auf rettendem Boot in den Hafen der Ruhe einlenkt. Auch ihm blühte einst das Glück, auch er war so weit wie sein Sohn. Aber das eiserne Geschick hielt ihn von jedem weiteren Streben fern. In einer kleinen Gemeinde sollte sein Wirkungskreis sein. „Mag es ihm besser gehen, als mir, und seine Mutter in der Erde Heil für ihn am Throne Gottes erflehen." murmelte er leise. Auch Joseph war heute ernst gestimmt. Am Grabe seiner Mutter war er und heiße Thränen folgten dem kindlichen Gebete. — Manch trüber Gedanke stieg in ihrn auf. Vor ihm lag die Zukunft dicht verschleiert und nichts zu Gutes schien sie ihm zu verheißen. Hastig sprang er auf und eilte hinaus, um in Gottes freier Natur all' die trüben Gedanken zu verscheuchen. Sein Weg führte ihn bei Stern's vorbei, wo es gar laut und lustig zuging. Von oben drang Musik und Joseph kannte wohl die Stimme, die so süß und schmelzend klang, der er so oft und so gern gelauscht hatte. „Behüt' Dich Gott!" rief er leise in die Abeudluft hinein und Aetherschwingen trugen ^en stillen Wunsch in höhere Sphären. dort, wo das Glück und Mißgeschick für Jedermann schlägt. — Hell strahlten vom dunklen Firmamente die Sterne und im dichten Laube sang die Lerche leise — ganz leise. Der Spaziergang hatte Joseph neugestärkt und belebt, ihn für den Tag des Examens neugestärkt. Der Sabbath war angebrochen und mit ihm der Tag des Examens. Zwei Wege führten den Greis und den Jüngling auseinander. Der eine lenkte seinen Weg zum Tempel, um dort die kleine gläubige Gemeinde zu erbauen, und der anoere ging nach dem Gymnasium, um dort dasselbe würdig zu verlassen. Während Joseph im Examen beschäftigt war, fand in der Synagoge der Gottesdienst statt, und die Gemeinde lauschte, wunderte sich ob des Gesanges und Vortrages des Greises, der nie so geklungen hatte, wie heute. Wie heiß erflehte er nicht in seinen Gebeten Glück für sein Kind, Glück für sein Streben. Eben war der Kantor nach Hause gekommen, als die Thür aufgerissen wurde und Joseph glückstrahlend in die Stube eilte. Unter Thränen umarmte er seinen Vater und weinte lange an seinem Halse. Er war von der Prüfung auf Grund seiner vorzüglichen schriftlichen Leistungen dispensirt worden und Freudenthränen waren es, die er in dem Ueberströmen seines Glückes vergoß, und auf sein Haupt fiel eine Thräne des Greises, der sein liebes Kind an die beglückte Vaterbrust drückte, um ihn nie wieder zu verlieren, denn bald wollte auch Joseph fort, dorthin, wo er weiter streben wollte, doch dem Greise war es, als ob er ihn nie Wiedersehen sollte. „Gott beschütze Dich ferner, mein Kind, und lasse Dich Tage schauen, gleich dem heutigen, der ein wahrer Ehrentag für Dich geworden ist." Nun erzählte Joseph, wie alle Lehrer sich über ihn gefreut hätten und wie ihm selbst der Schulrath versprach, in der Universitätsstadt seine Subsistenz zu erleichtern. Wahrlich, eine würdige Sabbathfeier! Die frohe Kunde hatte das ganze Städtlein erfreut, Alle, die Joseph kannten, kamen, um ihn zu beglückwünschen. Selbst Stern's ließen es sich nicht nehmen, in dem Kantorhause aufzuwarten. Ja, der Bankier versprach Joseph zu unterstützen, was dieser aber energisch ausschlug, denn er wollte nicht den als Mäcen wissen, dessen Tochter Erna Stern war. Joseph war in der gehobensten Stimmung, doch daß Erna ihm nicht gratulirte, schmerzte ihn gar sehr. Schon neigte sich die Sonne, der liebe Schabbes wollte heimgehen, als Erna eintrat. „Erna!" stieß Joseph erfreut aus; denn daß auch sie kam, war seine größte Freude. Bald saßen die beiden jungen Leutchen, im traulichsten Gespräche. Der zwanzigjährige Joseph mit der achtzehnjährigen Erna! Und Erna wollte ja Alles wissen. Sie hörte strahlenden Auges mit der gespanntesten Aufmerksamkeit Josephs Worten zu. In einiger Entfernung von ihnen saß der alte Kantor und dachte an einstige Zeiten! Erna war ihm ja als das treue und liebe Mädchen bekannt und sehnlichst wünschte er, daß es Joseph vergönnt sein möge, auch einst einen solchen Charakter an den seinigen zu knüpfen. Daß es nicht Erna sein konnte, wußte er, denn sie war schon einem steinreichen Bankier versprochen. Nur Erna und Joseph wußten nichts davon, ihnen war die Gegenwart schon Glück genug. Was ging sie also die Zukunft an! — Die Abendsonne schickte scheidend ihre letzten Strahlen in das stille Heim des Kantors und beschien drei Personen, die bald von einander scheiden sollten. (Fortsetzung folgt.) Ungarische Gerechtigkeit. i. Mein Freund vr. Bathory — ein junger Wiener Advokat — der in Geschäften einer belgischen Gesellschaft reiste, kam vor einigen Jahren nach Nyiregyhaza und kehrte dort in einem jüdischen Gasthofe ein. Der junge Mann war gewöhnt, bei diesen Landreisen für seine Beköstigung selbst zu sorgen, und sein Diener führte eine große —von Sacher in Wien proviantirte — Cassette mit, in welcher sich außer Thee- und Kaffeemaschinen eine reiche Auswahl von kalter Küche aus allerhand Konserven befanden. Der Wirth hatte für nichts als für Milch, heißes Wasser und Fütterung zweier Pferde zu sorgen; trotzdem präsentirte er nach kaum dreitägigem Aufenthalt eine Rechnung von 90 Gulden (ca. 150 M.), d. h. von „Rechnung" kann man gar nicht reden, denn der Unverschämte verweigerte jedes Detail, sondern nannte blos die Summe seiner Forderung, auf deren Bezahlung er mit dem Hinweise, sich sonst an die Thiere und das Gepäck zu halten, in frechster Weise bestand. Mein Freund — dessen Coulance über jeden Zweifel steht — war über diese beispiellose Prellerei so entrüstet, daß er — als Worte nichts fruchteten — seine gewöhnliche Selbstbeherrschung verlor und den erbärmlichen Patron mit Ohrfeigen traktirte. Natürlich bereute er sehr bald seine Uebereilung und als seine Besinnung zurückkehrte, gedachte er durch volle Begleichung des angesprochenen Betrages seine Doppelschuld zu sühnen. Als Jurist aber gewohnt, zu diplomatisiren und und nicht sofort „klein beizugeben", trat er an den Wirth

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