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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 38 (1886) · p. Seite 149

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
38 (1886)
Date
1886-01-01
Page
Seite 149 (sequence 3)
Language
German
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- 149 — 9 "Wohlsein selbst am Ausreiten verhindert war, den Rappen zu benutzen. Sie kennen ja den Besitzer; es ist Fernando Mendez." „Der? Nun, der schlaffe Mensch wird auf dem Götterthiere lange nicht die Figur machen, wie Sie feuriger Portugiese. Er hätte wahrlich nicht wie Sie den Muth gehabt, den durchgehenden Pferden unserer Equipage in die Zügel zu fallen und dadurch meiner Schwester Anna das Leben zu retten. Eigentlich sind wir doch schrecklich undankbare Menschen. Meine Schwester und ich haben Ihnen noch kaum gedankt, und Papa hat Ihnen seit dem letzten Sonntage noch kein freundliches Wort gesagt. Das thut mir persönlich sehr leid." Mit diesen Worten drückt der junge Bankier dem über und über erröthenden Buchhalter die Hand. In demselben Augenblicke überbringt der Portier des Hauses dem letzteren ein duftendes Billet und einen mit Bleistift beschriebenen Zettel. Nach Durchsicht des Zettels verläßt Da Costa plötzlich das Kontor und geht in den Vorhof, wo seiner ein etwa siebzehnjähriges, ärmlich, aber sauber gekleidetes Mädchen wartet, nach der unverkennbaren Aehnlichkeit eine Schwester des Buchhalters. Die beiden begrüßen sich herzlich, ohne zu bemerken, das der junge Julius Cohn durch das Glasfensier neugierig und bewundernd den Besuch lorgnettirt. „Ist etwas zu Hause vorgefallen. Esther, daß Du den weiten Weg aus der Judengasse bis hierher gemacht hast? Nichts? Nun, desto besser; was hast Du denn für ein Anliegen?" „Ich hatte Angst, lieber Paul, Du könntest es wieder vergessen, daß heute Freitag ist, und würdest wieder zu unseres lieben Vaters Verdruß bei dem Kidusch (dem Segensspruche bei dem Sabbatheingange) fehlen. Du weißt, Vater quält sich die ganze Woche für das tägliche Brod, aber der Sabbath ist seine höchste Lust, und Dich, seinen ältesten Sohn, dabei zu vermissen, ist Wermuth in seinem Freudenbecher." „Aber, liebe Schwester, es war ja nicht böse gemeint, Du weißt, ich habe doch auch andere Verpflichtungen. FAls ich das Glück hatte, in der jüdischen Gemeindeschule dieZAufmerksamkeit der Vorsteher auf mich zu ziehen und dadurch eine Freistellung in dem Real-Gymnasium zu erlangen, bin ich durch meine vornehmen Mitschüler in ganz andere Kreise gekommen, als Ihr, und wenn ich die Einladungen benutze, die mir jetzt vielfach zugehen, so ist das auch in Euerm Interesse. Meine Stelle hier im Hause Moritz Cohn ist ja ganz gut, aber sie trägt nicht genug, um etwas für Euch zu erübrigen, und sie bietet mir nicht die geringste Chance für die Zukunft. Sieh', da Hab' ich schon wieder eine Einladung, vielleicht wieder von Fernando Mendezj, der mir eine bessere Stellung schaffen will. Du erlaubst?" Damit erbricht er das duftende B.llet und wird glutroth, als er die Zeilen überfliegt. Hastig verbirgt er das Briefchen in der Brusttasche und wendet sich wieder zu seiner ihn scharf beobachtenden jungen Schwester. „Esther, Du mußt dem Vater erklären, daß ich auch heute Abend nicht kommen kann. Eine Angelegenheit, die von hoher Wichtigkeit ist, nimmt mich in Anspruch. Ich bin Dir so dankbar, daß Du hierher gekommen bist, liebe Schwester, und es mir dadurch ermöglichst, den Vater über mein Ausbleiben zu beruhigen. Ich werde dafür morgen den Tempel besuchen und dann zu Euch kommen." Dem Mädchen treten die Thränen in die Augen; sie drückt dem Bruder stumm die Hand und eilt tiefbetrübt hinweg. Im Kontor forscht der junge Cohn den Buchhalter aus, wer das verteufelte hübsche Mädchen gewesen, und zeigt sich so entzückt, daß Da Costa nicht zweifeln kann, daß Esther eine Eroberung gemacht hat. Es würde ihm dies unteranderen Verhältnissen vielleicht höchst peinlich gewesen sein, wenn nicht das Billet, das er kurz vorher empfangen, eine Einladung nach der Villa seines Chefs enthielte, dessen Tochter Anna ihren Lebensretter zu sich entbietet, um ihm persönlich danken zu können. Am Freitag hatte Moritz Cohn seinen Klubabend, unh Anna, deren Mutter früh gestorben war, ist so selbstständig gewöhnt, daß sie die Abwesenheit ihres Vaters nicht hindert, Besuche zu empfangen. Da Costa verlebte in der Villa des Millionärs einen herrlichen Abend, da sowohl Anna, als auch ihr Bruder Julius ihn mit großer Auszeichnung behandeln und der ihn umgebende Luxus ihn auf das angenehmste berührt. Sein artiges und gleichzeitig schwärmerisches Wesen gefällt der verwöhnten Bankierstochter, die eine pikante Abwechselung darin findet, sich von dem hübschen Portugiesen anbeten zu lassen. An jedem Klubabende ist Paul Da Costa nun in der Villa Cohn, spielt mit der reichen Erbin entweder Schach oder liest ihr vor. Gutzkow's „Uriel Acosta" lesen sie wiederholt gemeinschaftlich, und was seiner deutschen Aussprache an Richtigkeit abgeht, das ersetzt der Wohlklang seiner sonoren Stimme reichlich. Unwillkürlich träumt sich der arme Junge in die Rolle Uriel's hinein, obgleich er keine Ahnung von Spinozistischer Philosophie hat; aber Anna dünkt ihm viel begehrenswerther, als die Judith des Dichters, und sein ehemaliger Freund, Fernando Mendez, wird von ihm ebenso mit Unrecht dem Ben Jochai verglichen, wie er im Geiste ohne allen Grund seinen Chef, Moritz Cohn, zum Manasse Vanoerstraaten macht. Anna Cohn ist aber keine Judith, die zu dem Geliebten weltvergessen emporblickt; das Weltkind hat nur ein amüsantes Spielzeug gefunden, das ihr sehr gut gefällt, dem zu entsagen ihr aber sicher nicht schwer fallen wird. Das weiß ihr Vater auch sehr genau, und deshalb läßt er sein verwöhntes Kind, das ihm so ähnlich ist, auf dessen berechnenden Geist er aber zählen kann, seinen ersten Roman ruhig ausspielen, so unangenehm ihm auch der „portugisische Schusterjunge" ist. Denn das ist Paul Da Costa, dessen Vater in der Judengasse Schuhe flickt, trotz seiner Abstammung von der berühmten portugiesischen Familie, der einst der Philosoph Uriel Acosta angehörte und von welcher noch jetzt einzelne Glieder der Geldaristokratie angehören. Seiner klugen Tochter sicher, würde er sich des pauvren Buchhalters wegen kein graues Haar wachsen lassen; aber ein grausamer Zufall hat es gefügt, das derselbe eine reizende Schwester hat, für welche sich sein Sohn interessirt. Der leichtfertige, aber gutmüthige Bankierssohn hat sich als Busenfreund Paul'S in der armen Schustecfamilie eingeführt und scheint für Esther Da Costa eine tiefere Neigung zu hegen, die sein Vater ernstlich beunruhigt. Julius ist das Ebenbild seiner verstorbenen Mutter, voll Weichherzigkeit und Eigensinn, dabei in seinen Neigungen ebenso rasch als beharrlich. Das weiß sein Vater, und deshalb macht ihm der Zufall, der die Herzen seiner beiden Kinder den Sprößlingen der armen Schusterfamilie zuwendete, schwere Sorgen. Es ist ihm eine Erleichterung, sich mit seiner Tochter Anna offen auszusprechen, zumal er sie seinen kühlen Ansichten zugänglicher findet, als er nach seinen in den letzen Wochen gemachten Bemerkungen hoffen konnte. „Du liebst den Portugiesen also wirklich, Anna?" „Ich denke, ja, Papa." „Mir ist das recht unangenehm. Fernando Mendez, der sich längst für dich interessirt hat, übernimmt das Bankgeschäft seines Onkels, Felix Morpurgo in Paris, der sich vom Geschäfte zurückzieht. Als seine Gattin hättest Du in den Kreisen der haute finanoe der französischen Hauptstadt glänzen können, während Du als Frau Da Casto, wenn ich wirklich die Schwachheit haben sollte, diese Mesalliance zuzugeben, gezwungen sein wirst, von der Dir zufallenden Hälfte meines Vermögens eine Menge armer Verwandten zu füttern und Dich mit Handwerkern und Arbeitern zu enkanailliren. Mir soll es recht sein. Ich ging heute mit Friedrich Amsing zur Börse, der, einst Millionär, jetzt durch geschäftliche Verluste ziemlich heruntergekommen ist. Ich wollte ihn darüber

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