Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 38 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 148 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 148 — zuweisen; er suchte mir Complimente zu machen, indem er mir sagte, daß ihn gerade mein ehrlicher Name zu mir geführt habe und daß ihm, wenn ich ihn so schroff zurückwiese, nichts anderes übrig bliebe, als sich eine Kugel durch den Kopf zu jagen, ich solle doch Mitleid mit ihm haben. Er bat und flehte so lange, bis er es endlich dahin gebracht, daß ich ihm die gewünschte Summe einhändigte Wir hatten uns dahin vereinbart, daß er mir binnen vier Wochen mein Geld mit 5 Procent Zinsen zurückzahlen solle. Die vier Wochen waren aber längst vorüber und ich war noch immer nicht bezahlt. Herr v. Waldenburg kam und bat um Frist; nur kurze Zeit noch möchte ich mich gedulden. „Das habe ich mir gleich gedacht," sagte Mathilde, als er gegangen. Und ein Narr bist Du. wenn Du diesem Menschen das Geld so, ohne einen großen Verdienst dabei zu haben, verleihst. Siehe, er sagte doch, es wäre gegen seine Ehre, mit einem Wucherer in Verbindung zu treten und wie hält er sein gegebenes Ehrenwort? Ich möchte Dir heute schon prophezeien, daß Du, wenn Du nicht anders mit ihm verfährst, im nächsten Jahre Dein Geld noch nicht hast. Anders ist esW wenn Du ihm Zinsen berechnest, wie alle anderen Geldverleiher!" „Um Himmelswillen, Mathilde, dann wäre ich ja auch ein Wucherer. Möchtest Du, daß ich mein gutes Gewissen, meinen ehrlichen Namen einsetzte gegen gleißenden Mammon? Nein, das ist gewiß nicht Dein Ernst." „Wie Du Dir das wieder auslegst, Samuel, Du siehst immer zu schwarz. In den Augen der Christen ist so wie so jeder Jude ein Betrüger; betrachte die Sache einmal von einem andern Standpunkt. Begehst Du an diesem Offizier ein Unrecht, wenn Du ihm viel Zinsen abverlangst? Leichtsinnig verschwenden wird er sein Geld doch, ob Du es ihm leihst oder ein Ander r: wenn er trinkt, wettet und spielt, dann denkt er sicher keine» Augenblick daran, ob es seinem Vater sauer geworden ist, das Geld zu verdienen. Ist das nun Sünde, einem solchen Menschen nicht beizustehen? Er würde sich in's Fäustchen lachen, daß er Dich auf den Leim geführt und vielleicht schickt er Dir auch noch mehr solche Kunden. Wenn dieses Geld nun aber in Deine Hände kömmt, dann wird es einen ganz andern Werth haben. Du wirst es nicht verjubeln, es wird zum Wohlergehen Deiner Familie beitragen. Wer weiß, wie lange es noch dauern kann, bis im Geschäftsleben eine Krisis eintritt und Du wieder auf Deinen früheren Gehalt Ansprüche machen kannst; inzwischen wird unser Richard groß und soll etwas Ordentliches lernen, da können wir viel Geld brauchen. Sieh Dir einmal die Familie Rosenthal au. Werden die vielleicht weniger geachtet, weil Herr Rosenthal ein Wucherer ist? Die Leute sind in jeder Weise glücklich zu nennen, haben gesunde, schöne Kinder und ein Familienleben, wie man es selten findet. Aber ich sehe es Dir schon an, Samuel, Du bist nicht zu überzeugen, nimm es mir nicht übel, in Dir steckt nun einmal der Heinemann'sche Dünkel. Deine Eltern haben sich auch lieber von ihrem einzigen Kinde getrennt, als eine Schwiegertochter aus geringer Familie um sich zu sehen, und so wirst Du auch einmal lieber Deine Familie darben sehen, als ein Deutchen von dem abweichen, was Du einmal als das Rechte anerkannt. Aber sieh mich doch einmal an, Samuel, wenn Du mich wirklich so lieb hast, wie Du mir oft versicherst, so folge diesmal meinem Rath, nicht mir, sondern Richard zu Liebe." Dabei umschlang sie mich zärtlich und umschmeichelte und koste so lange, bis sie ihrem Ziel näher, immer näher rückte. Und sie hat es erreicht, Röschen! So schwach war Dein Vater! So war ich zum zweiten Male in meinem Leben von der rechten Bahn abgekommcn; denn das ist ja der Fluch der bösen That, daß sie fortdauernd Böses muß gebären. So lange mir die Worte meiner Mutter meinen Weg bestimmt hatten, ruhte Gottes Segen auf mir, sein Fluch, seit ich sie verlassen, seit ich ihr wehe gethan. Zwei Jahre habe ich an der Seite Deiner Mutter noch verlebt, von denen ich Dir weiter nichts berichten will, als daß sie mich immer elender und unglücklicher machten. Da wurdest Du geboren und Dein Geburtstag war ihr Todestag! — Welcher Trost war es damals für mich, daß ich die gute Recha um mich hatte, sie hat an Dir und Richard Mutterstelle versehen und mir war sie eine treue Rathgeberin. Das größte Verdienst aber hat sie sich dadurch erworben, daß sie dazu beitrug, daß sich meine Eltern mif mir aussöhnten. Ich war damals ganz gemüthskrank. Aus tiefster Seele bereute ich, was ich verbrochen. Alles, was mir das Schicksal auferlegte, hielt ich für die gerechte Strafe für mein frevelhaftes Thun. Das Geld, welches auf unredliche Weise erworben war, duldete ich keinen Tag mehr im Hause, ich gab es fort zu wohlthätigen Zwecken; wenn auch mein ehrlicher Name für immer verloren, meine Gewissensruhe konnte ich mir vielleicht doch wieder erkämpfen, dahinaus ging jetzt mein ganzes Streben. Da bekam ich eines Tages unverhofft einen Brief von meiner seligen Mutter. Die alte Recha hatte ihr ohne mein Wissen die traurige Lage, in welcher ich mich befand, mitgetheilt und hielt ich nach langer, langer Zeit wieder ein paar Zeilen von meiner guten, unvergeßlichen Mutter in Händen; wie ich am ganzen Körper zitterte, bis ich sie erbrochen, und dann sank ich halb ohnmächtig nieder. „Morgen, schon morgen würde sie kommen!" (Schluß folgt? Bankier und Schuster. Eine Erzählung aus dem holländischen Familieu-Leben. Von Alphonse Levy. „Sehen Sie doch das Kontokorrent von Cahen d'Anvers in Paris nochmals durch, daß ja Papa nicht nachträglich noch einen Jrrthum darin entdeckt!" Mit diesen Worten tritt in einem der glänzendsten Bankkontors in Amsterdam der einzige Sohn des Bankiers Moritz Cohn zu einem der jüngeren Buchhalter, der sich unverzüglich anschickt, die Richtigkeit der Zinszahlen zu prüfen. Dabei nimmt das ungewöhnlich schöne Gfficht des etwa zweiundzwanzigjährigen jungen Mannes einen ernsteren Ausdruck an; auf der hochgewölbten Stirn zeigt sich eine Furche; die dichten Brauen beschatten die großen dunkelbraunen Augen noch tiefer, und eine feingeformte Hand streicht wiederholt die tiefschwarzen Locken zurück, die immer wieder nach vorn fallen. Der Sohn des Hauses bildet dazu den schroffsten Gegensatz; obgleich nicht älter als der Buchhalter, hat er doch schon alles Jugendliche abgestceift. Die Figur ist allerdings tadellos, wie der aus einem der ersten Londoner Magazine stammende Anzug; aber das blonde Haupthaar ist bereits stark gelichtet, die Gesichtsfarbe ist ungesund, die Augen sind matt und umrändert und können des Lorgnons nur selten entbehren. Um den Mund, den ein kleines Schnurrbärtchen ziert, spielt jedoch ein gutmüthiges Lächeln. „Bis auf eine Differenz von hundertzehn Gulden bei den russischen Loosen ist alles richtig. Ein ähnlicher Jrrthum war schon bei der letzten Abrechnung entstanden, weil das Pariser Haus die Rubel anders veranschlagte, als es an der Amsterdamer Börse Usance ist. Ich werde den Posten gleich entsprechend umändern. ' „Was Sie für ein gescheites Kerlchen sind, Da Costa, ich wäre nicht darauf gekommen und hätte dann der Lappalie wegen hübsche Vorwürfe bekommen. Als ob unsereins an einem solchen schönen Tage nicht etwas Angenehmeres treiben könnte, als sich mit Zahlenreihen herumzuplagen! Sagen Sie, Da Costa, wollen Sie mit mir heute Abend einen Spazierritt machen? Sie sind ja ein trefflicher Reiter, und Ihr Rappe ist ein herrliches Thier." „Das Pferd, das ich am vorigen Sonntag im Parke ritt, ist nicht mein Eigenthum, sondern das eines Schulfreundes, dem es Vergnügen macht, mir Reitunterricht zu ertheilen, und der mich gebeten hatte, so lange er durch Un-