Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 38 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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M 38. Jüdisches 1886. Utilifl-Il#// Herausgegeben von Dr. M. Nahmer in Magdeburg. Die Tochter des Wucherers. Von Henriette Katz. (Fortsetzung). — Bankier und Schuster. Eine Erzählung aus dem holländischen . a/«. vv-v jojuujviu.». »yiiiuim ov u £>. vuuuu v^u;u|iu. ^«nlUUt: ■SamiUen.ßeben. Von Alphonse Lev y. — Richard Wagner durch Meyerbeer empfohlen. — K ' Konnnt Zeit, kommt Rath. Der Strick. — Räthsel-Aufgaben und Räthsel-Lösungen. leine jüdische Eharakterzüge. Die Tochter des Wucherers. U) Von Henriette Katz. (Fortsetzung.) Da traf uns wieder eine Unannehmlichkeit. Mein Chef machte mir die Mittheilung, daß es ihm bei dem schlechten Geschäftsgang nicht mehr möglich sei, so viel Gehalt wie bis« her zu zahlen; wenn ich mit zwei Drittel desselben mich begnügen könne, wäre es ihm sehr lieb, wenn ich. bliebe, sonst müßte er sich nach einem andern Buchhalter umsehen, der womöglich unverhcirathet sei und sich mit einem geringen Gehalt begnügen könne. Was wird Mathilde dazu sagen? das war mein erster Gedanke. Sie sah es mir gleich an. als ich nach Hause kam, daß ich Betrübendes erfahren, aber nicht zärtlich theilnehmend, wie sie sich seither gezeigt, sondern mit einer Miene, als unterdrücke sie die Klage: „Was werde ich an der Seite dieses Mannes noch Alles zu ertragen haben," frug sie mich nach der Ursache meiner Verstimmung. „Es hat mir ordentlich geahnt," sagte sie dann, „daß wir für die Dauer nicht glücklich sein können. Es haftet kein Segen auf Deinem Thun und Lassen; ein Kind, das des Segens der Eltern entbehrt, kann nie glücklich sein, und dies Geschick mit Dir zu theilen, ist mir nun auferlegt." Dann setzte sie sich neben mich und begann bitterlich zu weinen. Die Worte aber, die ich in dieser Lage so gerne von ihr gehört hätte, sprach sie nicht. Welches Glück wäre es für mich gewesen, wenn sie gedacht hätte, wie meine Mutter, wenn sie an ihrer Stelle gewesen wäre. Wir haben uns ja lieb und sind jung und gesund; ich will gerne mein Scherflein beitragen und mich einschränken, so viel als möglich, bis wieder bessere Zeiten kommen. Aber das war es ja, sie hatte mich gar nicht lieb, sie wußte gar nichts von Liebe. Sie kannte nur ein Bestreben: sie wollte glücklich sein. Jenen schönen Vorzug edler Frauen, das Glück nur im Beglücken zu suchen, kannte sie gar nicht. Ich sah es jetzt wieder deutlich, welch' himmelweite Kluft zwischen unseren Gesinnungen lag, und das raubte mir den Muth, über unsere Zukunft nachzudenken. Da wurde ich durch den Besuch der Frau Rosenthal aus meinem dumpfen Sinnen emporgerüttelt. Sie sah ganz verwundert nach dem verweinten Gesicht meiner Frau; es war mir nicht möglich, noch im Zimmer zu bleiben, und unter dem Vorwand, daß ich mich nicht wohl befände, flüchtete ich in's Schlafzimmer unseres kleinen Richard und weinte an der Wiege meines Kindes die bittersten Thränen. Wie lange ich so dagesessen, weiß ich nicht! Aber plötzlich fühlte ich einen weichen, vollen Arm sich um meinen Hals legen; meine Frau war zu mir hereingeschlichen und mit ihrer süßen, wohlklingenden Stimme flüsterte sie mir ins Ohr: „Wir haben uns ja lieb und sind jung und gesund, was brauchen wir denn weiter? Wir wollen uns einschränken, vielleicht kommen auch wieder einmal bessere Zeiten. Komm, weine nicht mehr, wir wollen uns sonnen an dem Anblick unseres schönen Kindes und unsere gegenseitige Liebe wird uns alle Beschwerden ertragen helfen." Was war denn das? Ich traute meinen Ohren kaum; hatte ich mich doch getäuscht und meinem Weibe Unrecht gethan, als ich sie des Egoismus anklagte? Da waren sie ja ausgesprochen, die Worte, die ich zu hören gewünscht. Aber warum jauchzte ich denn nicht aus vor Freude und bat sie um Verzeihung wegen der falschen Gedanken? Ach, es war mir so eigen zu Muthe; ich wußte nicht, ob ich mich freuen oder weinen sollte. Schon einmal hatte die Stimmung meiner Frau so rasch gewechselt uud es wollte mir gar nicht behagen, daß es auch diesmal wieder nach dem Besuch der berüchtigten Frau Rosenthal geschah. That man vielleicht auch dieser Unrecht. - Mathilde bemerkte es gleich, daß ihre Worte nicht den gewünschten Erfolg hatten; sie ward aber immer zärtlicher, und was sie sprach, klang so wohlwollend und überzeugend, daß ich allmählich doch daran dachte, daß ich sie wohl zu hart beurtheilt haben könne. Mein Chef war sichtlich erfreut, als ich ihm sagte, daß ich mit der Gehaltermäßigung einverstanden sei. So vergingen wieder einige Monate ziemlich befriedigend. Mathilde richtete Alles im Hause so einfach als möglich ein und war so bescheiden und anspruchlos, daß es einem ordentlich wohl war in ihrer Nähe. Der Kleine machte schon Gehversuche und ward immer drolliger; er war ganz das Ebenbild seiner Mutter, gerade so schön und so lieb sah er aus. Wir saßen eines Abends mit ihm tändelnd auf dem Sopha, als plötzlich draußen auf dem Flur fremde Tritte hallten. Es klopfte an und herein trat ein schlanker, stattlicher Offizier. Er stellte sich uns als Lieutenant v. Waldenburg vor und bat mich für einige Augenblicke um eine Unterredung unter vier Augen. Was konnte dieser Mensch von mir wollen? Ich sagte ihm. daß ihn die Gegenwart meiner Frau nicht geniren könne, er möge nur Vorbringen, was ihn zu uns geführt. Nun erzählte er mir, nachdem er verschiedene Mal verlegen nach einem Anfang seiner Rede gesucht, daß er sich in einer argen Klemme befinde, er habe morgen eine Ehrenschuld zu bezahlen und wisse nicht, woher das Geld dazu nehmen. Seine Eltern hätten keine Ahnung davon, was für Ansprüche an einen Offizier gestellt würden und hätten ihn, trotzdem er schon verschiedene Male darum geschrieben, noch kein Geld geschickt. Es sei gar nicht einmal eine große Summe, die er brauche und er würde mir ewig dankbar sein und gerne so viel Zinsen geben, als ich nur verlangte, wenn ich ihm helfen wollte; schon im nächsten Monat bekomme er seine Gage, dann sollte ich das Geld wieder haben. Man habe ihm eigentlich gerathen, zu Herrn Rosenthal zu gehen, doch ec wüßte, daß dies ein Wucherer sei und es wäre ihm gegen die Ehre, mit einem solchen in Verbindung zu treten. — Ich erwiderte ihm daraus, daß er ja im Begriff sei, mich auch zu - einem Wucherer zu machen, indem er mir so viel Zinsen angeboten und daß wir überhaupt nicht in der Lage seien, Geld zu verleihen. Doch so leicht war dieser Mensch nicht zurück-