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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 37 (1886) · p. Seite 145

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
37 (1886)
Date
1886-01-01
Page
Seite 145 (sequence 3)
Language
German
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- 145 — „Gilt euch denn eure Religion so gar nichts?" srug Her Bialystoker. „Geld wiegt Religion auf" — war die einstimmige Antwort der Kurländer. - „Viele unserer Landsleute in den großen Städten haben sich getauft und sind jetzt — glücklich!" _ „Auch den Tabackshandel habt ihr Juden an euch gerissen und schädigt dadurch meine Volksgenossen, deren erbgewohnte Beschäftigung ihr damit zu der Eurigen gemacht habt. So ist ja in allen Stücken Eure Art. Alle zu berauben und zu bestehlen, die Angehörige anderer Völker sind." „Welchem Volke gehörst Du denn eigentlich an?" srug ein Jüngling den Redner. „Mein Volk ist,das Volk der Karäer." „Wer hat Eych das Recht gegeben, Euch ein Volk zu nennen?" „Wer? Wir selbst haben entschieden, daß wir ein Volk sind und am Tage des großen Festes, bei der Krönung unseres Kaisers haben wir auf die Sr. Majestät überreichten silbernen Schüssel eingraviren lassen: Von dem karäischen 'Volke." „Kennst Du die Fabel von dem Frosche, der sich mit aller Gewalt aufblies, um einem hörnertragenden Stiere zu gleichen, der auf der Wiese weidete? Der Leib des Frosches Platzte auf, bevor er noch die Größe der Ochsenklaue erreicht hatte." „Bis jetzt," rief ärgerlich der Karäer — „ist unser Bauch noch nicht in Stücke gegangen, während Euer Kopf zerhauen und gelöchert und Euer Gebein in alle Winde geworfen worden ist. Das ist die Frucht Eurer Widerspenstigkeit und Hartnäckigkeit mit der ihr unerschütterlich am Talmud festhaltet. Gottlob, daß endlich das Band zerrissen ist, das früher Euch mit uns in einem gewissen Zusammenhänge gehalten hat! Deswegen auch heben und hegen die anderen Völker uns und erweisen uns Gnade, während sie Euch Schenkel und Seite durchbläuen." „Weil Ihr von fern gestanden" — rief ingrimmig der Jüngling — „am Tage, da Fremde unser Vermögen plünderten, weil Ihr über unser Unglück Euch gefreut, weil Ihr stolz prahlet mit den Vorrechten, die Euch gegeben worden sind, allein um uns zu ärgern und Bitterkeit in unser Herz zu senken, weil auch Ihr großsprecherisch über uns herziehet, deßhalb sollt Ihr, Ihr Sprößlinge des karäischen Volkes, keinen Theil haben am Hause Israels, nicht Euch betheiligen an unserer Geistesarbeit und nicht mit uns erben die Geschicke unserer Zukunft." „Hör' auf zu prophezeien" — sprach ein Freund zu dem jugendlichen Propheten — „Du erhitzest Dich und die Suppe wird kalt." Auch ich aß dort in dem Speisehause und bevor ich es verließ, ließ ich mein Auge noch einmal auf den Söhnen meines Volkes weilen, die nach ihren Stämmen gesondert um die Tische saßen. Gedanken der Freude und des Schmerzes in jähem Wechsel durchzuckten mein Hirn. Geschlechter zogen vor mir vorüber — schaarenweise gereihet. Ich dachte der Vorzeit, Tyrus, Sidon, der Schiffe Sälomo's, der Asien's und Afrika's Produkt durch seine Handelsflotte herbeiholte. — ich gedachte, wie die Israeliten Griechenlands Weisheit erstrebten, wie sie griechische Nationalität zu erlangen suchten, ich gedachte des Kampfes und der Bürgerkriege, der Theilung Juda's, der Pharisäer und Sadducüer, der innern und der äußern Feinde — und all' diese Bilder riefen mir zu: „Was gewesen ist, wird wieder sein; es giebt nichts Neues unter der Sonne." Ist nun dies ein Volk? „Selbst auf die religiöse Einheit hat die Zerstreuung über die ganze Erde unvortheilhaft eingewirkt. Nationale Zusammengehörigkeit aber, selbst Grund- und Hauptzüge der Nationalität lassen sich nicht auffinden. Die Juden der verschiedenen Länder haben vollen Theil an den edeln, wie an den unedeln Eigenschaften ihrer Landsleute, die nur ein wenig dadurch modificirt sind, daß die Religion der Juden nicht blos in Lehren und kirchlichem Dienste umschlossen ist, sondern durch die Vorschriften der Moral und die religiösen Enthaltungsgesetze auf die Lebensweise (Nahrung rc.) einen bestimmenden Einfluß übt. Was der Pole in obiger Schilderung ausspricht, das ist im großen Ganzen die Ansicht der meisten westeuropäischen Juden. Das Judenthum ist und bleibt uns unsere Religi on — aber ein nationales Band enthält es nicht mehr! A. Lewin-Freiburg. Wie Meyerbeer Musikdirektor mürbe. Friedrich Wilhelm IV. hatte Meyerbeer schon früher ersucht, die Stelle eines General-Musikdirektors zu übernehmen. Der glänzende Erfolg, den die Hugenotten im Sommer 1842 erlebten, ließ den König auf seinen früheren Wunsch wieder zurückkommen, und da Meyerbeer wegen eines Augenübels an dem Mahle nicht hatte Theil nehmen können, welches Friedrich Wilhelm in Sanssouci den neuernannten Ordensrittern xour 1s rnsrits — worunter auch Meyerbeer — gab, so wurde er eine Woche später, als sich sein Uebel etwas gemildert hatte, vom Könige zu einer Soirse eingeladen, bei welcher dieser dem Komponisten die zarte Aufmerksamkeit erwies, den blendenden Sonnenschein durch grüne Rouleaux im Gesellschaftszimmer zu dämpfen und Abends das Lampenlicht durch grünfarbiges Glas zu mildern. Als sich die Gesellschaft auflöste, nahm der König Meyerbeer bei Seite und fragte abermals, ob er nicht in Berlin als Musikdirektor fungiren wolle, da er, wenngleich er sich den größten Theil des Jahres in Paris aufhalte, doch stets einige Zeit in Berlin bei seiner Familie verweile. Meyerbeer, von solcher Güte und Aufmerksamkeit gerührt, entgegnete, daß er gern das Amt übernehmen wolle, wenn Sr. Majestät damit gedient sei, daß er vier Monate im Jahre die Oper leite, womit sich der König zufrieden erklärte und scherzend erwiderte: „So erlaube ich mir, Ihnen für jeden Monat 1000 Thaler anzubieten." „Wenn Euer Majestät nichts dagegen haben, — versetzte Meyerbeer, — so erlaube ich mir den Vorschlag: die 4000 Thaler, welche Euer Majestät mir zugedacht haben, mögen einer dem Theater fehlenden Primadonna zu Gute kommen, für deren Engagement ich Sorge tragen würde; ich selbst werde es mir zur Ehre schätzen, auch ohne dies während der vier Monate als General-Musik-Director zu fungiren, da meine Verhältnisse es mir sehr wohl gestatten, auf einen Gehakt zu verzichten." — Gegen diesen uneigennützigen Vorschlag des Künstlers mochte der König nichts einwenden, und Meyerbeer trat kurz darauf seine Stelle als unbezahlter Musikdirektor an. (Bär.) Allerlei für de« Familientisch. Salomonisches Urtheil. An einem Halbfeiertag wandelte einst die junge Welt einer größeren jüdischen Gemeinde Kurhessens die Lust an, für den Abend ein solennes Tänzchen zu arrangiren, stieß aber bei den Alten auf Gewissens-Bedenken, ob solches auch mit dem göttlichen Gebote in Einklang stehe. Man ging also zum Rabbi, um dessen Urtheil einzuholen. Dem ersten wilden Andrang der stürmischen Jugend begegnete der Greis mit dem Bescheide, daß er erst seine Folianten befragen müsse. Als man nun nach Stunden des Hangens und Bangens wieder zu ihm kam, entschied der Weise: „Tanzen tor mar (darf man) aber — die Mannsen allein und die Weibsen allein." M. Wbg. Shykock. Wie die offenliegendsten Dinge nicht gar selten von den Gelehrten übersehen werden, zeigt sich vielfach bei

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