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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 37 (1886) · p. Seite 144

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
37 (1886)
Date
1886-01-01
Page
Seite 144 (sequence 2)
Language
German
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— 144 — ~ Nun plauderte sie weiter und erzählte mir, daß sie im Laufe des Nachmittags verschiedene, recht angenehme Besuche gehabt habe und war besonders des Lobes voll über die reizende und liebenswürdige Frau Rosenthal. Sie habe ihr versprochen, recht häufig zu kommen, worauf sie sich jetzt schon freue. Das war nun gerade keine sehr angenehme Botschaft für mich; Herr Rosenthal hatte keinen guten Namen! Er sei ein arger Wucherer, war ihm schon oft gesagt worden, und seine Frau mache sich gar nichts daraus; sie treibe einen ungeheuren Luxus und freue sich, wenn ihr Mann viel Geld verdiene; es sei ihr gleich, auf welche Weise. Trotzdem wagte ich nicht, meiner Frau den Umgang mit Frau Rosenthal so gleich gänzlich zu verbieten. Wenn ihr der liebe Gott wirklich den guten Gedanken eingegeben, daß das Weib sein Glück in der Liebe zu Mann und Kind zu suchen habe, dann konnte ihr die Gesellschaft mit dieser Dame für die Dauer von selbst nicht mehr behagen. Es begannen wirklich wieder bessere Tage. Deine Mutter ward immer heiterer und allmählich glaubte ich daran, daß sich unser Geschick zum Guten gewendet hatte. Nur etwas wollte mir nicht recht behagen: daß meine Frau immer mehr Luxus machte! Wenn eine der Frauen, mit welchen sie verkehrte, irgend etwas Neues trug, dann ließ sie mir nicht eher Ruhe, bis sie es mir auch abgelockt hatte; das brachte sie aber in so liebenswürdiger Weise vor, daß es mir unmöglich war, es ihr abzuschlagen. Dagegen war sie auch gegen mich liebenswürdiger denn je. So oft ich nach Hause kam. hatte sie irgend eine Ueberraschung für mich, und den Kleinen verwöhnte sie förmlich. Dabei bat sie mich auch täglich, es ihr nicht nachzutragen, daß sie sich im vergangenen Jahre so häßlich benommen; aber es sei doch auch gar zu niederdrückend für sie gewesen, daß meine Mutter mit dieser Heirath gar nicht auszusöhnen sei. Jetzt ward ich wieder voller Zuversicht. Vielleicht siegte wie bei Mathilde auch bei meiner Mutter die Liebe noch, dann konnte noch Alles gut werden. Der kleine Richard ward immer stärker und munterer und so oft ich ihn ansah und mich mit ihm freute, dachte ich: Ach, könnte dich jetzt einmal die Mutter sehen, And schon beschloß ich im Geheimen, mit dem Kinde, wenn es noch etwas mehr herangewachsen, einmal nach Hause zu reisen, um mein Heil noch einmal zu versuchen. Indirekt war ich von Allem unterrichtet, was zu Hause vorging; bis jetzt ging es, wie mir ein Freund schrieb, meinen Eltern noch gut. Die Mutter sähe man selten, aber daß sie gesund wäre, könnte er mir fest versichern; das war immer eine Erleichterung für mich, wenn ich es hörte. Der Groll, mit dem ich das Elternhaus verlassen, war längst vorüber. Erst seit ich selbst Vater war, wußte ich recht, was Elternliebe heißt, und immer mehr drängte sich mir die Ueberzeugung auf, daß ich nur dann wahrhaft glücklich werden konnte, wenn mir die Ellern verziehen hatten. (Fortsetzung folgt.) Die Messe in Nowgorod. 5. A«ti«n oder Religion! (Schluß.) „Wer noch nie hier gewesen ist, hier an dem Ufer der Wolga, welches das sibirische Ufer genannt wird, der hat noch nie gesehen, was der Handel ist." So erzählte ein Mann den in seiner Nähe Sitzenden. „Europa und Asien treffen sich hier und reichen sich die Hand, und zwar eine hilfreiche Hand. Jeder Welttheil liefert dem Anderen, was ihm fehlt. Asien, das gewaltige, riesenhafte, kommt mit den Erträgnissen seines Bodens, mit den Schätzen seiner Berge; das jugendliche, fast jungfräulich zarte Europa, das im Glanze geistigen Lichtes strahlt, bringt die Erzeugnisse seines Gewerbfleißes, Seide und Bllntgewirktes, kostbare Gerüthe — Alles, was Lust erweckt und Lust befriedigt. Ein Spaziergang längs des Ufers führt an meilenweit aufgestapelten Maaren vorüber. Garne aus England lagern dort, Seide und Gewebe, entzückende Luxusgegenstände aus Frankreich, Kattune und Gespinnste aus Deutschland, Fabrikwaaren aus allen Gebieten Rußlands. Und neben diesen Kupfer, Eisen. Steingut und Melachit aus den Bergwerken des Ural, Felle aus Sibirien, Edelholz vom Kaukasus, Baumwolle, Holz und Bodenerzeugnisse aus Persien, Seidengespinnste aus Buchera, Taback von Soratow, Tausende Fässer der verschiedensten Fische aus der Wolga und ihren Nebenflüssen. — Myriaden unendliche Menschen laden auf und ab — in die Schiffe und von den Schiffen!" „Womit handelst Du," fragt den Begeisterten einDischnachbar. „Ich habe eine Spinnerei in Lodz." „Ich bin ein Makler und ich kenne einen Perser, der Geld braucht. Von dem kannst Du Baumwolle sehr billig kaufen." „Wir Juden Polens haben mit Euch, den Juden Rußlands, gar nichts gemein" — so hört man einen Warschauer von einem der Tische her erklären, an welchem jüngere Leute Platz genommen hatten. — Wir sind Polen, das ist unser Ruhm und unsere Ehre." — „Aber Deine Religion weist Dich doch zu dem Volke hin, dem Du entstammst" — entgegnete ihm ein Herr aus Bialystok. — „Was hat Religion mit Nationalität zu schaffen?! Wohl ist das Gesetz Moses auch uns heilig. Aber sieh, Franzosen und Süddeutsche haben eine und dieselbe Religion, werden sie um deswillen auch von denselben nationalen Banden umschlungen?" „Und Deine Abkunft?" fuhr der Bialystoker fort, — „Sie bezeugt doch, daß Du kein Slave bist?" „Wer von den andern Zugehörigen der Böller" —^antwortete der Pole— „kann darauf schwören, daß ec von reiner Herkunft ist, daß kein Tropfen fremden Blutes ihm beigemischt ist?" Die Geschichte mischt und würfelt bunt durch einander. Völker wechseln, sie verschwinden, gehen in Andern auf, die an ihre Stelle treten. So wandelt die Menschenrace ihre Formen, legt die alten ab und bildet neue. — „Das jüdische Volk aber vermischt sich nicht und legt seine Form nicht ab," rief der Bialystoker. Dem fügte er die Frage hinzu: „Und warum wechselst Du nicht auch den Glauben, damit Du ganz und ungetheilt Pole sein kannst, Pole vom Scheitel bis zur Sohle und bis in alle Fibern Deines Herzens hinein?" „Meinen Glauben wechseln!" — schrie der Pole auf, und seine Wangen wurden purpurroth — „ich werde niemals dem treulos werden, was mir die geistige Wahrheit ist. Nie werde ich so tief sinken, daß ich eine Lüge über meine Lippen bringen und zu betheuern vermöchte, ich glaubte Etwas, was ich nicht glaube." „So lange ihr aber euere Religion nicht abschwört" — eiferte der Bialystoker — „ihr „Polnische Bekenner des Gesetzes Mosis," eure Religion, an welche ich mit und wider Willen durch geheime, unzerreißbare Fäden geknüpft sind, bleibet ihr ein Ring in der großen Kette, deren Ziel und Ende wir nicht sehen und nicht zu ahnen vermögen, weil sie eine ewige Kette ist. Es kommt dann sicher ein Geschlecht, euere Nachkommen, die sich schämen werden des Kleinmuthes ihrer Ahnen, die wieder Hochhalten werden die Fahne Israels! Ihr aber werdet mit euerem Hauche den eherneu Pflock nicht lockern, den Jahrtausende geschmiedet und befestigt haben." „Und ich" — rief ein Kurländer dazwischen — „ich würde mich nicht einen Augenblick besinnen und mich taufen lassen, wenn ich davon euren Nutzen für mich erwarten könnte. Wißt Jhr's" — damit wandte er sich seinen Landsleuten zu — „daß Reno Jacobsohn eine reiche Russin geheirathet hat und deshalb zum Christenthum übergetreten ist?" „Ja, solch' Glück haben nur Wenige!" ertönte es mit Seufzern in choro.

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