Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 37 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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M 37. Jüdisches 1886. L§MljkL-K1s// Herausgegeben von Dp. M. Rahmer in Magdeburg. Im Unterhaltiing u. Belehrung für die israelitische Jugend. Die Tochter des Wucherers. Von Henriette Katz. (Fortsetzung). — Die Messe zu Nowgorod. (5. Nation oder Religion.) — Wie Meyerbeer Musikdirektor wurde. — Allerlei fürden Fa milien tisch: Salomonisches Urtheil.— — Das religiöse Kind. Von I. Oppenheim. — Aus dem Spruchschatz des Talmud. Poetisch übertragen von Max Weinberg. — Räthsel-Aufgaben und Räthsel-Lösungen. Die Tochter des Wucherers. Von Henriette Katz. (Fortsetzung.) „Malhilde war die Liebe selbst und malte mir auf unserer Reise unser zukünftiges Leben so gemüthlich und anheimelnd aus, daß ich die trüben Gedanken über den traurigen Abschied aus meinem Vaterhaus einigermaßen vergaß. Das erste Jahr unserer Ehe verfloß auch wirklich ziemlich glücklich. Nur an jedem Freitag Abend , wenn ich von der Synagoge zurückkam, irrten meine Augen wie suchend in unserem Zimmer umher. Es war mir, als müßte aus irgend einem Winkel mein Mütterchen hervortreten und seine Hände segnend auf meinem Haupte ruhen lassen. Mathilde merkte mir das wohl an und bemühte sich, durch Zärtlichkeit und heitere Scherze mich aufzumuntern. Es gelang ihr aber kaum, ich war dann mit meinen Gedanken daheim bei meiner traurigen Mutter und wäre am liebsten mit Mathilde zu ihr hingeeilt; sie mußte ja die Schwiegertochter liebgewiunen, wenn sie sah, wie sehr sie sich in ihr geirrt hatte. In dieser Zeit schrieben wir ihr Beide einen ausführlichen Brief, von dem wir sicher hofften, daß er Erfolg haben würde. Wir hatten so innig geschrieben, so klar unsere Gedanken wieder gegeben; wie ich meine Mutter kannte, konnte sie dabei nicht kalt bleiben. Jeden Abend, wenn ich vom Comptoir zurückkam, glaubte ich: jetzt triffst Du gewiß Dein Mütterchen! Ja, ja, sie muß kommen! Aber es kam weder eine Antwort, noch meine Mutter; jetzt wußte ich, daß ich sie für immer verloren hatte. Das war ein harter Schlag, Röschen; er traf mich so hart, daß ich krank wurde, und dennoch hatte ich das Schlimmste noch nicht erfahren. Kaum war jene Krankheit überwunden, als ein neues, schreckliches Nebel über mich hereinbrach. Denke Dir Röschen, seit jener Zeit, als der Brief an meine Mutter unbeantwortet blieb, war Mathilde wie umgewandelt. Anfangs glaubte ich. es wäre ihr schmerzlich, daß meine Eltern so sehr gegen sie eingenommen und gar nicht zu versöhnen seien, und ich suchte mein eigenes Weh so viel ich konnte zu unterdrücken, um ihr, wenn das noch möglich war, noch mehr Liebe und Aufmerksamkeit entgegenzubringen; da kam die böse Krankheit und als ich von dieser genesen war, da machte ich eine so schreckliche Entdeckung, daß ich mir wünschte, ich wäre gestorben, die Krankheit hätte mich von meinem Leid befreit. Mit jedem neuen Tag ward ich fester davon überzeugt, daß Deine Mutter mich nicht liebte, daß sie mich schändlich betrogen hatte. Jetzt, da sie sah, daß meine Eltern nicht gesonnen, sich mit uns auszusöhnen, von der Stunde an, da sie wußte, daß sie nicht den Sohn der reichen Familie Heinemann, sondern nur einen Buchhalter geheirathet, der ihr zwar ein ganz schönes Leben, aber doch das nicht bleten konnte, nach dem sie allein gestrebt, zeigte sie ihren wahren Charakter. Es ist mir nicht möglich, Röschen, Dir niederzuschreiben, was ich damals gelitten habe. Noch ist es mir ein Räthsel, wenn ich an jene Zeit zurückdenke, daß ich sie überlebt. Wie gerne hätte ich da Trost gesucht, wo ein verirrtes, reuevolles Kind hingehört, bei meiner Mutter. Aber ich konnte es nicht über mich gewinnen. Dann glaubte ich auch wieder, daß Deine Mutter sich ändern würde, wenn erst liebende Kinder sie umspielten, und ich mochte meiner armen Mutter nicht noch weher thun, als ich ihr schon gethan. Und denke nur, wie seltsam: Trotz der Entdeckung, daß Deine Mutter mich nicht liebte, war mir der Gedanke, mich von ihr zu trennen, doch unerträglich! Ich gab den Verhältnissen, in denen sie aufgewachsen, und den vielen Verehrern, die sie ihrer Schönheit halber gehabt, schließlich mehr Schuld, als ihr selbst. Wie mancher Herr mochte auch ihr falsche Vorspiegelungen gemacht und sie betrogen haben. Gewiß, die Gesellschaft trug viel Schuld mit an ihren Fehlern; so suchte ich mich allmählich selbst zu trösten und setzte die größte Hoffnung auf unser häusliches Glück, als uns ein Söhnchen geboren wurde. Wie bitter aber wurde ich getäuscht; denn der Kleine wurde nicht, wie ich gehofft, zum Friedensboten. Er war ein schwächliches, kleines Kindchen, das vieler Pflege bedurfte.' Deine Mutter war durchaus nicht gesonnen, sich solchen Pflichten zu unterwerfen; sie klagte so viel über ihre eigene Schwäche und überließ den Kleinen ganz seiner Wärterin, der guten Recha. Sie hatte ebenso wenig Liebe zu dem Kinde, wie zu mir selbst. Ich ließ keinen Schritt unversucht, unsere Lage zu verbessern und lebte für mich so sparsam, wie möglich, um ihr jeden Wunsch erfüllen zu können, und doch brachte ich es nicht dahin, daß sie mir einmal freundlich entgegengekommen wäre oder in meiner Gegenwart den kleinen Richard liebkost hätte. Sie hatte stets nur Vorwürfe für mich und wenn sie wirklich einmal in eine allgemeine Unterhaltung sich mit mir einließ, dann konnte ich versichert sein, daß ihrer Freundlichkeit irgend eine eigennützige Absicht zu Grunde lag. Zu meinem größten Schmerz sah ich immer mehr ein, daß mein Leben an der Seite dieser Frau ein ganz verfehltes sein würde. Doch was war denn das? Als ich eines Tages wieder einmal recht mißmuthig vom Geschäft nach Hause kam, fand ich Deine Mutter ganz wie umgewandelt. Sie saß an der Wiege des Kleinen und schien ihm ein Lächeln entlocken zu wollen; so zärtlich war sie noch nie gewesen; sie selbst sah auch viel munterer aus, wie seither, sodaß ich sie ganz verwundert anschauen mußte; sie sah mir das wohl an und nun zog sie mich neben sich auf den Stuhl und sagte: „Es ist doch ein gar liebes Kerlchen, unser kleiner Richard. Ich sitze nun schon eine volle Stunde und unterhalte mich mit ihm. Wie thöricht war ich doch, daß ich nicht schon längst erkannt habe, was die beste Zerstreuung für eine Mutter ist!" Ich sah ihr ganz ungläubig ins Gesicht. Ihr bisheriges Betragen hatte mich recht mißtrauisch gemacht. Der Wechsel war doch zu jäh und noch glaubte ich nicht vollständig, daß mir das Glück wieder lächeln könne.