Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 36 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 140 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 140 — ist, als hätte Dich der Himmel ganz dazu geschaffen. Deshalb bist Du mir auch nicht gestorben, wie der kleine Richard, und hast das gute, edle Herz meiner seligen Mutter geerbt. Ach, warum ist sic mir so früh dahin gestorben? Welcher Trost wäre es für mich, wenn ich Dich in ihrem Schutze wüßte! Ich sehe noch heute ihr bleiches, verweintes Gesicht vor mir, als der Vater beschlossen, daß ich für einige Jahre in's Ausland gehen sollte, um mich geschäftlich weiter auszubilden. „Bleibe nur fromm, Samuel! Vergiß nicht, wie Du es zu Hause vor Dir gesehen und wie wir cs gerne haben;" das hatte sie mir immer wieder zugerufen. Ueberall wo ich auch war und was ich that, war sie mein Schutzengel. Nur einmal in meinem Leben habe ich sie streng und vorwurfsvoll vor mir stehen sehen und mein Glück wär's gewesen, hätte ich ihr damals gefolgt! Es war in den ersten Wochen meiner Rückkehr von England, als ich in unserer Heimath einem Vergnügen bewohnte und nach Hause kommend meiner Mutter erzählte, daß ich an diesem Abend ein Mädchen kennen gelernt habe, wie ein Engel so schön und so lieb, und daß ich, wenn ich je glücklich werden solle, das Mädchen heirathen müsse. „Um Himmels willen, Samuel, nur das nicht! So schön sie ist, so häßlich ist ihr Charakter." — „Kennst Du sie denn, Mutter? Sie ist doch erst so kurze Zeit hier!" — „Nein, persönlich nicht. Aber durch Andere habe ich gehört, daß sie sich in der kurzen Zeit ihres Hierseins schon keinen guten Namen erworben. Sie soll armer Leute Kind sein und Alles, was sie verdient, für sich verbrauchen; statt ihren Eltern behütflich zu sein, treibt sie großen Luxus." — „Wie rasch doch die Leute mit ihrem Urthcil fertig sind! Ich kann's nicht glauben, Mutter; gerade so fromm und unschuldig sieht das Mädchen aus, ich habe noch nie ein so anmuthiges Gesicht gesehen; die kann weder bös noch schlecht sein!" — So viel die Mutter nun auch warnte, mit jedem Mal, daß ich das Mädchen gesehen, war ich toller in sie verliebt, und von Allem, was ihr die Leute nachsagten, fand ich das Gegcntheil heraus. Weh aber that es mir, daß ich meiner Mutter, die doch sonst die Liebe selbst war. kein milderes Urtheil beibringen konnte. Mit jedem Tage gewann ich Mathilde, die gegen mich sehr zurückhaltend war, lieber, und eines Tages stand es fest in mir: „Diese oder Keine!" Wenn sich auch die Eltern jetzt noch widersetzten, die Zukunft würde dies Vcrhältniß schon mildern, denn ein Geschöpf, wie Mathilde, mußte sich ja Aller Herzen gewinnen, so redete ich mir vor. Zu Tode erschrocken aber war ich. als mir meine Mutter erklärte, daß ich zwischen den Eltern und Mathilde zu wählen habe und sie ihre Einwilligung zu dieser Heirath nie geben würden! Ich war so unglücklich, wie nur je ein Mensch sein kann. Wochenlang habe ich mit mir selbst gerungen und schließlich trug doch die Liebe zu dem schönen Mädchen den Sieg davon. Wie viel mag sie damals gelitten haben, die arme Mutter! Dieser Gedanke hat mich auch damals, als ich noch an die Liebe Deiner Mutter glauben durfte, nie ganz froh werden lassen; jedoch ich hoffte, daß das Eis schmelzen, daß Deine Großmutter, wenn sie sich von unserem häuslichen Glück, von der Güte Deiner Mutter überzeugte, ihrem einzigen Kinde nicht ewig zürnen würde' Aber es kam Alles anders, Röscheu; denn Gott sei es geklagt, nicht ich, sondern meine Mutter hatte recht gehandelt. Als ich nach unserer Trauung, die in aller Stille vollzogen wurde, in mein elterliches Haus kam, um meinen Eltern Adieu zu sagen, fand ich die Thüren verriegelt. Ich hätte mich so gern noch von meinen Ettern segnen lassen; wie schwer schon war es für mich gewesen, daß ich bei unserer Trauung dieses Segens entbehren mußte, und nun sollte ich in die Ferne ziehen, wie ein Verbrecher; meine Eltern wollten nichts mehr von mir sehen und hören! Und was halte ich denn gethan? Ich hatte ein armes Mädchen gcheirathet! Es war mir unbegreiflich, wie meille Mutter, die doch von Jugend auf meinen Sinn auf das Schöne und Ideale gerichtet, die dann später mit großer Verachtung von dem Dünkel der Rcichell gesprochen und den Adel der Seele, die Herzensgüte, als den einzigen Vorzug eines Menschen gelten lassen wallte, ihrer Gesinnung so untreu werdet! konnte. Was hatten denn all' jene Mädchen, die meine Mutter gern als Schwiegertochter begrüßt haben würde, vor Mathilde voraus? Doch nur den Reichthum! Ganz erbittert und mit Groll im Herzen gegen meine Eltern, an welchen ich sonst mit so großer Liebe gehangen, zog ich von dannen, um meine Stelle als Buchhalter in einem großen Geschäftshause anzutceten und unser Heim zu gründen. (Fortsetzung folgt.) Die Messe in Nowgorod. 3. Per Wettstreit. „Meine Geburtsstadt Sklow ragt unter all den von Juden bewohnten Städten besonders hervor," so tönt es laut von einem Tische her. „Söhne dieser Stadt haben die jüdischen Gemeinden in Moskau und Petersburg gegründet. Sklower waren überhaupt die erstell Pioniere, welche nach Jnnerrußland vorgcdrungen sind." „Waren die Sendboten, welche den hl. Wladimir zum Judenthum bekehren wollten, auch ans Sklow?" scherzte ein Tischgcnosse. „Die Stadt Säger steht Sklow in Nichts nach. Auch Leute dieser meiner Hcimathstadt findet man in allen israelitischen Gemeinden Jnnerrnßlands, und darum stehen wir auch voran, indem die Sklower nur Kaufleute und Händler sind, die Seigerer aber auch Gelehrte, Gebildete unb durch Wvhlthnn Hervorragende." „Ihr prahlt Beide ohne Ursache," ruft ein Manu dazwischen, dem man es ansah, daß er Lwldat gewesen ist. „Ich wohne in Perm. Nur wir, die Soldaten des vorigen Geschlechts,*) nur wir haben gelitten und geduldet, Elend und Mühsal und Prügel ertragen und dadurch allen Juden den Weg geöffnet. Den» wir haben in allen Städten Jnnerrußlands kleine Gemeinden gebildet. So haben wir das Thor geöffnet, den Zugang bereitet, den viele Andere sodann benutzt haben, sich anzusiedelll und mit Glück und Erfolg thütig zu sein." „Was Gelehrsamkeit und Bildung anbetrifft," — ruft ein Mann aus Wilna — „da vergesset nicht, meine Herren, daß das Heil von Wilna ausgeht und das Wort Gottes von diesem litthauischeu Jerusalem." „Die Wilnaer sind furchtsam und feig, wie die Weiber," gab der Sklower zur Antwort. „Was mau ihnen in den Mund steckt, das essen sie. Aber neue Bahnen elnzuschlagen, neue Nahrungszweige, neue Gebiete für Handel und Wandel auszusuchen, dazu haben sie weder Kraft noch Verstand." „Freilich, an Frechheit stehen wir weit hinter den Sklowern zurück," schrie gereizt der von Lokalpatriolismus übervolle Wilnaer. „Womit handelst Du?" fragt ablenkend Einer aus der Tischgesellschaft den „Soldaten aus dem früheren Geschlecht". „Mit Edelsteinen, die im Ural gefunden werden." „Geht Dein Geschäft gut?" „Gott sei Lob, ich für meinem Theil kann nicht klagen." „Ist die jüdische Gemeinde in Perm zahlreich?" „Ja wohl." „Wie groß an Zahl?" „Das mag Gott wissen. Ich habe sie nicht gezählt. Nur das weiß ich, daß wir zwei Synagogen, einen Rabbiner, mehrere Lehrer haben uitb in den Gcbetyäusern Leute unterhalten, welche Thora lernen." „Giebt's auch in den umliegenden Orten Juden?" *) Die vor mehr als 30 Jahren gedient haben.