Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 36 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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J6. z«. 188«. Indisches kN-S Herausgegeben von l)r. M. Rahmer in Magdeburg. Zur Untkrhalt«r.g u. öclchrung für die israelitische Jugend. - Herrn Ober rabbiner vr. W. Landau auf das frische Grab. Von Richard Landau, Chemnitz. — Die Tochter des Wucherers. Von Henriette Katz. (Fortsetzung). — Die Messe zu Nowgorod. «Fortsetzung.) — Allerlei für den Familientisch: Eine Millionen- ^UJJUU. er&föaft. Aus dem „Chassidim-Stübel". Hep-Hsp. — Aus dem Spruchschatz des Talmud. Poetisch übertragen von Max Weinberg. — Räthsel-Aufgaben und Räthsel-Lösungea. Herrn Oberrabdiner vr. M. Landau auf das frische Grab. Em Stamm, geheiligt durch der Jahre Last- Sem Sienst des Weltenlenkers fromm geweiht, In dessen Schatten Ariede fand «nd Aast Sas Kerz, das vrach im Ansturm vittrer Zeit, Hin Stamm, aus dem an sonnenhellen Lagen Sie Areude quoll und göttliches Wehagen — So standest Sn an Seines Wirkens Grt, So standest Sn in Seinem trauten Kaus, So gingest Sn »on dieser Erde fort! Mud trostlos trugen wir Sich jetzt hinaus, Sorthin, wo Seine Lrostesworte ssossen And Walsam oft in's wunde Lerz gegossen! Hhemnitz. Flieh. Landau. Die Tochter des Wucherers. 9) ix. Schon aus den ersten Zeilen sah Röschen, das; der Brief wirklich damals geschrieben, als er so lange leidend war. Er begann also: „Mein theures Kind! Wie Lauge wird es noch dauern und ich werde für immer von Dir getrennt sein! Mit jedem Tag fühle ich mich elender und schwächer und nur allzu deutlich macht sich der herannahende Todesengel bemerkbar. Dabei sitzest Du armes, unschuldiges Ding vor mir und denkst mich gewiß mit Deinem heitern, kindlichen Geplauder zu erfreuen. Du kannst ja nicht ahnen, wie mir das Herz dabei blutet, kannst nicht wissen, wie sehr der Schmerz der Trennung von Dir, mein Kleinod, an mir nagt! Wie wird sich Deine Zukunft gestalten, Du arme, verlassene Waise? Wenn ich den lieben Gott bitte, sich Deiner liebreich anzunelimen, weil er es ja verheißen, der Beschützer der Verlassenen zu sein, dann fallen mir mit einem Reale die herben Worte ein: „Und ich werde die Schuld der Väter gedenken den Kindern bis ins dritte und vierte Glied!" — und ich zittere für Deine Zukunft. Ueberdenke ich dann aber meinen ganzer! Lebenslauf, denke an die Zelt zurück, wo auch ich jung und lebensfroh war, wo theure Eltern mir zur Seite standen und durch dieselben, sowie durch Lehrer der Sinn für das Schörie und Edle in mir angeregt und gepflegt wurde, und wie ich dann hinauszog in die weite Welt, mit dem festen Grundsatz: „Was auch kommen mag und wie mein Schicksal sich gestalten möge, meine theuren Eltern sollen mir ein gutes Vorbild bleiben; ich will mich bestreben, der vielen Freuden, die mir das Leben durch sie bis jetzt geboten, werrh zu werden!" Jede frohe Stunde, jeder vergnügte Tag hatte diese Gedanken mehr in mir gefestigt. Ja, ich habe das Alles gehalten, mein liebes Kind, bis zu einem unglückseligen Tag; ich sage Dir das nicht, um mich damit zu rühmen, aber in vorwurfsvollen Stunden ist mir dies ein großer Trost gewesen, denn nicht allein gerecht, sondern auch gnädig und liebevoll ist unser Gott. Und wenn nun vielleicht einer der Segenswünsche, die damals so reichlich fi'tr mich erfleht worden sind, an Dir sich erfüllen könnten, dann will ich mit Geduld die härtesten Strafen ertragen, die mir das Schicksal auferlegt. Du sagtest neulich zu mir: „Erzähl' mir doch einmal etwas von der seligen Mama?" Wie mir das in's Herz schnitt! Ich kann es nicht, armes Kind, es will mir nicht über die Lippen! Denn höre. Röschen, wenn Du erst älter sein wirst und es Dir zufällig einmal zu Ohren kommen wird, daß Dein Vater ein Wucherer gewesen ist — ach Gott, Du wirst es ja nur zu gewiß erfahren! — dann trägt Deine Mutter doch den größten The«! der Schuld an dem Schmerz und dem Leid, das Dir durch diesen Gedanken zugefügt wird. Ich halte es für meine Pflicht, Dir Aufschluß über Alles zu geben; denn nur Eine qiebt es, die mein Inneres und das Zusammenleben mit Deiner verstorbenen Mutter so kannte, wie ich selbst, und das ist Recha! Die ist nun auch schon alt; wer weiß, ob sie noch lebt, wenn Du reif sein wirst, über unsere Verhältnisse ein Urtheil zu fällen. Von Fremden aber wird Dir immer nur die traurige Wahrheit entgegengeschleudert werden, daß der Vater ein — Wucherer gewesen sei. Ich sehe Dich schon beim Ueberlesen dieses häßlichen Wortes erbleichen. Ach, es wird Dir viele, viele böse Tage machen. Du hast so ein weiches Herz, so cin kindliches Gemüth, kannst schon jetzt kein trübes Gesicht sehen, ohne nach der Ursache der Betrübniß zu fragen und besinnst Dich keinen Augenblick, zu helfen, wenn es Die möglich ist, und nun sollst Du von Deinem Vater denken müssen, daß er Andern Weh verursacht, daß er, um sich zu bereichern. Noth und Elend über arme Familien gebracht! Nicht wahr, Röschen. das glaubst Du nicht von Deinem Vater, und Gott sei Dank, das ist auch nicht wahr! Wäre mir auch nur ein einziges Mal ein verweintes, abgehärmtes Gesicht vor Augen getreten und hätte mein Mitleid erfleht, es würde mich auf den rechten Weg zurückgeführt haben; aber die zu mir kamen, waren leichtsinnige Offiziere und Studenten, die ihr Geld so wie so verpraßten. Als ich durch die Entdeckung, daß Deine Mutter mich nie geliebt, daß sie durch ihren Ehrgeiz nnd meine Verblendung mich um Alles gebracht, was mir je im Leben werth gewesen: die Liebe der Eltern, meinen innern Frieden und meinen ehrlichen Namen, da war ich dem Wahnsinn nahe! Nur der Gedanke an meine Kinder hat mich aufgerichtet. Du sollst mir helfen. Röschen, wieder gut machen, wo rch gefehlt habe, und ich wetß, Röschen, Du wirs: es thun! Es