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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 36 (1886) · p. Seite 141

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
36 (1886)
Date
1886-01-01
Page
Seite 141 (sequence 3)
Language
German
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- 141 — „Wohin Du bei uns gehst, findest Du Juden. Gemeinden bestehen in Katharinaburg und Uralsk. Auch sind viele Juden an der Bahn, welche von Perm nach Katharinaburg führt, angestellt." „Habt Ihr von Euren russischen Nachbarn nichts zu leiden?" „Wir spüren weder Haß noch Feindschaft. Brüderlich wohnen wir zusammen und betreiben unser Gewerbe und unser Geschäft." „Wie ich höre, fällt es Dir schwer, jüdisch zu sprechen." „Weil bei mir zu Hause und im Geschäfte nur russisch aesprochen wird. Das Hebräische hören und sprechen wir nur im Gotteshanse." „Versteht Ihr Hebräisch?" Mit dieser Frage wendet ein alter Mann sich an die bucharischen Juden, die sich an einen Tisch gesetzt hatten." „Sehr wenig; nur der Talmid Chacham**) versteht es." „Freut Ihr Euch nicht, so viele Stammesgenossen hier zu sehen?" fuhr der Mann fort. „Was haben wir mit Euch zu schaffen?" erwidert Einer von der Gesellschaft. „Ihr nchmt's gar leicht und übertretet gar viele Gesetze uut> Vorschriften, indeß wir sie sorgsam beobachten, bis aufs Pünktchen über dem i." „Ich habe doch gehört," fuhr der Mann fort, „daß auch Ihr nicht gerade schneeweiß und fleckenlos wäret, daß z. B. es auch bei Euch in Buchara Schenken giebt und .Lusthäuser und daß die Schandhäuscr nicht leer werden." Die Bucharcner füllten sich dadurch nicht im Mindesten getroffen. „Was haben Lust- und Schandhäuscr mit der Lehre und den Geboten zu schaffen?" so lautete die Entgegnung. welche der Aelteste der Gesellschaft ertheilte. „Ihr meint bessere Juden zu sein, als wir." rief ein polnischer Jude den anderen Fremden in schauderhaftestem Russisch zu, „und doch wandern selbst Eure Millionäre nie nach Jerusalem, indeß bei uns jeder Mensch sich verpflichtet fühlt, wenigstens einmal in seinem Leben die Reise dahin zu machen. Giebt uns Gott, daß ich alle Baumwolle, welche ich diesmal mit hergebracht habe, zu gutem Preise losschlage, dann ziehe auch ich sicher noch in diesem Jahre nach der heiligen Stadt." Die polnischen Juden sind kräftig und von hoher Statur. Ihr Gesicht ist kühn und zeugt eine zufriedene Miene. Darin und die buchareusischen Juden entgegengesetzt, welche dürr, mager, mit gedrückter Haltung, den litthauischen Juden ähnlich sehen. „Wir wallfahrten freilich nicht. Dagegen beschäftigen wir uns mit der heiligen Lehre und lernen die Sprache der Erzväter" — entgegncte der Perser ein an demselben Tische Sitzenden. „Auch wir lassen jetzt unsere Kinder in Bibel und hebräischer Sprache unterrichten," warf der Perser hin, während seine schwarzen Augen glühend auf dem Mädchen .hafteten, welches das Essen auftrug. „Wer lehrt denn Hebräisch, da so wenig Kenntnißreiche bei Euch sind?" „O, es giebt Mullah's *) bei uns, welche aus eurem Lande gekommen sind." „Diese verstehen doch nicht die polnische Sprache?" „Bah! In kaum einem halben Jahre lernen sie unsere Sprache und sprechen sie geläufig." „Ist auch Dein Gefährte, der Mann neben Dir, ein Hebräer?" „Er ist es zur Hälfte!" „Zur Hälfte? Das verstehe ich nicht." „Sein Vater ist ein Perser und seine Mutter eine Jüdin. Deshalb vereint er beide Religionen und beobachtet thre Satzungen. Er feiert Freitag und Sabbath, fastet den Rammadan und den Jomkippur, betet einmal in der Moschee und ein andermal in der Synagoge." „Duldet die Regierung solche Mischlinge?" „Unsere Regierung kümmert sich um solche Dinge nicht." „Versteht dieser Mann, hebräisch zu lesen?" „Nein! Doch die Gebetbücher haben eine persische Uebersetzung." „Giebt's bei Euch Viele solcher Menschen, bei welchen Keiner der beiden Theile seinen Glauben wechselt?" „Recht viele. Auch meine Tochter ist einem Perser vermählt und nicht aus dem Judenthum ausgetreten," antwortete zum größten Entsetzen seiner Zuhörer der Mann, der sich anschicktc, nach Jerusalem zu wallfahrten. 4. Type«. „Wenn Du die 4000 Pud im Ganzen nimmst, welche ich hergebracht habe, lasse ich Dir das Nußholz zu 80 Kopeken. Partieenweise aber lasse ich es nicht billiger," so sprach ein zu den kaukasischen Gebirgsstämmen gehörender Jude zu einem polnischen Kaufmann?. „Die ganze Ladung mag ich nicht. Dafür will ich Dir etwas Palmholz abnehmen." „Palmholz ist eine Sache für sich. Dafür habe ich schon einen Käufer gefunden," antwortete der Kaukasier. „Zudem sieh, der Perser erzählt mir, daß er sein Nußholz für 80 Kopeken verkauft hat. Dabei ist persisches Nußholz weniger Werth als kaukasisches, da in jenem viel Risse und Spalten Vorkommen." „In welcher Sprache unterhälst Du Dich denn mit jenen Lellten," sragte der Pole den Kaukasier, der ums Geschäft unbekümmert mit Juden aus Persien und Bachara plauderte. „Tartarisch." „Versteht Ihr denn alle diese Sprache?" „Ja." — „Und welche Sprache redet ihr zu Hause?" „Da sprechen wir die Landessprache." Solch' ein kaukasischer Jude von den Gebirgsstämmen kleidet sich ganz ebenso wie die andern Tscherkessen, so daß in Nichts ein Unterschied sichtbar wird! Der Gesichtsschnitt ähnelt dem der polmschen Juden. Doch ist das Gesicht voller, aus ihren Augen leuchten Kraft und Selbstgefühl; hoch tragen sie das Haupt, sie, der freien Berge freie Söhne! „Hat die Blutanklage von Kutais keine schlimmen Folgen für Euch gehabt?" frägt ein Tischgenosse den Gebirgssohn. „Uns hat Niemand auch nur rauh angefaßt. Unsere Nachbaren sind Mohammedaner; die kennen keinen Judenhaß. Besorgt ihr nicht, daß auch gegen euch Pöbelmassen sich zusammenrotten möchten, wie in den Städten Südrußlands? Der Bergbewohner verstand die Frage nicht. Hatte er doch bisher Nichts von den Judenhetzen und Pöbelexcessen gehört. Deshalb berichtete ihm der Fragesteller in aller Kürze, was in Südrußland geschehen war. Je mehr diese Erzählung von Unthaten, von Gräueln, von Wuth und Blut, von Plünderung und Entehrung berichtete, desto mehr röthete sich das Gesicht des Kaukasiers. Seine schwarzen Augen schossen Blitze — Zorn und Kampfeslust sprühten von seinen Wimpern; seine Hand griff nach dem Dolche, den er in seinem Gürtel trug, so daß der Erzählende erschreckt aufhörte und vom Tische zurückwich. Mit Donnerstimme aber rief der Kaukasier: „Sieh' diesen Dolch!" Ihn gab Schamyl mir zum Geschenk, als ich seinem Banner zum Kampfe gegen die Russen folgte. Gar Manchen schon hat dieser Stahl niedergestreckt, und ich schwör's bei ihm: An der Schwelle meines Hauses müßte ich in meinem Blute zusammengesunken fein, bevor Plünderer in das Heiligthum meines Wohnraumes eindringen dürften! — (Schluß folgt.) **) Der Gelehrte, der Rabbiner. *) geistliche Lehrer.

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