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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 35 (1886) · p. Seite 137

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
35 (1886)
Date
1886-01-01
Page
Seite 137 (sequence 3)
Language
German
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— 137 — nationale Idee wachgerufen, — hier war das Volksthum der Schleppenträger der Religion. Die Römer suchten die rebellische Nationalität zu vernichten. Ihnen galt die Religion (und als deren äußerliches Sinnbild, der Tempel) als Stütze und Halt des Volksthums. Hier war die Nationalität das Haupt- und Leitmotiv, die Religion nur ein klangvoller Nebenaccord. Noch einige Male flackerte der national? Gedanke in diesen Kämpfen gegen Rom hell auf. Fast könnte es scheinen, als ob die Religion immer weniger, das Volksthum immer gewichtiger hervortrete. Und doch — in Wahrheit war es umgekehrt. In diesen Kämpfen — die bis in's 6. Jahrhundert unserer Zeitrechnung hinein dauern — verzehrte sich das Volksthum und der Gedanke daran. Die Religion blieb allein übrig als Band „der Zerstreuten Israels". Die „vier Ellen des Gesetzesstudiums" wurden zum idealenVaterlande. „Der gesetzes- und religionsgelehrte Neophyt steht dem altadeligen Priester voran." Die Nationalität ist Nichts — die Religion Alles. Die Abstammungsregister gehen verloren, — nur, soweit religiöse Interessen es bedingen (wie bei den Leviten und Aaroniden) bleibt die Familienzugehörigkeit in Erinnerung. Fürstenthum, Adel verschwinden. Ein Gelehrtenadel entsteht! Sicherlich wäre jedes Auferstehen des nationalen Gedankens unmöglich geworden, wenn nicht die mittelalterliche Kirche Religion und Volksthum als ein dem Judenthum Feindliches zusammengefaßt Hütte. Organisation gegen Organisation; das Ausstößen erzwang das Wiederaufleben des nationalen Höffens! Wo der Haß schwieg, wo nur Religion neben Religion stand und eine — wenn auch beschränkte Theilnahme am Volksleben ermöglicht wir — da verloren die Juden überraschend viel von ihrem eigenthümlichen nationalen Wesen und wurden ihren Landesgenossen ähnlich, ja gleich bis zu den geringen, von der Religionsübung bewirkten Unterschieden. Daß die „sepyardischen" und „aschkenasischen" Juden fast durch eine Kluft von einander getrennt sind, ist nicht religiös, sondern national! Aber nicht jüdisch-national, sondern „spanisch-portugiesisch" - national, im Gegensätze zu „deutsch-polnisch"-national! Es ist der Gegensatz der „Romanen" zu den „Germanen" und „Slaven" — der uns hier im Judenthume entgegentritt, der unberechtigt bis in die Synagoge hinein nachwirkt! Daß die Sephardim in der Türkei und auch noch in Holland die „Lingua franca“ einen spanischen Dialekt, daß die polnischen Juden den Mauschel-Dialekt, d. h. ein wundersames Gemisch süddeutscher Idiome sprechen, ist ein fernerer Beleg dafür, wie die Nationalität der Juden spanisch und deutsch geworden ist, weil sie sich in diesen Ländern während des Mittelalters relativ am meisten heimisch gefühlt haben. Freilich in Holland, England, Italien, in Asien und Afrika verschwindet in der Nmzeit dieses spanische Nationalitütsgefühl, in Polen und den andern slavischen Ländern, in Skandinavien und Ungarn, legen die Juden das mittelalterlich deutsche Volksthum endlich ab, doch nicht, um dafür den Nationaljuden, sondern die Nationalität ihres Heimathlandes einzulauschen. Es ist ein unanfechtbares Axiom: Ueberall, wo die Landesgesetze es gestatten, giebt es nicht mehr Juden im Lande, sondern Einheimische jüdischen Bekenntnisses! Freilich, wo die Juden aus der Volksgemeinschaft sich verbannt sehen, da^wird künstlich ein jüdisch - nationales Bewußtsein wachgerufen — der Mensch muß eben ein Vaterland haben. Hat er's nicht auf Erden, so schnitzt er's sich in Wolkenkuckuksheim! So hat die Judenhetze, die in Rußland durch den niedern, in Rumänien durch den vornehmen Pöbel als modernster Sport betrieben wird, ein solch krankhaft sentimentales, jüdisches Nationalgefühl in diesen beiden Ländern emporwuchern lassen, welches als einzig gesunden Kern, als einzig erfreuliche Frucht das Streben zeigt, möglichst viel Juden als Ackerbauer anzusiedeln. Daß aber selbst dort in Halbwie in Ganz - Asien der jüdisch nationale Gedanke ein Hirngespinnst ist, daß selbst dort, wo er noch am ehesten zur Existenz berechtigt wäre, er nur im Hirn von Schriftstellern und Phantasten spukt, wird durch eine Schilderung erwiesen, welche uns Typen von der Messe in Nißnei Nowgorod vorführt. Der Zeichner derselben*) ist ersichtlich von dem Bestreben geleitet, die Volkszusammengehörigkeit der auf dem Weltmärkte dort sich zusammenfindenden Juden darzuthun. Daß er das Gegentheil nachgezeigt hat, daß aus seiner prachtvollen Charakteristik hervorgeht, wie selbst der religiöse Zusammenhang locker und brüchig ist, weil das Nationalgefühl der Juden nicht mit den Glaubens-, sondern mit den Volksgenossen verbindet und dadurch das religiöse Band als in zweiter Linie stehend, als ein untergeordnetes erscheint — das wird der geneigte Leser sicherlich mit uns leicht erkennen. 2. Auf der Wesse. Zehn Monate im Jahre schläft die am Ufer des Oka sich hmziehende Stadt. Nur während der zwei Meßmonate erwacht sie zum Leben und empfängt mit brausendem Lärme die Ankommenden. Ein Sprachengewirr schallt uns entgegen, da wir die breiten, geraden, reichbelebten Straßen zu durchziehen uns anschicken. Geschäft neben Geschäft, Hotels, Theater, Concertsäle, Gürten und Lustorte — das zeigt sich im ermüdendstem Einerlei und doch mit buntester Abwechslung dem Auge. Aus den wogenden Massen tönet als vorherrschend die russische Sprache hervor. In zweiter Reihe steht das Tartarische, die Sprache des Volkes, das in früheren Zeiten Herr der Wolga gewesen ist, vor dem Europa gezittert hat. Jetzt ist es tief gesunken. Die meisten Tartaren, welche nach Nißnei Nowgorod kommen, sind Bediente, Arbeiter , Lastträger. Dieses Volk ist ein lautredender Beweis dafür, daß Kriegsruhm und äußere Machtentfaltung ein Volksthum nicht erhalten und nicht stützen, wenn ihm ein lebhaftes Nationalgefühl fehlt. Kaum waren die Herrscher von Kasan und Astrachan entthront und ihr Land an Rußland gefallen, als auch ihre Nation sich aufzulösen anfing. Am schnellsten wurde ihr Adel der nationalen Fahne untreu, er trat zur griechisch-katholischen Religion über und russifizirte sich nach und nach vollständig. Ihm ahmte der größte Theil des Volkes nach, so daß nicht ein Volk mehr, sondern nur noch Volkstrümmer von den Tartaren übrig sind. Unter den tartarischen Familien, welche sich den Russen amalgamirt haben, waren auch die Reste der Chazaren.**) Außer diesen beiden Sprachen schlagen die Idiome Griechenlands, Armeniens, Persiens, Buchara's, China's, sowie alle die verschiedenen Dialekte des Kaukasus an unser Ohr. Und auch du, Sprache Judas — auch du erhebst deine Stimme an den Ecken der Straßen, deine Laute ertönen auf allen Platzen und aus vielen Häusern her. Auf! dir will ich Nacheilen, laß mich deine Töne hören! Sie klingen mir so lieblich auf fremdem Boden! Die hebräischen Laute leiteten mich in ein israelitisches Kosthaus! „Schalom Alechem" (Frieden mit Euch). „Alechem Schalom" (Mit Euch Frieden), so erschallt die Bewillkommnung. welcher sich an einem Tische folgendes Gespräch anschließt: „Woher bist Du, mein Bruder?" — „Von der Küste der Krimm." — „Und Du, woher?" — „Aus Westrußland." — „Was ist Dein Artikel?" — „Südfrüchte." — „Und der Deine?" — „Felle." — „Womit handelst Du, Brüderchen?" Mit diesen Worten wendeten die Beiden sich, wie auf Verabredung, ohne jede Vorrede an einen andern Gast, der sich ihnen gegenüber gesetzt hatte. — „Mit Filz." — „Welchen Preis hat er?" — „Geringen, es giebt wenig Käufer." — „Und Felle?" — „Besser, als im vorigen Jahre." „Laß einen Rubel nach von Deiner Forderung für die Seide und ich nehme Alles, was Du hast," — so läßt ein Handlungsreisender aus Manchester einem Bucharensischen Juden durch den russischen Dolmetsch sagen. — „Das kann ich nicht, der Reisende aus Lyon hat einen halben Rubel *) Herr Abraham Salomon Stein im Feuilleton des „Hameliz" Nr. 66, Jahrgang 1883. (Der Uebersetzer.) **) Daß die „Sabbater", die Sekte der den Sabbath feiernden Christen von ihnen herstammt, ist gänzlich unerwiesen.

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