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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 35 (1886) · p. Seite 136

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
35 (1886)
Date
1886-01-01
Page
Seite 136 (sequence 2)
Language
German
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- 136 — Die schönsten Stunden waren es ihr, wenn sie sich Abends zur Ruhe legten; dann plauderten sie meist noch stundenlang zusaminen. Wie sehr hatte sie Frau Heinemann dagegen fühlen lassen, daß sie nur die bezahlte Dienerin des Hauses sei. Wie schön mußte es doch sein, wenn erst Röschen als kleines Hausmütterchen schaltete und waltete, denn wo sie weilte, war Liebe und Frieden! IX. So ganz ungetrübt sollte jedoch Röschens Brautzeit nicht vorüber ziehen, noch einmal hatte sie schwere Herzenskämpfe zu bestehen. Als sie eines Morgens ihres Vaters Schreibtisch ausräumte, fiel ihr plötzlich beim Durchsuchen eines Schubfaches ein großes Briefcouvert mit der Aufschrift: „An meine Tochter!" auf. Was hatte das zu bedeuten? Gewiß hatte der Vater damals, als er jahrelang leidend und sie noch ein kleines, unerfahrenes Mädchen war. Allerlei niedergeschrieben, was er ihr gerne gesagt hätte. Das Couvert war ja nicht einmal versiegelt, deshalb war es gewiß kein Unrecht, wenn sie ihre Neugierde befriedigte und nachsah, was es enthielt. Es war ein sehr umfangreiches Manuskript, das ihr beim Oesfnen entgegenfiel. Es war, um was sie den Vater so oft gebeten und was immer wieder hinausgeschoben worden war: „Seine Lebensgeschichte!" Wenn es ihr nun auch an Zeit fehlte, dasselbe sogleich durchzulesen, so beschloß sie, doch noch denselben Abend dazu zu benutzen. Erst wollte sie aber Recha fragen, ob sie den Vater nochmals darum bitten sollte, ihr persönlich einmal alle seine Erlebnisse zu erzählen, oder ob sie nicht auch glaube, daß sie ihm vielleicht einen Dienst damit erweise, wenn sie sich durch das an sie gerichtete Schreiben Aufschluß über dasjenige verschaffte, was sie gerne schon längst gewußt hätte. Warum der Vater so ungern und wenig von der seligen Mutter sprach? Seit sie älter und besonnener geworden, und viel drüben bei Cahn's verkehrt hatte, war ihr dies immer mehr aufgefallen. Sie kam schließlich zu der Vermuthung, daß des Vaters Ehe keine glückliche gewesen, was ihr bei seinem Charakter ganz unerklärlich schien. Es war gut, daß Rüben an diesem Tage nicht zu Hause war, er würde sicher Röschens Aufregung bemerkt haben. Der Vater schrieb dies der vielen Arbeit und Zerstreuung zu und hatte selbst jetzt so viel zu denken und zu schaffen. Die alte Recha aber erschrak nicht wenig, als sie Abends nicht wie gewöhnlich ihre seit letzter Zeit wieder so lustige Rosel, sondern ein ernstes, fragendes Mädchen vor sich sah. Nach langem Sinnen rieth sie Röschen, das Schreiben durchzulesen; sie hatte ja jetzt ein Herz, das ihr alles Ungemach ertragen half. (Fortsetzung folgt.) Die Messe in Nowgorod. 1. Die goldene Anlernalionale. „Die goldene Internationale!" — so hieß der Titel einer Schrift, welche einem Berliner Stadtgerichtsrathe Stöcker'sche Unsterblichkeit verliehen hat. Neben der rothen und schwarzen die „goldene" Internationale! Daß damit die alten deutschen Farben, die Farben der Freiheitskriege, herabgewürdigt werden zu Symbolen alles dessen, was deutschem Volke und deutschem Wesen haßerfüllt gegenüber stehen soll, daran haben die conservativen und die liberalen Schimpfwortfabrikanten sicherlich nicht bedacht. Einer Trikolore des Haffes scheint das Philisterium eben jederzeit zu bedürfen. Die Namen, die Bezeichnungen wechseln allein. In den Zeiten der Versumpfung, in der Mitte unseres Jahrhunderts, hieß es: „Pole, Jude und Franzose". Jetzt sind die „drei Internationale" die Reichsfeinde. Wie steht es nun mit der Jnternationalität der goldenen Internationalen? Ist der Zusammenhang der Juden wirklich ein solcher, daß er es ihnen unmöglich macht, oder wenigstens es ihnen erschwert, sich voll als Deutsche, Engländer, Franzosen. Russen rc. zu fühlen? Ist der Jude ein Angehöriger des in der Idee fortdauernden jüdischen Reiches und jüdischen Volkes, das allein durch des Schicksals Ungunst gezwungen ist, in dem oder jenem Lande seinem Gewerbe oder seiner Hantierung obzuliegen? Giebt es nur Juden, die nach ihrem Aufenthaltsorte sich gliedern in Juden in Deutschland oder Juden in der Türkei — oder giebt es jüdische Deutsche, jüdische Russen, jüdische Italiener u. s. f.? Religion oder Nationalität? Das ist die so oft antwortlos ventilirte Frage? Freilich ursprünglich war Beides identisch, ließ das Eine sich vom Andern nicht loslösen. Wer zum Volke der Juden gehörte, bekannte sich zur jüdischen Religion. Wer ein gläubiger Jude war, wurde ein Sproß des Volkes Israel! Doch auch die Stunde, in welcher die Scheidung von Religion und Nationalität sich zu vollziehen begann, liegt in grauer Vorzeit. Fast aufs Jahr läßt sich dieser weltgeschichtliche Moment bestimmen. Im Jahre 593 v. Chr. erließ der Prophet Jeremias ein Sendschreiben an die vornehmen Judäer, welche Nabuchodonosoros nach Babel exilirt hatte. In diesem Hirtenbriefe finden sich die denkwürdigen Worte (Cap. 29, 5—7): „Bauet Häuser und wohnet darin, pflanzet Gärten und verzehret ihre Frucht. Nehmet Frauen und zeuget Söhne und Töchter, nehmet euren Söhnen Frauen und gebet eure Töchter Männern rc. Suchet das Heil der Stadt, in welche ich euch geführt und flehet für sie zum Ewigen: denn in ihrem Heile wird euch Heil sein!" Nicht Jammer und Klage: wie soll ich Gott dienen auf dem Boden der Feinde, sondern Verwachsen mit der neuen Heimath und trotzdem nicht Abfallen zu den Landesgottheiten, 'sondern treues Festhalten an dem Ewig-Einen — stellt der Prophet als die Forderung der Religion hin. Es muthet uns seltsam an. Der gräuliche Satz: cujus regio, ejus religio, zu deutsch etwa: „Wessen das Gebiet, Der hat zu befehlen Auch den Seelen! Wer andern Weg Zum Himmel sich wählt, Der wird auf Erden Ohn' Erbarmen gequäll —" — diese teuflische Ausgeburt mittelalterlicher Sophistik ist nur ein später Nachkomme des altheidnffchen Territorialsystems der Gottheiten. Soweit eines Volkes Gebiet, eines Stammes Grenzen reichen, soweit reicht seiner Götter Macht und Herrschaft! Wer diesen nicht dienen, ihnen sich nicht beugen will, muß das Land räumen. Der jüdische Lehrsatz, daß Gott ist „der Herr der ganzen Erde" — hatte Palästina nicht zum „Lande des Ewigen", sondern nur zum „Lande Israels" werden lassen, doch jener alte heidnische Gedanke war mächtig genug gewesen, dem reinen Palästina gegenüber die anderen Länder als unreine erscheinen zu lassen. Damit räumte nun Jeremias gründlich auf. Man kann ganz und voll dem Ewigen dienen, auch wenn man in Babylonien wohnt; man kann ganz ein Babylonier werden und dabei ein treuer Diener des Ewigen bleiben! Nicht ein Volk mehr, sondern fortan allein eine Religionsgemeinschaft entwickelte sich das „neue Israel", das „Judenthum" im babylonischen Exil! Freilich — so schnell werden solch' gewaltige Umwandlungen nicht aus der Theorie in die Praxis übersetzt. Die geschichtliche Entwickelung beschreibt eine Schlangenlinie. Im anscheinenden Rückschritte vollzieht sich das langsame Vorschreiten, aber die zeitweise Annäherung an das Gewesene und Veraltete bleibt unverkennbar. Besonders als die nationalen Kämpfe gegen Syrer und Römer die Gemüther erregten, schienen Religion und Nationalität wieder eine unlösliche Verbindung einzugehen. Doch auch in diesen Rückschritten tritt die fortschreitende Entwickelung hervor — die scheinbare festere Verquickung von Volksthum und Glauben verdeckt nur die gründlicher sich vollziehende innere Scheidung. Gegen die die Religion bekämpfenden Syrer würde die

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