Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 35 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/6492351-9579404-9574344--0686-9574345- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
M 35. 188«. L^NilikL-Kls// Hcrausgegeben von Dr. M. Rahmer in Magdeburg. - Die Tockter des Wucherers. Von Henriette Katz. (Fortsetzung). — Die Messe zu Nowgorod. — Allerlei für den Familientisch: \HllCtli Graudenz. Lasters Bild betreffend. — Kleine jüdische Charakterzüge. Die sonderbare Brille. — Trost. Von Cohen, Rees a. Rh. ' * — Aus dem Spruchschatz des Talmud. Poetisch übertragen von Max Weinberg. — Räthsel-Aufgaben und Räthsel-Lösungen. Die Tochter -es Wucherers. Von Henriette Katz. VIIL Noch nie wohl hatte eine Verlobungsanzeige so viel Aufregung und Verwunderung hervorgerufen, wie diejenige von Rüben und Röschen! Die meisten Leute fanden es unbegreiflich und lächerlich. Sie konnten und wollten es nicht glauben, wenn sie es nicht gar zu deutlich schwarz auf weiß vor sich gesehen hätten. Röschen Heinemann, die Tochter des Rentiers Heinemann, sie so schön, so liebenswürdig und so gebildet, und — ein Schuhmacher! Die Meisten bedauerten den alten Mann, der doch ge» wiß nur mit großem Widerwillen in eine solche Heirath gewilligt haben mußte, denn daß sich Röschen in Rüben verliebt, war ja bald in der ganzen Stadt bekannt. Sie waren Alle begierig, den alten Mann einmal zu sehen, den dieser harte Schlag gewiß niedergebeugt und für sein Leben unglücklich gemacht hatte. Die Neugierde wurde bald gestillt; denn zum großen Staunen Aller erging einige Tage darauf an alle Bekannte Röschens die Einladung zu einer nachträglichen Verlobungsfeier. Das war doch wirklich sehr rücksichtslos von Röschen gegen ihren Vater. Sie hatten aus Mitleid für ihn beschlossen, ihm schriftlich zu gratuliren, um ihn nicht so arg auf die Folter zu spannen, den Leuten gegenüber auch noch gute Miene zum bösen Spiel machen zu müssen; und nun waren sie doch gezwungen, Röschens halber, die immer gegen Jedermann liebenswürdig gewesen, hinzugehen. Was sie aber im Heinemann'schen Hause sahen, setze sie fast ebenso sehr in Erstaunen, wie die unerklärliche Verlobungsanzeige. Es waren lauter glückliche Gesichter, von denen sie empfangen -wurden. So arg konnte sich Niemand verstellen. So wohlgemuth und glücklich hatte ja noch Niemand den alten Mann gesehen. Und außer Rüben und Röschen war noch ein anderes Brautpaar anwesend: Leo und Sara! Man wußte nicht, über was man sich am meisten wundern sollte, über die Gewandtheit und Bildung Rubens, oder das fröhliche Aussehen des alten Herrn. Ein Gedanke aber drängte sich Allen auf: daß der kranke, alte Schuhmacher doch viel, viel Freude an seinen Kindern erlebte. Denn auch Sara's Bräutigam gefiel Allen so ungemein, daß man sich im Stillen fragte, wie ein solcher Mensch nur dazu gekommen sei, ein so einfaches und womöglich ganz unvermögendes Mädchen zu heirathen; er würde wohl von keiner der anwesenden Damen einen Korb bekommen haben. So kam es, daß an diesem Abend wohl nur die Gastgeber wahrhaft vergnügt waren; die Gäste zeigten zwar meist heitere Mienen, aber Keiner war ganz bei der Sache. Ein Jeder und eine Jede hing im Stillen den eigenen Gedanken nach, die denn auf dem Nachhauseweg ausgetauscht wurden. Eines aber war einstimmig ausgesprochen, daß man selten zwei so schäne Paare gesehen habe. Als die Sorgen um den alten Herrn Heinemann als überflüssig betrachtet werden durften, gab's für die Leute in dieser Angelegenheit wieder neue Bedenken. Man war nicht im Klaren darüber, wie sich die Dinge jetzt gestalten würden. Der Bräutigam Röschens mußte doch nun auf alle Fälle seinem Beruf entsagen und man munkelte allgemein, Herr Heinemann wollte ihn in der Musik weiter ausbilden lassen, weil er sehr viel Talent habe. Aber auch das kam anders, als man erwartet. „Denkt Euch nur, er bleibt Schuster!" so riefen sich, verächtlich die Achseln zuckend, Röschens Freundinnen zu. „Ich weiß es ganz bestimmt, Mimn; der Baumeister hat heute meinem Vater erzählt, daß Herr Heinemann das Haus, in welchem er bis jetzt zur Miethe gewöhnt, für seinen Schwiegersohn gekauft habe und einen großen Laden mit einer noch größeren Werkstätte darin errichten lasse. Was wird man da noch Alles erfahren! Es ist ja wirklich Alles so außergewöhnlich bei dieser Heirath, daß man auf Gott weiß was für Dinge gefaßt sein kann. Es heißt ja auch, daß Sara's Bräutigam die hiesige Lehrerstelle bekommen wird. Der alte Herr Cahn soll natürlich ganz seelig darüber sein, daß er sein Leben nun doch da beschließen kann, wo es begonnen und daß seinen Kindern so unendlich viel Glück bescheert ist. Röschen soll er förmlich vergöttern." So redete man hin und her, während die vier jungen Leute das Glück eines schönen Brautstandes genossen, wie es wohl wenigen zu Theil wird, und die Väter gemeinschaftlich darüber nachdachten, wie die von ihnen gefaßten Pläne am besten auszuführen seien. Auch sie harmonirten in seltener Weise zusammen. Beide vergaßen bei dem Gedanken an das Wohl ihrer Kinder keinen Augenblick daran zu denken, daß die Glücklichen auf dieser Welt die Verpflichtung haben, wieder zu beglücken und zu erfreuen, und es war für sie ein gar schönes Bewußtsein, daß auf ihre Kinder der schöne Vers: Wer in seinem Busen Menschenwürde, Allgemeine Menschenliebe trägt, Unterlieget nie der schweren Bürde, Die den Schwächling tief zu Boden schlägt! anwendbar war. Nein, ihre Kinder waren keine Egoisten. Es schlug ihnen ein warmes, thcilnehmendes Herz für jedes Weh der Menschen und sie hatten den steten Willen, nach ihren Kräften zu helfen, wo Hülfe noth that. Auch die alte Recha lebte jetzt ganz in ihrem Element. Es verging fast keine Stunde, in der sie nicht von Röschen um Rath gefragt wurde; sie mußte förmlich Mutterstelle vertreten bei der jungen Braut. Wenn Röschen Einkäufe zur Aussteuer machte, bei jeder Handarbeit, beim Auswählen der Geschenke, kurz bei Allem, was Röschen unternahm, wurde mit Recha Rach gepflogen, und das machte ihr die größte Freude. Immer wieder stellte sie Vergleiche an zwischen Röschen und ihrer verstorbenen Mutter. Es trat jetzt wieder so recht zum Vorschein, wie grundverschieden diese Frauen waren. Ueberall trat Röschens reines, unverfälschtes Herz zu Tage.