Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 34 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 133 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 135 — „Was würde mir das helfen, aber Du wirst nicht aus -em Hause gehen ohne meine Erlaubniß, und Du wirst mir jeden Kreuzer geben, den Du verdient hast." „Wie Du willst, Slobe." Ein einziges Mal fand bei dem rothen Pfeffermann «in Rückfall statt, aber es genügte, daß Slobe an das Fenster der Schenkstube klopfte und „Abram!" rief; sofort ging er heraus und nachdem er einige Schritte mit ihr gethan, sagte er: „Jetzt schlage mich, Slobe." „Dafür, daß Du mir gefolgt hast?" rief sie und begann laut zu lachen, „nein, Abram, dafür verdienst Du einen Kuß." Und sie nähm ihn um den Hals und küßte ihn. Am nächsten Tage kam Zadek und begann über ihn zu spotten, aber Slobe trat, die Arme in die Hüften eingestemmt, vor ihn hin und spuckte aus. „Daß Sie mir nicht mehr über meine Schwelle kommen," rief sie aufgebracht, „und nicht mehr mit meinem Manne sprechen auf der Straße, sonst —" Sie erhob den Arm so ausdrucksvoll, daß Zadek sie verstand und ging. Es währte nicht lange, so konnte Slobe täglich Fleisch kochen und eines Tages stellte sie Abram auch ein Glas Wein dazu auf den Tisch. Er lächelte und sagte nichts. Und wieder war es Herbst geworden, der rothe Pfeffcrmann war mit seinen rothen, grünen, blauen und gelben Bauernstiefeln auf den Jahrmarkt gefahren, hatte sie alle gut verkauft und eilte sich, vor dem Anbruch des Schabbes nach Hause zu kommen. Als er in die Straße kam, in der er so lange Zeit gewohnt, zeigte sich eben der Abendstern am Himmel, und wie er in sein Gewölbchen treten wollte, stand eine fremde Frau da, und auf seine verwunderte Frage antwortete sie: „Der rothe Pfeffermann wohnt nicht mehr hier, sondern auf dem Platz." Er eilte auf Den Platz und überall erglänzten schon die Fenster im Lichterglanz, als ob die Stadt zu Ehren eines Fürsten illuminirt wäre, und es war auch ein Fürst in ihr eingezogen, der liebe Schabbes. Plötzlich sah er eine große Tafel, auf der sein Name über einem herrlichen goldenen Stiefel stand, und aus den Fenstern des Gewölbes, über dem sie hing, grüßten freundlich sieben brennende Kerzen. Er trat ein, da hingen auch schon die Kinder mit lautem Jubel an ihm und sie führten ihn durch das große, hübsche Gewölbe in ein weites, schönes Zimmer mit neuen, prächtigen Möbeln und weißen Vorhängen an den Fenstern, und mitten in dem Zimmer war der Tisch gedeckt, über dem die Sabbathlampe brannte. Zugleich sprang tue Thüre der anstoßenden Küche auf und Slobe erschien in derselben in behaglicher Pelzjacke und funkelnder Stirnbinde. Die Perlen und Steine an der Stirnbinde waren falsch, aber das Herz, das unter dem weichen Pelzwerk schlug, war warm und echt, und als sie die Schüssel mit dem dampfenden Fisch auf den Tisch setzte und ihre weißen Arme aus den weiten Aermeln hervorkamen, sah Abram erst, wie voll und hübsch sie wieder geworden war. Noch nie hatte er das Gebet, mit dem der Sabbath begrüßt wird, so andächtig gesprochen, wie an diesem Abend, und als er den Barches anschnitt, fielen ihm zwei große Thränen auf denselben. Es waren die letzten, die er weinte. Der Dalles war von ihm gewichen und kehrte niemals wieder. Die Tochter des Wucherers. Von Henriette Katz. VII. Als Herr Heinemann nach geraumer Zeit seinen Liebling aufsuchte, fand er ihn ungemein heiter und da er diese günstige Wendung Sara's Besuch zuschrieb, bat er dieselbe, doch ja, wenn es ihr möglich wäre, täglich ein Stündchen , Herüber zu kommen , er würde sich dagegen das Vergnügen machen, diese Zeit bei ihrem Vater zuzubringen, er bedaure es überhaupt sehr, daß er es nicht schon früher gethan. So kam es denn auch zu beider Mädchen größter Freude. Aber auch noch einen dritten Menschen gab es, der über die Veränderung, welche seit Röschens Kranheit eingetreten, sehr glücklich war und das war — Rüben. Nicht immer wurde er, wie das erste Mal, als Herr Heinemann seinen Vater besuchte, verabschiedet; nein, dieser suchte sogar seine Besuchsstunden so einzurichten, daß auch er zugegen sein konnte, ja, befaßte sich überhaupt auffallend viel mll ihm. Am glücklichsten aber war die alte, gute Recha; denn sie rückte ja ihrem Zieltage täglich näher. Als gestern Herr Heinemann von einem Besuche bei Cahn's zurückgekommen, hatte er sie plötzlich gefragt, ob sie vielleicht wisse, daß der junge Herr Cahn „Rüben" heiße? Als sie die Frage bejaht, hatte er sie ernst angesehen und weiter in sie geforscht, ob sie damals, als Röschen während ihrer Krankheit so häufig diesen Namen ausgerufen, nicht an Rüben Cahn gedacht habe und weshalb sie es ihm denn verschwiegen? Da war denn der geeignete Moment gekommen und sic hatte ihm auch Alles eingestanden. Nicht eine Silbe antwortete er ihr darauf, aber es war für sie ein untrügliches Zeichen, daß sich die Sache zum Guten wenden würde, als sich am Abende statt eines zwei Gäste einstellten. Zum ersten Male kam Sara in Begleitung Rubens. Röschen hatte Rüben seit ihrer Krankheit noch nicht wieder gesehen, trotzdem sie schon verschiedene Mal mit Sara einen kleinen Spaziergang gemacht und sich gar zu gerne dem alten Mann wieder einmal als die alte Rosel vorgestellt hätte; es bangte ihr ordentlich vor diesem Wiedersehen! Als ihr der Vater gegen Abend den Besuch gemeldet, war sie ganz erschrocken; sie hätte ihn am liebsten nicht angenommen; sie wußte dies jedoch weder vor dem Vater noch vor Sara zu rechtfertigen und so sehr sie sich nun auch bemühte, demselben ruhig und unbefangen entgegenzukommen, wollte es ihr doch nicht ganz gelingen. So schön wie an diesem Abend war 'ihr Rüben noch nie vorgekommen. Die Freude und das Glück leuchteten ihm aus den Augen. Und wie liebevoll und aufmerksam war der Vater gegen den jungen Mann; er nahm ihn fast den ganzen Abend für sich in Anspruch. Sie wurde schließlich so aufgeregt und zerstreut, daß es Sara bemerkte und weil sie befürchtete, daß sich Röschen zu lange munter gehalten, den Bruder wiederholt zum Aufbruch mahnte. Als die Beiden sich entfernt, sagte Herr Heinemann neckend zu Röschen: „Warum hast Du mir den immer nur von Herrn Cahn sen. und Sara, und nur so selten etwas vom jungen Herrn erzählt? Hältst Du den nicht der Beachtung werth? Mir ist er gleich beim ersten Blick als etwas ganz Besonderes aufgefallen und Du hast davon noch gar nichts entdeckt, Rosel? Nun, Du wirst doch hoffentlich nichts dagegen haben, wenn Herr Rüben Cahn alle Abend ein Stündchen zu uns kommt, falls es Dich langweilt, kannst Du so lange ein bischen hinüber zu dem alten Freund gehen, den hast Du ja doch am liebsten!" Das junge Mädchen erröthete über und über. Sollte der Vater ahnen, was in ihr vorging? Oder hatte Recha vielleicht geplaudert? Aber wie war ihr denn? Der Vater hatte ja selbst Rüben gebeten, ihn zu besuchen. Konnte es denn wahr sein? Sollte ihr das Glück doch noch werden, auf das sie gerade des Vaters wegen hatte verzichten wollen? Und nun stand der Vater vor ihr, so froh und heiter, wie sie ihn lange nicht gesehen, und daß dergleichen Neckereien bei ihm stets ihren Grund hatten, das wußte sie doch auch. Sie konnte sich kaum fassen vor Freude und Glück und sank nun ihrem Vater mit dem Ausruf: „Nicht wahr, Du weißt ja Alles," in die Arme. Aber auch der Vater weinte Freudenthränen und sagte zärtlich: „Warum hast Du mir das verschwiegen, Röschen?