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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 34 (1886) · p. Seite 132

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
34 (1886)
Date
1886-01-01
Page
Seite 132 (sequence 2)
Language
German
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f - 132 Slobe wischte sich die Augen ab und ging hinaus, mit den Nachbarn zu sprechen, die sich bitter über den nächtlichen Lärm beklagten. „Ich würde ihn lieber erschlagen", hörten die Kinder Frau Diamant, die Krämerin, sagen, „als dies länger dulden". „Wie soll ihn die Mame erschlagen", versetzte der kleine Jakob, „ist er doch ein Geist. Die Luft kann man schlagen, wie man will, sie fühlt es nicht, und der Dalles ist auch wie die Luft". Als es Nacht wurde, brachte Slobe ihre Kinder zu Bett. Sie lagen auf bloßem Stroh, aber sie hatten noch ein mit Heu gefülltes Polster und alle zusammen eine alte, bei zwanzigmal geflickte Decke und schliefen unter derselben ruhig wie die Engel im Himmel. Sie hatten sich gelobt, wach zu bleiben, aber die Augen fielen ihnen zu und sie wurden erst wieder munter, als draußen vor der Thür ein wüstes Toben und ein schreckliches Gebrüll, das Gebrüll eines wilden Thieres, erscholl. Slobe war aufgestanden, die Kinder sahen sie Licht machen und sie sahen auch, wie sie sich den Knieriemen zurechtlegte. Sie wollte sich offenbar gegen den Dalles vertheidigen. „Ich will herausspringen und ihn bei den Beinen fassen", flüsterte Jakoble, „er darf die Mame nicht mehr schlagen, ich leid' es nicht". Eben ging die Thüre auf und ein Mann schwankte herein, den die Kinder nicht kannten, sein langer grauer Kaftan hing in Fetzen von ihm herab und war bis oben mit Koth bespritzt, den einen Pantoffel hatte er verloren, der Hut, von dem die Krampe zur Hälfte abgetrennt war, und in das wilde rothe Gesicht herabhing, saß im Nacken, in der Hand hielt er den dürren Wirthshausbusch und focht mit demselben wie mit einem Säbel wüthend herum. „Das ist er, das ist der Dalles", sagte Sara und drückte ihr schwarzes Köpfchen ängstlich an Jakoble's Schulter. „Du bist — bist auf", brüllte er laut — „hast mich erwartet in Liebe und — und Treue — Du — Du goldene Slobe — weine nur nicht — sonst —", er schwang den dürren Busch um fein Haupt. „Komm' mir nicht nahe", sagte Slobe, die sich mit dem Rücken an die Wand lehnte, „ich lasse mich nicht schlagen, so wahr es einen Gott im Himmel giebt". „Du willst mir — mir. Deinem Herrn — drohen — Slobe! Slobe! — es ist weit gekommen mit Dir — Du schlechtes Weib! — Pfui!" Er spuckte dreimal aus. „Geh' zu Bett!" „Ha! ha! ha! ich bin durstig, ich will trinken, wo hast Du den Branntwein? verbirg ihn nicht — Gott — Gott sieht das Verborgene". „Ich habe keinen Branntwein". „Wirst Du gleich!" Er erhob den Busch und schwankte auf sie zu. In diesem Augenblick geschah etwas, worauf Niemand gefaßt war, nicht einmal Slobe, ja diese am wenigsten. Die Kinder sprangen aus dem Bette zwischen ihn und ihre Mutter und fielen vor ihm auf die Kniee und begannen erbärmlich zu weinen. „Dalles! Dalles!" schrie der kleine Jakob, „nimm uns Alles, nur schlag' die Mame nicht." „Laß uns die Mame, lieber guter Dalles," flehte Sara, die Händchen erhoben. „Sie ist ja so brav, gerade so brav wie der Tate, dee unser Brod verdient." „Schlag' uns den Tate nicht, wir sind ja so arm." „Wenn er nicht arbeiten kann, haben wir nichts zu essen." „Süsser Dalles, schlag' die Mame nicht." Der wilde Mann, den die Kinder nicht kannten, starrte sie lange an mit kalten, verglasten Augen, dann entsank .zuerst der dürre Wirthshausbusch seiner Hand, und er fuhr sich über die Stirn, als wollte er sich auf etwas besinnen, das er längst vergessen, und wühlte in seinem wirren, rothen Haar, daß ihm der schäbige Filz vom Kopfe fiel, und begann am ganzen Leibe zu beben und sank endlich auf den niedern Stuhl hin, auf dem er zu arbeiten pflegte. „Der Dalles!" wiederholte er leise mit gebrochener Stimme, „der Dalles!" Da schrieen die Kinder alle zugleich: „Der Tate!" und verstummten dann und sahen ihn entsetzt an. Es war ihr Vater, der rothe Pfeffermann, er legte jetzt den Arm über das Gesicht, das mit einem Male schrecklich bleich geworden war, und begann bitterlich zu weinen. Lange Zeit war es stille in dem kleinen, ärmlichen Raum, die Kin-- der lagen noch immer auf den Knien und Slobe lehnte wie versteinert an der Wand. Man hörte nur von Zeit zu Zeit den rothen Pfeffermann laut aufstöhnen: „Der Dalles!" Ja, es war der Dalles, er war es für sein Weib und seine Kinder, und er war es nicht minder für sich. ' Hatte er sie nicht Alle an den Bettelstab gebracht? Kein Schadchen hatte ihn mit prunkenden Worten überredet, er selbst, sein Herz, hat die schlanke Slobe mit den freundlichen, dunklen Augen erwählt. Sie war nicht reich gewesen, aber sie hatte ihm doch ein paar hundert Gulden und allerhand Gerüthe und ihre fleißigen Hände dazu in das Haus gebracht, und sie lebten so vergnügt in ihrem hübschen Laden und ihrem reinlichen, freundlichen Zimmer mit den weißen Vorhängen und den Blumen auf den Fenstern, so lange er redlich arbeitete. Und wie erst die Kinder kamen, die süßen Kleinen, eins nach dem andern! Aber es fanden sich Freunde, die ihn aus seiner kleinen Werkstatt in die Schenke zogen, wo der Wein floß, die Zigeuner spielten und die schmutzigen Karten auf den Tisch geschlagen wurden. Das Geld bekam Flügel und flatterte davon, und er wurde verdrießlich und arbeitete immer weniger, und wenn Slobe weinte, lachte er sie aus. Nachdem Alles verkauft und verpfändet war und nur noch selten eine Kundschaft sich zu ihm verirrte, zogen sie aus einem Gelaß in das andere, bis sie endlich doet angelangt waren, wo die Flickschneider, die Lumpensammler und die Schnorrer hausten, uud er war vom feurigen Wein zum Branntwein gekommen, so daß ihn jetzt sogar seine Freunde mieden, bis auf einen, den Gerber Zadeck, der sein Nachtquartier nicht selten unter den Bäumen der Promenade oder auf offener Straße aufschlug; und trotzdem es daheim oft an einem Stückchen Brod mangelte, verbrachte er doch Tag und Nacht in der Schenke, in der sonst nur Diebe, Vagabunden und geschminkte Dirnen verkehrten, und spielte u ld trank und sang wüste Lieder, und wenn er heimkam, schlug er sein schuldlos Weib. Ja, er war der Dalles, für sie Alle war er der böse Geist, der sie arm und elend machte. Slobe ließ ihn einige Zeit ruhig, dann trat sie leise zu ihm hin und legte sanft den Arm um seinen Hals und er verbarg sein Gesicht an ihrer Brust. Keines von Ihnen sprach mehr ein Wort. Am nächsten Morgen aber, als die Kinder erwachten, saß der rothe Pfeffermann schon bei der Arbeit und seine Arme gingen flink hin und her, wie schon lange nicht, und er pfiff ein Liedchen vor sich hin, während Slobe bei dem kleinen Herde wirthschaftete. Als sie beim Frühstück saßen, Slobe auf dem Sessel, den er' schon in aller Frühe geleimt hatte, und er auf seinem niedern Stuhl zu ihren Füßen, da drückte er plötzlich ihre Hand und sprach: „Verzeih' mir. Ich soll auf der Stelle von der Erde verschlungen werden, wenn ich noch einen Tropfen trinke oder eine Stunde des Tages nicht arbeite. Verzeih' mir, Slobe, und wenn ich einmal schwach werde, so schlage mich in Gottes Namen, oder schneide mir Bart und Peies (die Stirnlöckchen) ab."*) " Slobe schüttelte den Kops. - - - *) Das letztere ist für den polnischen Juden die größte Schmach»

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