Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 34 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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«4. 1886. A irdisches v—^ n4Utt Herausgegeben von Dp. M. Rahmer in Magdeburg. Inhalte Der Dalles des rochen Pfeffermaun. — Die Tochter des Wucherers. Von Henriette Katz. (Fortsetzung). — Allerlei für den Familientisch: Aus Italien. Brestizka. Epala. — Lyrische Proben von Albert Rosenbaum in Cassel. V. Auf Rigi-Kulm. — Räthsel-Aufgaben und Räthsel-Lösungen. Der Dalles des rothen Pfeffermann. *) Er hieß der rothe Pfeffermann, weil er rothblondes Haar und einen wunderschönen Bart von gleicher Farbe hatte, und es in Mariampol einen zweiten Pfeffermann gab, der zum Ueberfluß auch noch gleich ihm Abram hieß, dafür aber schwarz war. Der rothe Pfeffermann war Schuhmacher. Er bewohnte mit seinem Weibe und drei kleinen Kindern ein Gewölbchen oder vielmehr die Hälfte eines Gewölbchens in der Judengaffe, in dem die Sonne nie weiter als bis zur Schwelle kam, auf der die Kinder spielten. Es war ein trüber Herbstinorgen nach einer regnerischen Nacht, an dem ein Jeder gern daheim bleibt. Der Nebel wogte die Gassen auf und ab und stieg bis zu den Dächern empor, gleich einer zweiten Sintflut, vor den Häusern hatten sich kleine Teiche gebildet, in denen Gänse ititb Enten plätscherten, und der Wind heulte in den Rauchfängen. Dennoch hatte der rothe Pfeffermann den alten schäbigen Filz auf die Jarmurka gedrückt und war durch den Koth hinübergewatet, wo der dürre Busch einladend schaukelte. Die Kinder waren eben erwacht und sahen der Mutter zu, welche mit Stroh und Maiskolben auf dem kleinen Herde Feuer machte. „Mame," begann der ältere Knabe, der kluge Jakob, „hast Du gehört den Lärm in der Nacht?" „Ich habe nichts gehört," erwiderte sie verdrießlich. „Hat es doch an unserem Bette gerüttelt, Mame". „Das hat Dir geträumt." „Nein, Mame, ich habe cs auch gehört", versetzte die kleine Sara, „es hat gepoltert und hat geschrieen, und geweint hat es auch." „Dann wird es wohl der Dallcs gewesen sein," sprach die Mutter, „den ihr gehört habt". „Der Dalles? was ist das?" fragte Sara. Jakoble begann laut zu lachen; es klang wie helle Musik in dem düstern, ärmlichen, unfreundlichen Raum. „Sie weiß nicht, was der Dalles ist. Höre also —" „Ich will es von der Mame hören, sei still, Jakoble," und Sara legte ihm die kleine Hand auf den Mund. „Der Dalles ist der Dalles," rief Jakoble und begann wieder herzlich zu lachen. „Lach' nicht, Jakobe," sprach die Mutter, „der Dalles hört es und treibt es dann noch ärger. Es ist nicht lächerlich, sondern es ist zum Weinen, wenn man ihn im Hause hat." „Deßhalb weinst Du so oft," sagte der kleine Jakob plötzlich ganz ernsthaft. „Der Dalles ist also ein böser Mensch?" fragte Sara. „Nein, ein böser Geist", flel Jakoble ein. „So ist es, ein böser Geist", wiederholte die Mutter seufzend, „wv er sich einnistet, dort giebt es keinen Segen, *) Als Probe aus Sacher-Masoch's soeben erschienenen „Polnischen Ghettogeschichten", die wir nächstens in unserem „Litteraturbl." besprechen 'werden. (Red.) dort ist Alles umsonst, Fleiß, Arbeit, Klugheit, man kann sich noch so mühen, noch so spekuliren, er verschlingt Alles." „Und wie sieht er aus?" „Je schlechter es den Menschen geht, bei denen er wohnt, um so mehr nimmt der Dalles an Körperumfang zu." „Da muß unser Dalles schon sehr, sehr groß und sehr, sehr dick sein," sagte Jakoble; „o! ich weiß was, Mame. er wird endlich so dick werden, daß er in unserer kleinen Kammer gar nicht mehr Platz hat, und dann wird er fortgehen und wir werden am Schabbes Barches mit Rosinen essen, wie die Kinder deS reichen Fleckeles." Die Mutter lächelte schmerzlich. „Gott geb's!" murmelte sie. „Aber wir wollen den Dalles sehen, Mame." „Den kann man nur bei Nacht sehen." Die Kinder besprachen sich unter einander, sie wollten diesmal wach bleiben, um den Dalles, den großen dicken Dalles, zu sehen; und wirklich blieben sie an dem nächsten Abend alle drei zusammen wuch in ihren Bettchen, bis es wieder draußen vor der Thüre zu schreien und zu poltern begann, dann verließ sie aber der Muth und sie steckten rasch die kleinen krausen Köpfe unter die Decke. Sie hörten noch, wie der Dalles in der kleinen Stube Alles umherwarf und zerschlug, und sie hörten den Vater schreien und die Mutter laut stöhnen und weinen, dann wurde es wieder stille und sie schliefen ein. Als sie am andern Morgen die Hellen Augen öffneten und, scheuen Mäuschen gleich, vorsichtig um sich blickten, sahen sie den Vater auf seinem niedern Stuhl sitzen und fleißig arbeiten, während die Mutter ihm das Leder zurichtete. Um sie herum auf dem Boden lagen Glassplitter und Trümmer irdenen Geschirrs, der einzige Sessel, den sie noch gehabt hatten, war zerbrochen und was das Traurigste war, die Mutter hatte den Kopf mit einem Tuche eingebunden, und das Gesicht des Vaters war zerkratzt und sein Rock zeigte einen klaffenden Riß auf dem Rücken. Der rothe Pfeffermann sprach wenig an diesem Tage und das Wenige, ohne Slobe, seine Frau, dabei anzusehen, und sie gab ihm nur kurze, unfreundliche Antworten. Sie war einst hübsch und frisch gewesen, wie ein Heckenröschen am Waldeshang, als sie ihm unter dem Trauhimmel zugeführt worden war. jetzt war ihr Gesichtchen bleich und verhärmt und finstere Schatten lagen unter ihren noch immer gluthvollen dunklen Augen. Als der rothe Pfeffermann in der Dämmerung sein Gewölbchen verließ begannen die drei Kinder, alle zugleich, laut zu weinen. „Was weint ihr denn?" fragte Slobe, „ich habe auch so schon Kummer genug". „Wie sollen wir nicht weinen?" sagte Jakoble, „wenn der Dalles unsere süße Mame so schlag?» thut in der Nacht." „Und auch den Tate", rief Sara, „wie soll er arbeiten wenn er so zerschlagen ist, da müssen wir doch arm sein."