Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 33 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 128 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 128 HU Leo und Rüben und es dauerte gar nicht lange, da waren die Neckereien wieder im vollen Gange; diesmal aber mußte Rüben herhalten. Was Leo vorhin nicht so ernstlich zu besprechen wagte, brachte er jetzt scherzend hervor; er bezweckte jedoch mit dem Einen so viel, wie mit dem Andern. Rüben spaßte eben mit, so niedergeschlagen er gestern gewesen, so vergnügt war er heute. Nachdem Sara das Mittagessen besorgt, erlaubte sie sich ihrem Bräutigam zu Liebe den Luxus eines Spazierganges, was sie an Wochentagen gewiß noch nie gethan hatte. Sie brauchte nicht lange Zeit zu ihrer Toilette; sie war auch in ihren Anzug, wie in all ihrem Thun und Lassen einfach. Ach, da geht ja gar Cahns Sara mit einem feinen jungen Herrn spazieren, so hörte sie sich häufig die Leute untereinander zuflüstern; sie ist am Ende gar verlobt. Aber nein, der Herr sieht ja so fein aus und die Sara ist doch nur eine Schuß erstochtcr! Ueberall sah sie neugierige Gesichter, und wirklich, da zupfte sie gar ein kleiner Junge am Kleid und rief ihr zu: „Guten Tag, Fräulein Sara! Sehen Sie mich denn gar nicht?" Ach Gott, es war Peters Andrees. Das Kerlchen sah sie so schelmisch an, als wollte es sagen: Hast Dir wohl auch ein Schätzchen angeschafft? Dafür mußte er eine kleine Belohnung haben; noch heute Abend wollte sie hinaus zu Peters, die gute Frau freut sich gewiß auch sehr, daß ich so glücklich bin. Und nun erzählte sie ihrem Bräutigam von dem traurigen Geschick derselben und sprach ihre Entrüstung darüber aus, datz es unter den Juden so schlechte Menschen gäbe, die so gewissenlos wären und sich die Schwächen und Fehler Anderer ausnutzten, um sich zu bereichern und mit solch unredlich erworbenem Geld ein prunkhaftes Leben führten. Leo hätte sie am allerliebsten hier auf offener Straße in die Arme geschlossen und allen Menschen zugerufen: „Hier seht Euch das einfache, gute Mädchen an. Sie könnte Euch als Muster dienen und wenn es welche geben mag, die mehr Wissen und Kenntniß besitzen, als sie, ein besseres und edleres Herz giebt es gewiß auf Gottes Welt nicht. O Gott, wie danke ich Dir! Dies Mädchen liebt mich und will mein Weib werden!" Ec schritt ganz still neben ihr her und ließ sich immer von ihr erzählen; schon ihre Sprache war so melodisch; erhörte ihr so gerne zu und wenn sie ihm eitle Sache zehn Mal erzählt hätte, es würde ihn nicht gelangweilt haben. Aber allzu lange durften sie ihren Spaziergang heute nicht ausdehnen; die Zeit der Abreise rückte immer näher heran und das letzte Stündchen wollten sie gemeinsam bei dein Vater zubringen. Doch es schien, die Ueberraschungen sollten heute gar kein Ende nehmen; das Brautpaar fand bei' seiner Rückkehr einen unverhofften Besuch vor; Röschens Vater, Herr Heinemann, war da! Was hatte das wieder zu ' bedeuten? Die beiden Alten waren so vertieft in ihrer Unterhaltung, j daß sich Leo und Sara wieder unbemerkt zurückziehen konnten und nun Rüben aufsuchten. Der saß in seiner Werkstatt und hämmerte frisch darauf los, schöne Melodien vor sich hinpfeifend. „Nun, nicht drüben beim Schwiegervater, Schusterchen?" nahm Leo seine Späße wieder auf. „Bin schon drüben gewesen, Schwager, bin aber verabschiedet worden, weil Herr Heinemann Wichtiges mit dem Vater zu besprechen hat. Es wird Zeit, daß Du bald abschiebst, Schulmeister. Röschen hat, sobald sie wieder bei Besinnung war, dringend nach Sara verlangt und wird wohl heute noch hinüber müssen; es ist ein wahres Glück so, sonst könnte ich mir noch die Ohren voll heulen lassen, wenn Du fort bist." So vergingen schnell die wenigen Stunden bis zum Abschied und Leo und Sara suchten sich das Trennungsweh so viel als möglich zu verbergen. Trotzdem kam Sara mit arg verweintem Gesicht von der Bahn zurück. Rüben brauchte das freilich nicht zu sehen und deshalb war es ihr sehr lieb, daß ihr Recha vom Fenster ans zuwinkte, sie möchte doch zu Röschen kommen. Drüben im Krankenzimmer war es gewiß noch dunkel, da sah es ihr Niemand an, daß sie geweint hatte. Röschens Freude war groß, als sie ihre liebe Freundin wieder einmal bei sich scheu durfte. Weil ihr das viele Sprechen noch verboten war, gab sie es Sara dadurch zu verstehen, daß sie ihr wiederholt Wangen und Hände streichelte. Aber so ganz konnte es Röschen doch nicht über sich gewinnen, streng nach dem Befehle des Arztes zu handeln; sie mußte Sara wenigstens das noch sagen, daß sie sich doch gar zu sehr freue, daß sie wieder genesen sei und daß sie es dem lieben Gott dadurch danken wollte, daß sie gar nicht mehr an ihr eigenes Glück denken, sondern nur noch für deck Vater und ihre Nebenmenschen leben wollte. (Fortsetzung folgt.) Mur Grgänsnng zur Ge-SchtuMeier Mendelssohn'». Von M. Mannheimer in Darmstadl. Am 4. Januar d. I., als an dem hundertjährigen Todestage Moses Mendelssohn's, wurde in vielen, fast allen, deutschen Gemeinden eine Gedächtnißfeier zur Ehre und zum Ruhme desselben abgehalten, und man muß es dankbar anerkennen, wie sehr die dabei ausgetretenen Redner in ihren Vorträgen bemüht waren, Mendelssohn's edlen Charakter sowohl, als auch seine großen Leistungen nach allen Richtungen hin, der Wahrheit gemäß, zu zeichnen und zu schildern. Nur vermißte ich auffälliger Weise in dem bis jetzt ln Druck erschienenen und mir zu Gesicht gekommenen Schilderungen einen Punkt, nämlich den Einfluß, den Mendelssohn durch Herausgabe seines „Phädon" auf das allgemeine deutsche Schulwesen ansgeübt hat, ungeachtet dieser von großer Bedeutsamkeit, Wichtigkeit und Nachhaltigkeit war, wie ich dieses in einem in der „Jsr. Wochenschrift" bei Gelegenheit der 150. Gedächtnißfeier Lessing-Mendelssohns im Jahre 1879 erschienenen Artikel unter der Rubrik „Der Einfluß Mendelssohns auf die Pädagogik" (ib. p. 304) nachgewiesen habe. Jedoch muß ich gestehen, daß ich Alles, was ich bisher über die durch Veröffentlichung und starke Verbreitung von Mendelssohn's, des deutschen Sokrates, Phädon erfolgte und geförderte Einführung und Anwendung der sokratischen (erotematischen) Unterrichtsform in den deutschen Schulen gelesen und gelegentlich auch veröffentlicht habe, nur in von Christen verfaßten pädagogischen Werken gefunden habe. In jüdischen Zeitschriften habe ich zuerst auf diesen bedeutsamen und wichtigen Erfolg der Leistungen Mendelssohn's aufmerksam gemacht und dadurch zu dessen vollständigeren Würdigung beigetragen.*) Man wird mir aber vielleicht einwenden, Mendelssohn habe seinen Phädon nur für Erwachsene, nicht aber für Schulkinder geschrieben, an den Volksschulunterricht habe er folglich nicht dabei gedacht. Allein lehrt uns denn nicht die Geschichte, daß aus dem edlen Streben und Wirken weiser, ihr Zeitalter überragender Männer oftmals Wirkungen für Mit- und Nachwelt hervorgegangen, an die sie gar nicht gedacht, und Ziele erreicht worden sind, die ihrem Geiste gar nicht vorgeschwebt und die sie gar nicht beabsichtigt hatten? Und dennoch bleiben diese ihr Verdienst, das ihnen Niemand streitig machen wird. Und ebenso ergeht es unserm Mendelssohn in Betreff der Umänderung und Verbesserung der Lehrform in den Schulen. Noch mehr: Die Argumente, die Mendelssohn in seinem Phädon zur Begründung der Unsterblichkeitslehre vorgebracht hat, nämlich: die Einfachheit der Seele und die in unsere *) M. Dessauer hat in seiner Jubiläumsschrift (1886 S. 50) den obengenannten Art. des Herrn Mannheimer im beregten Sinne verwerthet. (Red.)