Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 32 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 125 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 125 — Kanzel inmitten des Gebäudes besteigen und mit deutlich lauter Stimme seine Jrrthümer widerrufen, wobei er bekanote, tausend Tode verdient zu haben und ferner gelobte, sich nimmermehr derartiger Gotteslästerungen schuldig zu machen. Nachdem er dies gethan, verließ er die Kanzel und einer der Rabbiner begab sich zu ihm mit dem Befehl, in einem Winkel der Synagoge Platz zu nehmen. Sowie dies geschehen, trat der mit dem Oeffnen und Schließen der Synagoge beauftragte Diener att ihn heran und entkleidete ihn. Er zog ihm ein leinenes Tuch über den Kopf, hieß ihn, die Schuhe ablegen und baarfüßig stehen zu bleiben, worauf er ihm die Hände an eine der Säulen band. Nun ergriff er einen Riemen und gab ihm mit demselben 39 Geißelschläge; zwischen jedem Schlage mußte der Büßer einen Theil eines Gebetes sagen. Nichdem er dieser Strafe und Erniedrigung sich unterworfen, setzte er sich auf den Flur und Alle, die bei ihm vorbeikamen, Männer, Frauen und Kinder, traten auf ihn. Dann kain der Chacham und erklärte den über ihn ausgesprochenen Bann für gelöst. So verachtet, mit Staub und Schmutz besudelt, flüchtete er nach seiner Wohnung, wo er, von einem plötzlichen, grenzenlosen, tenfelsmäßigen Wuthanfall ergriffen, den Neffen, der ihn dieser Behandlung bloßgestellt, ermorden wollte. Da er diesen aber nicht fand, so machte er durch Selbstmord seinem eigenen Leben ein Ende. Also thue der Herr und füge allen Denen zu, die seine Thora verachten und in ihrem Herzen sagen: „es giebt keinen Gott". Sehr richtig ist die Bemerkung des Rabbi Jsaac Abarbanel, „daß es eine greifbare Thorheit ist, in Dinge cindringcn zu wollen, welche über das Fassungsvermögen des Menschen hinausgehen, die der Allwissende vor ihm verborgen hat". Denken wir auch mit Schrecken an den königlichen Propheten David: „In Finsterniß, in Todesschatten, in Elend sollen sitzen, die gegen Gottes Wort widerspenstig sind und des Höchsten Rath verachten". - - So erging es Uriel da Costa und dies wird auch wahrscheinlich das Loos eines mtt geri nger Urt hei lskraft begabten jungen Menschen sein, eines gewissen Ba ru ch Spi n oza, von dem bereits Rabbi Jsaac Jesurun gesagt hat: „Er sei eine an dem Busen der Synagoge genährte Schlange, die wahrscheinlich alle zerreißen wird, die sie gelabt und erquickt hiben" Doch der mächtige Gott wende diese gefährliche Prophezeiung ab und lasse uns in dem zukünftigen Reiche Juda die diamantnen Mauern des neuen Salem, von einem zweiten Nehemia errichtet, schauen. O hätte Israel den Weg des Herrn gewandelt, wie schnell wären seine Feinde zu Bod^n geworfen und die Prophezeiung Asafs in Erfüllung gegangen: „Der Herr Zebaoth wird den Weinstock prüfen, den er aus Egypten verpflanzt, Völker vertreiben und ihn weiter pflanzen. Tief wird er Wurzel schlagen und die Erde erfüllen. Mit seinem Schalten wird er die Berge, mit seinen Aesten die mächtigen Cedern bedecken. Seine Zweige sollen sich bis zum Meer, seine Ranken bis zum Strom erstrecken. Grüße die Brüder, die in der Gefangenschaft der Philister schmachten. Daniel Levi de Barrios".*) Die ersten Rnthenstreiche. Eine Uerniniscenz aus meiner Schükerzeil. Von A. Speier-Heinebach. Homer sagt von Odysseus: „Vieler Menschen Städte sah er und ihren Sinn erkannte er," aber meine Dorfschule hat er nicht gesehen. „Wer Sevilla nicht gesehen hat, hat nichts gesehen," sagt der stolze Spanier und ich sage ähnlich, doch ganz bescheiden: Wer meine Dorfschule nicht gesehen hat, der hat nichts gesehen. Oder soll ich sagen: Wer meine Dorfschule gesehen hat, der hat nichts gesehen? Ich glaube, so ausgedrückt, wäre es auch richtig. Und doch denke ich *) Aus der Sonntagsbeilage der „Voss. Ztg." vom 18. Juli c. $cut M. K. ' auch heute noch gern an diese Dorfschule mit ihrem Klassen-, Wohn-, Speise- und Schlafzimmer. Ja, vier Zimmer hatte unsere Schule, vier Zimmer — in einem Raume. In diesem vierzimmerigen Raume aber saß der Wolf neben dem Schäfchen, lagerte der Tiger neben dem Huhne, sodaß man fast glauben konnte, das messianische Zeitalter, welches der Prophet Jesaias geweissagt, wäre herangekommen, wenn der mefsianische Friede nur nicht gefehlt hätte, und so war unsere Schule eher einer Arche Noahs vergleichbar. Ja, Wolf, unseres Nachbars Wolf, mit dem dicken Pelzhaar auf dem Kopf, mit der großen Unterlippe und der aufgestülpten Negernase, saß zwar ruhig neben dem „Schäfchen", so nannte man seine Cousine Schainchen wegen der Lautühnlichkeit beider Wörter, besonders aber wegen ihrer großen Dummheit, die schon so unschuldig aus ihren blauen Wasseraugen hervorsah. Unter den Tischen, Stühlen und Bänken aber scharrten die Hühner an den Papierschnitzeln, Lappen' und Lumpen und suchten sich die Brosamen, die eine mildthätige Schülerin oder ein muthwilliger Schüler für sie hingestreut, manchmal hörte man auch, wie sie sich um große Brocken stritten und bissen; dann knurrte Tiger, der bunte s Hund, die Katze sprang vom Ofengesims und miaute, dazu' weinte der Säugling, die Frau Lehrer sang ihr „Eia popeia", unser Herr Lehrer schlng dazu den Takt mit dem Haselstück, mit der so sehr gefürchteten Ruthe, und nun wieder das Zeterg schrei des manchmal so hart Getroffenen. Es : war „ein Lied, das Stein erweichen, Menschen rasend machen" ‘ kann. - Ach, auch ich mußte bald mit diesem mehr als ellenlangen Hinterlandstreicher Bekanntschaft machen. Ich mochte länger schon als ein Jahr diese Noahs- Arche besucht haben, ich kannte fast Alles und Jedes in der Schule. Dort die Würste am Nagel hatte ich genau gezählt, es waren gestern 30 gewesen, heute waren nur noch 28 da — ich konnte so viel schon rechnen, daß ich einsah, es waren zwei weniger geworden; auch ein Brot fehlte, es hatte immer seinen Platz auf einer altersschwachen, darum unbenutzten Schulbank, von der es zuweilen mit Gepolter herabfiel. So machte ich zuweilen meine stillen Betrachtungen und fing eben an, mich ein wenig in's „heilige Nichts" zu versenken, da kam Bewegung in die Klaffe: das Kommando zum Frühstück, zur Spiel - und Bummelzeit ward gegeben, und Alles drängte der Thüre zu, um in's Freie zu gelangen. Auch ich erwachte ans meinem lethargischen Zustande und war der Letzte, der das Zimmer verließ. Aber gerade dieser Umstand sollte für mich verhängnißooll werden. Als ich auf dem ' Spielplatz ankam, spielten bereits Wolf und Schäfchen mit * einem eigenartigen Spielzeug. Es war ein säbelartiges, vorn abgestumpftes Messer, das Wolf als Sohn eines Landwirths zu einer Pflugschar verwendet hatte; Schäfchen zog und Wolf ackerte. Ich mochte Gefallen an dieser messianischen Idylle gefunden haben und schnell war ich der Dritte im Bunde. Ein Kind der neuen Zeit führte ich sogleich eine kleine Verbesserung in der Gestalt eines Bindfadens ein und klemmte zur besseren Handhabe ein kleines Holzscheit in das untere Ende des Messers. Und nun ging es „juh!" Schäfchen zog wie ein Pferd, Wolf ackerte und ich trieb mit einer schnell improvisirten Bindsadenpeitsche Schäfchen an. Wir mochten schon einige Quadratfuß auf diese Weise umgepflügt haben, da ereilte uns die Nemesis. Lachs — er hieß eigentlich Alexander — des Lehrers ältester Sprößling „kam, sah und siegte" d. h. er gab uns mit meiner so schönen Peitsche links und rechts Hiebe und stattete dann seinem Vater Bericht ab. Da schrillte ein Pfiff wie der einer heiser gewordenen Dampfpfeife durch die Luft. Was dieser Pfiff aber zu bedeuten hatte, konnte nur der Eingeweihte begreifen, uns ertönte er gleich der Posaune des Weltgerichts. Wir traten ein und unser Klassen-, Wohn-, Speise- und Schlafzimmer war mit einem Male zum Schwurgerichtssaal, avancirt.