Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 32 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 124 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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124 Als eine Stunde verflossen und er noch immer nicht wieder zurück war, beschloß Leo, ihn aufznsuchen. Er fand ihn ganz so, wie er es vermuthet. Die Thür seines Schlafzimmers war von innen verriegelt, und nachdem er verschiedene Male dringend gebeten, öffnete ihm Rubens und gestand ihm nun auch seine brennende Liebe zu Röschen. Es wunderte Leo durchaus nicht, daß Rüben nach alle dem, was Sara ihm von Röschen erzählt, sich in dieselbe verlieben mußte, nur fand er es unbegreiflich, daß Rüben nicht, sobald er sich seiner Liebe zu Röschen bewußt geworden, seinem Schuhmacherschemel Valet gesagt und das geworden, wozu er ihm eigentlich bestimmt schien, ein Virtuose. „Ich sage es Dir immer und immer wieder. Rüben, was ich Dir schon so oft geschrieben: versündige Dich nicht an Dir selbst. Die Gründe, welche Ihr mir angegeben, sind wirklich lächerlich, das müßtest Du bei Deinem sonst so klaren Verstand langst eingesehen haben. Daß Dein Vater ein Schuhmacher geworden'und geblieben, will ich noch gelten lassen. Aber, sage einmal selbst, was Ihr damit bezweckt, wenn Du Dein herrliches Talent hinten ansetzest, um einer Idee nicht untreu zu werden, die, wie Ihr sie zu verwirk-, lichen begonnen, doch so leicht nicht um sich greisen wird. Wer fand etwas Absonderliches darin, als Dein Vater Schuhmacher wurde? Er war ein armer Junge und die Leute haben gewiß geglaubt, daß ihn nur seine Armnth dazu bewogen! Nicht wahr, unter fernen Lehrlingen war selten einmal ein Jude? Ihr habt in den Augen der Welt ein viel zu armseliges Leben geführt, um auch andere Glaubensgenossen dazu aufzumuntern, ihre Kinder ein Handlverk ergreifen zu lassen. Ich weiß es ja selbst, daß es ein großer Segen wäre, wenn sich die Juden mehr dem Handwerk zuwendeten; sie würden sich dann wieder mehr als Mensch dem Menschen, und nicht als Konkurrent dem Konkurrenten gegenüberstehen. Aber der. Einzelne vermag da wenig oder gar'- nichts .und deshalb ist es mehr als thöricht von Dir. daß Du Dein Glück so mit Füßen trittst und die Gaben, die Dir der Himmel verliehen, unbeachtet läßt." Rüben halte von alledem, was ihm sein Freund da vorredete, wenig oder gar nichts gehört, und alsi^öeo bemerkte, daß er immer dumpf vor sich hinschauend dasaß und seine Gegenwart wenig zu beachten schien, forderte a ihn auf, mit ins Wohnzimmer zurückzukehren, wo der Vater und Sara schon wiederholt nach ihm ihm gefragt hatten. Auch möge er ein bischen dazu beitragen, daß der letzte Abend seines diesmaligen Hierseins nicht ein gar zu trübseliger würde; er wollte cs Sara einstweilen noch gar nicht sag n, daß er schon morgen abreisen müsse. Rüben versprach, ein bischen zu mnsiciren und bald durchklangen die herrlichsten Töne das kleine Gemach. __(Fortsetzung folgt.) Uriel Aeosta im Urtheil eines Zeitgenossen. (Schluß.) Rach einer sehr langen und mühseligen Reise glückte es ihm endlich, den Fuß auf Amsterdamer Boden zu setzen. Hier ließ er sich in den Bund Abrahams ausnehmen und schloß sich uns als Glaubensbruder an. Gabriel (als Jude ließ er sich Uriel nennen) wurde allgemein als ein ziemlich gelehrter Marin betrachtet, da er früher in seinem Vaterlande Rechtswissenschaft studirt und dieselbe auch practisch ausgeübt hatte. Doch war sein Wissen hauptsächlich ein profanes, von weltlicher Art und verführerisch, mehr geeignet, ihn stolz zu machen, als ihn zu befriedigen und auf den rechten Weg zu bringen. Alle Dinge suchte er nach seiner Rede und nach seinem Urtheil zu erforschen und zu bemessen nach Art der Scheinpropheten, die von betrüglichem, lügenhaftem Geiste erfüllt sind. Dazu war sein Gemüth ungebunden und hartnäckig im Guten, wie im Schlechten. Verblendet in seiner Wildheit war er andererseits wiederum sehr entgegenkommend und so mitleidig sogar, daß er mehrmals seinen Thränen freien Lauf ließ, wenn er sah, wie schwer die Schwachen und Bedürftigen durch den Druck der Uebermüthigen und Reichen zu leiden haben. Leider legte er, verstrickt' wie. er war in die Eitelkeit des Irdischen, zu viel Werth auf falschen Schein. Selbsterhebung, auf Ehrenbeweise von Seiten der Ungläubigen. Es war ein launenhafter Mann, der sich leichtsinnig an außerordentliche Gegenstände wagte und nicht leicht in die Gedanken Anderer sich zu finden vermochte. Da er das größte Vertrauen aus sich selbst hatte, Alles in dem matten Lichte seiner eigenen Vernunft erblickte, auch dem besseren Urtheil der Aeltrsten seines Volkes und Glaubens kein Ohr lieh, so wurde er ein Verächter des babylonischen wie des jerusalemitischen Talmud. Ja er entblödete sich nicht, beide öffentlich zu beschimpfen und zu lästern! Auch .trieb er öffentlich Spott mit dein Buche Sepher Jezirah (einem kabbalistischen Werke), nannte dasselbe abergläubisch und erklärte, an die mit Hilfe desselben zu vollbringenden Wunder nicht zn glauben. Seine Unverschämtheit und Ruchlosigkeit ging noch weiter. Er vermochte zu behaupten, daß in der ganzen mosaischen Lehre keine Rede von einem jenseitigen Leben ist, und daß Belohnung und Strafe , nur hier auf Erden staltsinden können. Als unsere gelehrten Chachamin (Schriftgelehrten) und unter diesen auch Rabbi Samuel da Silva, ihm dies energisch bestritten und mit ihm disputirten, wagte er es, sie „Pharisäer" zu nennen, welche in ihren Sitten und Gebräuchen mit der mosaischen Gesetzgebung nichts gemein haben und hundert Mal grausamer uub ketzerischer wären als die Christen. Da ihnen jedoHtdas Schwert des Gesetzes nicht zu Gebote stand, konnten sie feincclei Gewaltmaßregeln gegen ihn zur Anwendung bringen. Alle diese Ungereimtheiten ließ er in einem Buche drucken, das sicher die -'Flammen verdient, hat und den Namen trägt: Examen traditionum pharisaicarum cum lege scripta contra animae immertalilem, Amst. 1653. Unsere Chachamim sprachen den Bann über ihn ans und. bewogen die Kinder (damit sie bereits von ihrer frühesten Jugend an voll Eifers für das Haus Israel sein möchten) ihm in großer Zahl zu folgen, ihm nachzurusen: „Ungläubiger! Abtrünniger!" und durch die Fenster feiner Wohnung Steine, Erde und Schmutz zu werfen. Uebrigens wurde er auch bei den bürgerlichen Behörden angeklagt, daß er acht oder zehn Tage in den Kerker geworfen wurde und hatte eine Strafe von dreihundert Gulden zu bezahlen. Ans diese Weise lebte Uriel da Costa einige Jahre fort, von unserer Gemeinde getrennt und in* dem festen Glauben, daß er von den durch Gott Moses geossenbarten Vorschriften nur diejenigen zu erfüllen habe, wÄche mit dem gesunden Verstand und der Natur offenbar überemstimmten. Als eut in allen Beziehungen gottloser, wahnwitziger , Mann, der überzeugt war, daß Mensch und Thier nur ein und dieselbe Bestimmung haben und daß es darum daS Verständigste ist, sich das Leben so erträglich und angenehm wie möglich zu machen, strebte er wiederum danach, sich mit uns zu versöhnen, um so mehr, da es auch mit seinen Handelsgeschäften nicht gut von Statten gehen wollte, Niemand ihm hilfreiche Hand bot und er sich mit der übrigen Bevölkerung nicht unterhalten konnte, da er kein Wort holländisch verstand. Aus Fürsprache seines Neffen kam es in der That zur Buße und Versöhnung. Leider vernahmen wir nur allzufrüh wiederum, daß er die jüdischen Festtage nicht hielt. Nun wurde es doch nöthig, ihn einer exemplarischen Strafe zu unterwerfen. So beriethen denn die Aeltesten unserer Gemeinde, und nachdem sie selbst ihre Nachtruhe zum Opfer gebracht hatten über den Vorschriften von Leviticus und Deuteronomium, nachdem sie alles genau geprüft und besprochen hatten, was Rabbi Moses Maimonides in seinen Gesetzbüchern darüber geschrieben; so höre, was sie beschlossen haben. Au einem Sabbath, als die Synagoge mit Männern und Frauen gefüllt war, mußte Uriel da Costa die hölzerne