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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 32 (1886) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
32 (1886)
Date
1886-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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JA 32. Jüdisches 1886. UtUifl’IU// Herausgegeben von Or. M. Rahmer in Magdeburg. Die Tochter des Wucherers. Von Henriette Katz. (Fortsetzung). — Uriel Acosta im Urtheil eines Zeitgenossen. — Die ersten Attllfilt4 Ruthenstreiche. Eine Reminisenz aus meiner Schülerzeit Von A. Speier-Heinebach. — Proben einer Uebersetzung von Byron's ' 4 „Hebrew-Melodies.“ Von Rebecca Treitel. — Räthsel-Aufgaben und Räthsel-Lösungen. — Die Tochter des Wucherers. 5) Von Henriette Katz. V. Nichts ist so beständig, wie der Wechsel! Jahrelang war das Leben im Nachbarhause gleicl müthig dahingezogen; ein Tag verlief wie der andere und brachte nur selten eine Abwechselung mit sich, und nun war gerade jetzt, während Sara's Freundin, Röschen Heinemann, todtkrank darniederlag, bei der Ersteren das Glück eingekehrt. Sie war seit einigen Tagen die Braut eines Freundes von Rüben, welcher in L. als Lehrer fungirte. Herr Birnbaum hatte mit einem Mal so arge Sehnsucht nach seinem Freunde verspürt, daß es ihm keine Ruhe mehr ließ und er die ersten Ferien dazu benützte, denselben aufzusuchen. Aus dem einen Tage aber, den er bei Rüben verweilen wollte, war nun schon eine ganze Woche geworden. Nach dem Freunde hatte er Sehnsucht gehabt und eine Freundin hatte er sich erobert. Das einfache, traute Heim der Familie Cahn gefiel ihm so ungemein, daß er sich auch nach einem solchen sehnte und ganz überglücklich war er, als Sara ihm auf seine Anfrage, ob sie ihm auch ein solches gründen und sein liebes Weib werden wollte, erröthend ja antwortete. Sie kannte ja ihren Bräutigam, wenn auch nicht persönlich, doch schon lange durch den Briefwechsel mit Rüben. Mit großem Interesse hatte sie stets seine geist- und gemütvollen Briefe gelesen und es sich nie träumen lassen, daß sie noch einmal das Glück haben würde, sein Weib zu werden. Es war ihr manchmal, als wäre das Alles nur ein schöner Traum. Wie oft schon hatte sie sich mit Rüben geneckt und gesagt, daß sie nie heirathcn würde, weil sie noch keinen jungen Mann kennen gelernt habe, der ihr so gut gefallen, wie ihr Bruder; er müsse es aber auch so machen. Dafür, daß sie ihm stets seine Lieblingsspeisen kochen wolle, solle er ihr jeden Freitag Abend vorlesen und so wollten sie sich gegenseitig das Leben zu verschönern suchen; so wäre es doch auch am besten für den Vater. Nun wurde es doch anders und merkwürdig — sie war nicht einmal böse darüber. Sie brauchte sich ja nun doch nicht vom Vater zu trennen, der mußte auf alle Fälle mit zu ihr und war auch ganz einverstanden damit. Und Rüben — nun, der mußte eben auch heirathen! Bei diesem Gedanken nun ward es ihr doch recht wehe zu Muthe; sie wußte wohl, daß das bei Rubens Gesinnung leichter gedacht als gethan war; so viel sie auch sann, nur eine Einzige wußte sie, die ihn wahrhaft beglücken konnte und diese Eine war für den Schuhmacher Cahn unerreichbar. Da fiel ihr mit einem Mal ein, daß es doch Unrecht von ihr sei, daß sie nicht schon längst einmal hinüber zu ihr gehuscht und ihr von ihrem Glück gesagt habe; sobald sie für einige Minuten abkommen konnte, ging sie hinüber, überzeugt, daß sich Röschen von Herzen mit ihr freuen würde. „Jetzt wirst Du Dich wohl ein paar Stunden mit meiner Gesellschaft begnügen müssen," sagte Rüben lachend zu fernem Schwager, als er Sara hinüber zu Heinemanns wandern sah. „Wenn die Beiden zusammen sind, dann sind sie so leicht nicht wieder zu trennen, es müßte denn sein, daß ein Bräuligam Wunder vermöchte; es wundert mich übrigens, daß Fräulein Heinemann so lange nicht bei uns war, sonst kömmt sie doch häufiger." Die beiden jungen Leute verbrachten die Zeit des Alleinseins lustig scherzend; es machte Rüben große Freude, daß sein Freund durch das Glück, welches ihm so unverhofft zu Theil geworden, so heiter gesrimmt war; er wußte, daß seine Schwester an der Seite dieses Mannes einer recht glücklichen Zukunft entgegen sah, wenn Gott seinen Segen zu diesem Bunde gab. Auch dem alten Mann sah man die Freude aus den Augen leuchten; er konnte sich gar nicht satt sehen an den ausdrucksvollen Zügen seines Schwiegersohnes und sah dabei aus, als wollte er sagen: Ich habe Dich jetzt schon von Herzen Ueb, denn es wird meiner Sara wohl ergehen bei Dir, und wenn nun die beiden jungen Leute in ihrem Uebermuth tolle Scherze trieben, dann lachte er laut mit, was schon lange Zeit nicht mehr geschehen war. Das Glück machte ihn zuversichtlich. Er sah in seinen Gedanken auch schon an Rubens Seite eine Frau, wie sie für ihn paßte, und gewiß dachte auch Rüben so ähnlich, sonst würde er wohl nicht so ausgelassen sein. Aber welches Wunder! Da war ja wirklich Sara schon zurück und es war noch nicht einmal eine Viertelstunde, seit sie gegangen? Schon sollte dies Anlaß zu neuen Neckereien geben, als Rüben in Sara's verstörtem Gesicht sah, daß sie irgend etwas Betrübendes erfahren haben mußte, und wirklich sagte sie jetzt, mühsam ihre Thränen verbergend: „Denkt Euch nur, Röschen Heinemann ist seit einigen Tagen todtkrank!" „Diese Nachricht traf sowohl Herrn Cahn, als auch Rüben wie ein Blitz aus heiterm Himmel. Sara konnte gar nicht schnell genug antworten, so viel wurde sie mit Fragen bestürmt. Rüben konnte seine Erregung gar nicht verbergen, so daß es sogar Leo auffiel, wie aschfahl er aussah, und er sah ganz verwundert und fragend, was das Alles zu bedeuten habe, in Rubens Gesicht. Daß Sara sehr verstimmt war durch die plötzliche Krankheit ihrer Freundin, fand er natürlich; Rubens Betragen aber machte ihn stutzig. Eine solche Veränderung konnte Freundschaft allein in diesem Falle nicht hervorbringen. Die Sache begann ihn zu interessiren und er forderte Sara auf, ihm recht viel von der Freundin zu erzählen, sie solle sich nur nicht gleich so trüben Gedanken hingeben, der liebe Gott würde ihr schon wieder helfen. Doch Sara war so leicht nicht zu trösten und ließ den hervorbrechenden Thränen freien Lauf. Rüben aber verließ unter einem Vorwand das Zimmer.

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