Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 31 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 121 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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* — 121 — Es war der alten Dienerin wohl nicht zu verdenken, Wenn sie nach solchen Aeußerungen dem Gedanken Raum ließ, daß sich nun doch noch Alles zuck: Guten wenden könnte. .Es kam ihr sogar vor wie eine Fügung Gottes, daß Röschen so intim mit den Nachbarsleuten werden mußte. Wie oft hatte sich Herr Heinemann in Röschens Abwesenheit schon bei ihr ausgesprochen und ihr geklagt, daß er die Ruhe und den Frieden seines Herzens doch nicht vollkommen wiedergefunden; es käme ihm ordentlich vor wie ein Unrecht, daß er es geduldig annehme, wenn man ihm hier so viel Achtung entgegenbringe und nur der Gedanke, daß er Röschens halber von D. weggezogen könne ihn beruhigen. Vielleicht bescheerte der liebe Gott ihm nun doch noch wahrhaft glückliche Jahre. (Fortsetzung folgt.) Uriel Acosta im Urtheil eines Zeitgenossen. Kürzlich veröffentlichte die spanische Zeitung „El Dia" einen Brief vom 25. Mai 1641, worin ein Zeitgenosse die Geschichte des durch Gutzkow bei uns populär gebliebenen Uriel Acosta vom Standpunkt der jüdischen Orthodoxie aus erzählt. Der Schreiber des Briefes, Daniel Levi de Barrios, gehört einer jüdischen Familie an, welche bei der Wertreibung der Juden aus Spanien die Zwangstaufe erlitt. Daniel (Miguel) Levi de Barrios, ein Krieger, Dichter und Schriftsteller, war etwa 1620 geboren und ist 1685 zu Amsterdam in großer Dürftigkeit gestorben. Er hat sich trotz seiner Eitelkeit und Ruhmredigkeit einer: großer: Namen in der damals dem Schwulste ergebenen Litteratur gemacht. Bedeutender als er aber war der Empfänger seines Brieses, Antonio Enriquez de Gomez (Enriquez de Paz) ein Schauspieldichter, Krieger und Ritter des San Miguel-Ordens. 1600 geboren, wurde er von der Inquisition schwer verfolgt rrnd starb 1660 nach einem bewegten Leben. Der Brief lautet: „Der Frieden und Segen Gottes über das heilige Volk Israel und Juda, wie es in vieljähriger Verbannung über die ganze Welt zerstreut ist. Brüder! Traurig waren meine Schicksale, seit ich Madrid, dem modernen Babylon, entflohen. Ich habe die Ketten der Philister zerbrochen, um meinen Geist mit der Liebe zu den göttlichen Geboten zu erfüllen. Ihr wißt, daß ich die Sitten und Gebräuche der Heiden verabscheute und diejenigen beneidete, welche der Abgötterei den Rücken gekehrt und sich nach den Ländern begeben haben, in denen das Judenthum eine Stätte freier Duldung gefunden. Durch diesen Geist getrieben, richtete auch ich meinen Weg nach Flandern und wurde ein Hauptmann, da ich bereits seit meiner Jugend mit klugem Bedacht die Waffen führte. Dort habe ich auch meine „Allegorien oder Leuchtende Bilder der Ehe" und „Die Krystallwellen der Hippokrene" drucken lassen, Werke, welche sich, ich glaube es sagen zu dürfen, durch schöne Form und Inhalt auszeichnen, so daß selbst die Nichtjuden sie als gut arerkannten und sie oft mit den „Soleaden" des großen Luis de Gougora verglichen. Wahrscheinlich hat unser Bruder Zorobabel Henriquez Euch bereits einzelne Couplets von dem so lehrreichen Hochzeitsgedicht gezeigt. Ich schwöre Euch bei dem Gotte Israels, daß, als ich es in der Akademie des Marquez Torrelagune in Brüssel vortrug, nicht Einer von den Anwesenden, allesamm: erleuchtete Männer, ein einziges Wort des Verständnisses zu flüstern vermochte, gerade als wäre das, was sie gehört, hebräisch. Glaubt mir, es ist keine Anmaßung von mir, wenn ich erkläre, daß meine Gedichte sowohl wohllautender, als auch in Zierlicheren: Stil geschrieben sind, als die von Gongora selbst. Seine Sachen kann man begreifen, wenn man einen Blick in einen Theil der von Don Garcia de Salcedo Coronet ,zusammengestellten Erklärung wirft; die weinigen sind aber so tiefsinnig und umfassend, daß beinahe ein Oedipus dazu gehört, um sie auseinanderzusetzen und aufzuklären. Glaubt jedoch nicht, daß ich mir darauf etwas'einbilde. Unter unserem heiligen Volke giebt es immer noch Andere, die mich weit übertreffen. Ich nenne nur den Doktor Miguel de Silveira. Ein Jammer ist es, daß er seine Wohnung unter den Moabitern und Ammonitern aufgeschlagen hat, mit ihnen sündigt und die Knie beugt vor dem Abgott der Kanaaniter! Wie glücklich würde ich mich schätzen, wäre ich der Verfasser seiner „Makkabäer." Lassen wir jedoch diese Unterhaltung über weltliche Gegenstände, wenn uns Plagen bedrängen, schlimmer als die, welche einst die ungläubigen Aegypter trafen, um das Herz des verstockten Pharao zur Demuth zu zwingen. Tag um Tag werden wir gleich Schafen zur Schlachtbank geführt, und obschon „das Wort des Herrn immer bestehen bleibt", wie der Prophet Jesaias sagt, so dauert es doch lange, ach, sehr lange, bis das fünfte Reich Israel befestigt wird. Lange zaudert der Gott Elohim, das Haupt der Nichtswürdigen zu zerschmettern, erscheinend, wie in uralten Tagen auf dem Hermou, das Kleid von Blut triefend, gleich dem, der das Traubenblut mit seinen Füßen preßt. . . . (Jes. 63, 1.) Bruder, komm' mit mir nach Jakobs Zelten. Du sollst dann wohne:: mit den weisen und ehrwürdigen Männern, den Vertretern der Gemeinde, Parnassim des Kahal Kadosch zu Amsterdam, wohin auch ich zog. den Kriegsdienst verlassend und ablegend meinen Ramm für den des heiligen Propheten Daniel: „Gottes Urtheil". Hier blüht der Gottesdienst, hier giebt es große Gelehrte und Erklärer der Mischnah und des Talmud. Ach! auch bei uns sind Söhne der Gottlosigkeit und richten durch ihren Sauerteig unter der Menge Verderben an. Voller Aufgeblasenheit, Trotz und Hochmuth erscheinen sie, so daß sie wohl erfahren sii:d in profanen Wissenschaften, der Logica, Physica, der Medizin u. s. w., jedoch unbekannt sind mit dem göttlichen Gebot. Nur die beklagenswerthe Geschichte des Einen von diesen will ich Euch mittheilen, der dieser Tage seinen Körper getödtet und seine Seele der ewigen Verdammniß preisgegeben hat. Möge diese Geschichte auch Auch ein lehrreiches Vorbild sein und zur Warnung gereichen. Ihr, die Ihr in Eurer Jugeud durch das Königreich Portugal gereist seid, werdet wahrscheinlich in dem höchstgelegenen Theile der Stadt Oporto ein schön gebautes Haus gesehen haben, das Gabriel de Acosta besaß und das er von seinem Vater geerbt hatte. Derselbe war nicht von altchristlicher, sondern von rein jüdischer Herkunft, sogar aus dem Stamm Levi, den der Herr, nach der Verordnung von Malki- Scdek, zum Priesterthum auserkoren (Ps. 110,4.) Doch war sein Vater, als König Dom Manuel die Juden zur Taufe zwang, aus Furcht abtrünnig geworden und hatte die Gottlosigkeit auch auf seine Kinder ausgedehnt. Uriel da Costa wurde nach Weise der Heide:: erzogen und übte sich öffentlich in Spielen, Reiten, Wettrennen u. s. w. Die Priester seines Landes sorgten für seine streng katholische Erziehung. So lebte er denn auch treu und gewissenhaft den Vorschriften seiner Kirche nach, ängstlich, wie Jemand, der vor der ewigen Verdammniß zittert. Doch wurde sein Geist manchmal von Zweifeln gepackt und es erschien ihm beinahe unmöglich, allen den Vorschriften nachleben zu können. Hierdurch verfiel er in peinliche Unsicherheit und begann an seinem Seelenheil zu zweifeln. Nun wurde er trüb und schwermüthig, und wie groß auch das Opfer ist, wenn Jemand sich von der Religion losmachen will, in der er einmal geboren ist, und die schon in den zartesten Kinderjahren im Herzen Wurzeln geschlagen hat, so vermochte er doch m dem Gottesdienst, dem er anwohnte, keinen Trost zu finden, keine Kraft aus ihm zu schöpfen. Aufmerksam geworden durch den großen Unterschied zwischen chrifilicher und jüdischer Lehre, wiewohl beide behaupten, aus einer und derselben Quelle geschöpft zu haben, machte er das Alte Testament zu semem Hauptstudiuln, und da es seine Ueberzeugung war, daß das Christen-