Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 31 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 120 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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120 — Sache zu erleichtern; das wußte sie wohl, dennoch verlor sie den Muth nicht. Der Geliebte Röschens war so brav und bescheiden, in der Weise wie der Vater konnte sie nicht betrogen werden und das wußte sie ganz bestimmt, daß Rüben Röschen nie heirathen würde, wenn er sie nicht von Herzen lieb hatte, dazu waren diese Leute viel zu rechtschaffen. Darüber aber, daß der Schuhmacher Cahn Röschens Vater als Schwiegersohn nicht willkommen sein würde, war sie seit einigen Tagen andern Sinnes. Sie war zufällig Zeugin einer Unterhaltung zwischen Herrn Heinemann und dem alten Arzte gewesen und hatte da Dinge gehört, die ihr Herz frohlocken machten. Der gute Alte ahnte gewiß nicht, als er auf die Familie Cahn zu sprechen kam, daß er durch das hierdurch entstehende Gespräch seiner Patientin am Ende ebenso viel nützen würde, wie durch seine Arzneien. Er war seit langen Jahren Hausarzt bei den Nachbarsleuten; der alte Mann bedurfte ja so oft der ärztlichen Hülfe; auch vorhin war er wieder drüben gewesen, da Herr Cahn einen bösen Zufall gehabt und nun begann er ein förmliches Loblied auf die ganze Familie. „Wissen Sie auch, wer in meinen Augen einer der reichsten Männer der Stadt ist? Kein anderer, als Ihr kranker Nachbar, der Schuhmacher Cahn da drüben! Der hat ein Glück, das oft dem Reichsten und Angesehensten vorenthalten ist; ich meine, er hat gute Kinder und durch diese, trotz seines Leidens, ein schönes Alter. Es steckt viel Segen in dem unscheinbaren Häuschen. Ich hatte ihn immer lieb, den bescheidenen, alten Mann; aber einen solchen Adel der Gesinnung hätte ich doch nicht hinter ihm vermuthet, wie ich ihn kürzlich an ihm entdeckt habe. Das kann ich Ihnen sagen Herr Heinemann, wenn cs viele solcher Juden gäbe, dann würden die Klagen über das „Risches", wie/Sie es wohl nennen, welches wir Christen gegen die Judeü habell sollen, doch seltener werden. Ich glaube ja gerne, daß das angeborene Borurtheil nie ganz zu vertilgen sein wird, aber das müssen Sie doch auch zugestehen, daß sich die Juden der Neuzeit gerade nicht sehr bemühen, sich die Achtung der andern Nationen zu erringen; ihr Hauptstreben ist das Geld, und wie Herr Cahn sagt, ist es das Ziel des Judenthums, daß seine Bekenner als ein Vorbild für alle andern Völker dastehen sollen. Ich machte ihm Vorwürfe darüber, daß er seinen Sohn, trotz seiner hohen musikalischen Begabung, habe einen Schuhmacher werden lassen. Darauf antwortete er mir, daß dies auch nur aus Liebe zu seinem Volke geschehen sei; er habe nun einmal die Ansicht, daß es viel besser für seine Glaubensbrüder wäre, wenn sie sich dem Handwerk mehr zuwendcten. Die Inden können nichts als Handeln und Schachern, diesen Vorwurf muß man alle Tage hören, und gerade diese beiden häßlichen Worte haben mir zum Glück verholfen. Wenn es Sie interessirt, erzähle ich Ihnen einmal meine Lebensgeschichte. Ich bat den Alten natürlich darum und will Ihnen nun, da ich bestimmt weiß, daß es Ihnen Freude machen wird, getreulich berichten, was ich gehört." „Er begann also: Ich bin der Sohn eines armen, jüdischen Hausirers, habe aber leider weder meinen Vater, noch meine Mutter gekannt, sie sind beide früh gestorben. Der Vater soll sich von seiner Wanderschaft den Typhus mitgebracht haben und diese Krankheit hat mir meine Eltern und Geschwister geraubt. Ziemlich mittellos standen nun meine beiden ältesten Schwestern und ich da; ein weitläufiger Verwandter meiner seligen Mutter ward unser Vormund. Ein großes Glück war es, daß meine Schwestern von der seligen Mutter zur Arbeit angehalten waren und hauptsächlich sehr schön nähen konnten. Sie beschlossen, sich diesem Beruf vollkommen hinzugeben, was ihnen auch glückte. Für mich sorgten sie allezeit mütterlich. Die Jüngere ging nie mit in andere Häuser zum Nähen, sondern arbeitete meinetwegen stets zu Hause. Ich erinnere mich noch sehr gut, daß ich oft, wenn sie dasaß und emsig nähte, mir ein Schemelchen herbeiholte und mich zu ihr setzte, um mir etwas von ihr j erzählen zu lassen, was sie auch stets mit der größten Geduld that- Später, als ich zur Schule kam, sah sie mir meine Arbeite» durch und half mir dabei, wenn es gar nicht mehr weiter wollte. Aber auch Din a, meine älteste Schwester, war sehr gut gegen mich; wenn sie Abends vom Nähen kam, hatte sie stets eine kleine Ueberraschuna für mich, worüber ich dann immer hocherfreut war. Düt andern Schulkindern verkehrte ich nur wenig; die Besseren unter ihnen achteten mich ärmlich gekleideten Jungen nicht und die Anderen waren mir zu schmutzig und wild. Es gefiel mir überhaupt am Besteu zu Hause und ich hatte gar kein Verlangen darnach, mich draußen herumzutummeln. Jüdischen Unterricht gab mir mein Vormulld; einen Lehrer konnte die hiesige Gemeinde damals noch nicht besolden, es wohnten nur einige Familien hier. Die Gassenjungen neckten mich häufig, wenn ich so still meines Weges ging, sie konnten es ja auch nicht ahnen, wie gemüthlich es zn Hause war; sie mochten ihr Heim wohl nicht Alle so antreffen, wie ich. Eines Tages kam ich ganz aufgeregt nach Hause und rief meiner Schwester zu: „Weißt Du, Hannchen, was ich werden will, wenn ich groß bin? — ein Schuhmacher!" Die lachte hell auf und frug mich, wie ich denn plötzlich auf diesen Gedanken gekommen sei. Nun erzählte ich ihr, was die Anregung zu diesem Entschluß gegeben hatte. Ein paar Schuljungen unterhielten sich heute, da der Lehrer etwas länger, als gewöhnlich ausblieb, davon, was sie eininal später werden wollten. Da fragte mit einem Male auch einer: „Nun, Jtzigchen, wie ist's mit Dir? Nix zu schachern, nix zu handeln, nicht wahr? Was kann ein Jüdchen wohl anderes werden wollen!" Dabei schnitt er Grimassen, rückte die Mütze schief auf den Kopf und die ganze Klaffe brach zum Lohn und zur Anerkennung dieses Witzes in ein schallendes Gelächter aus. Ich war außer mir, von solch' schmutzigen, dummen Jungen sollte ich mich verspotten lassen! Aber sie sollen's sehen, Hannchen, daß ein „Jüdchen" gerade so gut ein anständiger Handwerker werden kann, wie sie auch, deshalb will ich Schuhmacher werden, wie drüben Kaisers; mit dem will ich in die Lehre gehen, der hat mich noch nie ausgelacht und gespottet, der ist immer gut gegen mich und wir haben es uns auch schon verabredet. Daß ich gehalten habe, was ich mir vorgenommen, das wissen Sie ja; wieviel Kämpfe es mich aber gekostet hat, meinen Entschluß durchzuführen, darüber könnte ich noch tagelang erzählen." Hier wurde der Arzt in seiner Erzählung unterbrochen; er schien in seinem Eifer ganz vergessen zu haben, daß Röschen Heinemann nicht seine einzige Patientin sei, und so gern er noch weiter geplaudert hätte, mußte er doch jetzt der Pflicht gehorchen, er wurde bei einem Kranken dringend gewünscht. Herr Heinemann saß noch lange Zeit, nachdem Herr Dr Werner sich entfernt, wie in Gedanken versunken da, dann sagte er plötzlich: „Höre, Recha, ich möchte unserem alten Nachbar da drüben auch einmal einen Besuch machen; , so bald Röschen mit Gottes Hülfe wieder ganz hergestellt ist, soll dies mein Erstes sein. Hast Du nicht gehört, wie Dr. Werner sagte, daß das Betragen der Juden nicht dazu angethan sei, ihnen mehr Achtung zu verschaffen. Solche Worte thun mir allemal doppelt weh. Ich habe und werde cs nie vergessen, daß ich mich an meinem Volke versündigt habe, doch so viel ich mich bis jetzt auch bemüht, das Unrecht wieder gut zu machen, fühle ich mich doch noch immer nicht befriedigt; es ist mir immer, als könnte ich meinem Volke noch in irgend einer Weise Segen bringen, und da will ich mir nun da drüben Rath holen. Ich werde mich dem guten Alten gänzlich anvertrauen; wer so wie dieser schon als kleiner Junge gewußt hat, was er will, und im Leben das, was er als das Rechte anerkannt, getreulich gehalten und erkämpft hat, ein Mann, der so viel Interesse für seine Nation an den Tag legt, der wird auch wissen, wo ihr Hülfe Noth thut."