Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 31 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches utUiri-f J#// Herausgegeben von Dr. M. Rahmer in Magdeburg. Inhalt Die Tochter des Wucherers. Von Henriette Katz. (Fortsetzung). — Uriel Acosta im Urtheil eines Zeitgenossen. — Lyrische Proben von Albert Rosen bäum in Cassel, m. Im Garten. Allerlei für den Familientisch: Blond und brünett. 4 — Kleine jüdische Charaeterzüge. — Räthsel-Aufgaben und Räthsel-Lösungen. — Die Tochter des Wucherers. 5) Von Henriette Katz. V. „Es ist ewig schade, Rosel, daß Du gestern Abend nicht zum Vortrag warst; gerade das Thema, welches Herr Dr. Joachim besprochen, würde für Dich von großem Interesse gewesen sein. Ich mußte deshalb auch häufig an Dich denken und habe Dich säst ebenso sehnsüchtig herbeigewünscht, wie ein gewisser Herr, der lange Zeit seine Blicke nur nach der Thür gerichtet hatte und der es nicht zu begreifen schien, daß Alle kamen und nur die nicht, die er so gern gesehen hatte. Rosel, ich habe ihm damals doch Unrecht gethan, ich weiß es jetzt ganz sicher, daß er Dich und nicht Dein Geld begehrt, und daß es schwerlich einen glücklicheren Menschen geben kann, wenn er auf Gegenliebe hoffen darf. Kannst Dich einstweilen auf seinen Antrag gefaßt machen! — Aber was ist denn das? Ich hatte mich so darauf gefreut, Dir diese Botschaft bringen zu dürfen, weil ich sie für eine sehr erwünschte hielt und nun gehst Du so gleichgültig neben mir her, als spräche ich mit Dir das langweiligste Zeug; daß Du mir vor Freude in die Arme sinken und laut aufjauchzen würdest, hätte ich viel eher erwartet. Aber gehe doch nicht so gar stumm neben mir her, es beängstigt mich fast! Sag', bist Du krank, Rosel, oder was hast Du sonst? Doch nicht etwa das Herzchen schon verschenkt? So was hätte ich doch auch schon gemerkt; sag', darf er kommen?" Statt aller Antwort lehnte Röschen ihren Kopf an Minni's Schulter und begann bitterlich zu weinen. Wie lieb wäre es ihr jetzt gewesen, wenn Minni mit ihrer früheren Vermuthung, daß Herr Dessauer sie des Geldes halber verehre, Recht gehabt hätte. Es that ihr leid, daß sie dem jungen Mann so wehe thun mußte und daß sie vielleicht durch ihr früheres Benehmen gegen ihn selbst dazu beigetragen habe, daß er an ihre Gegenliebe glauben konnte. Aber kommen durste er doch nicht, das mußte sie der Freundin sagen. Ihr Geheimniß aber konnte sie ihr noch nicht anvertrauen; erst mußte sie mit dem Vater darüber gesprochen haben. Minni hatte auch Erbarmen mit Röschens abgehärmtem Gesicht; sie drang nicht weiter mit Fragen in sie ein; es mußte doch auch ein arges Weh sein, das ein sonst so vergnügtes Geschöpf dermaßen verstimmen konnte. Sie dachte auf dem ganzen Nachhauseweg an den armen Deffauer, dem sie eine frohe Botschaft gegönnt hätte. Denn daß aus dieser Sache nichts werden konnte, hatte sie wohl bemerkt, wenn ihr auch das Warum unerklärlich war. Herr Heinemann war zu Tode erschrocken, als beim Mittagstisch Röschen wieder nicht erschien und Recha ihm die Mittheilung machte, daß sie ganz erschöpft von ihrem Spaziergang nach Hause gekommen fei und sich direkt wieder habe zur Ruhe legen müssen; er eilte sofort zu ihr hin und Recha ward zum Arzt geschickt. Röschen war wirklich krank, sie hatte starkes Fieber. Ihr zarter Körper war den Aufregungen der letzten Tage nicht gewachsen und mit großer Sorge blickte Herr Heinemann auf sein einziges Kind, die Freude seines Alters. Er wich Tag und Nacht nicht von ihrem Lager. Der Arzt machte ein so bedenkliches Gesicht. Ach, wenn ihn doch der liebe Gott nicht noch so hart strafen wollte! Hatte er denn noch immer nicht genug gebüßt für sein Vergehen? Und wenn er selbst auch vielleicht des Glückes nicht werth war, ein solch' braves, schönes Kind zu besitzen, dann möge er doch Erbarmen haben mit dem lieben, unschuldigen Geschöpf, daß sich seines Lebens immer so herzlich gefreut und so dazu geschaffen war, Andere zu beglücken und zu erfreuen. Wenn er bedachte, wie so viele Menschen leben und alt werden, die nur sich und ihrem Genuß lebten, die nichts beseelte, als der Egoismus, und dieser unschuldige Engel, dessen ganzes Sinnen und Denken darin bestand, der Liebe zu leben, der reinen, hingebenden Liebe; solch ein Wesen sollte so früh dahinwelken! Nein, das konnte nicht Gottes Wille sein! Aber was war denn das für ein Name, den Röschen in ihren Fieberphantasien so oft und stürmisch ausrief r „Rüben, Rüben!" Er fuhr manchmal ganz erschrocken in die Höhe. Wer von ihren Bekannten hieß denn nur so? Er sann und sann, aber es fiel ihm Niemand ein. Vielleicht phantasirt sie von irgend einer Geschichte, die sie einmal gelesen. Die alte Recha aber wußte es besser, wer damit gemeint war; auch sie saß eines Morgens lange an Röschens Bett; der Arzt hatte die Kranke soeben verlassen und versichert, daß sie aller Gefahr enthoben sei. Herr Heinemann und die gute Alte waren wie erlöst und nun hatte es auch Recha so weit mit Herrn Heinemann gebracht, daß er sich einige Stunden Ruhe gönnte; sie selbst aber arbeitete an einer glücklichen Idee: sie wollte Röschens Fürsprecherin sein! Das stand jetzt fest bei ihr, wenn Röschen wieder hergestellt war, sollte ihr die Einwilligung ihres Vaters entgegenbracht werden. Sie verhehlte sich jedoch durchaus nicht, daß es schwere Kämpfe kosten würde. Herr Heinemann hatte es ja vor Jahren an sich selbst erfahren, daß es nicht immer gut ist, nur dem Zuge seines Herzens zu folgen. Er hatte weder auf seine Eltern, noch auf den guten Rath seiner Freunde gehört, als man ihn warnte. Das schöne Mädchen hatte es ihm angethan, und wenn nun auch Alle behaupteten, daß ihr Charakter nicht so schön wie ihr Gesicht sei, er fand nur Tugenden an ihr. Die Liebe hatte ihn blind gemacht. Daß die schöne Mathilde ihm nur aus Ehrgeiz Liebe geheuchelt, das hatte er nie geahnt und erst erfahren, als es zu spät war. Sie sagen ihr das Alles nur nach, weil sie arm ist;, so dachte er immer bei sich, wenn man ihm Uebles von ihr erzählte; ich soll heirathen wie die andern Alle nach Vermögen; aber ich will dennoch gegen den Strom schwimmen.. Und nun war er dennoch betrogen worden! Diese traurigen Erfahrungen des Herrn Heinemann waren gerade nicht dazu angethan, der alten Recha ihre