Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 30 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 117 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 117 — sterblichen Hülle ein mächtiger Trauerzug zu Grabe folgte, um ihr die letzte Ehre und die letzte Liebe zu erweisen, — nnd wieder steht heute eine zahlreiche Versammlung vor dem Granitdenkmal versammelt, welches den späten Geschlechtern Zeugniß und Kunde von der Bedeutung desselben Mannes geben soll, dessen Name in Colberg wohl nimmer vergessen werden wird. Noch steht das Denkmal verhüllt vor unseren Augen; noch ein Paar Augenblicke und die Hülle fällt, und vor nnserm Blicke erhebt sich ein schlichter, aber wetterfester, wetterbeständiger Stein, um zu zeugen ebenfalls von einenr geraden und schlichten Mann, dessen edler Charakter nicht minder als fest und beständig sich erprobt und bewährt hat gegen jeden Sturm der Leidenschaft, gegen jede Anfechtung des Lebens; — ein Stein, dessen schmucklose Inschrift in Mitten unserer festlich prangenden Münde, der herrlichen Schöpfung, die zum großen Theil seiner rastlosen Arbeit ihr Dasein verdankt, künden wird, daß er errichtet ift, um aufopfernde Bernfstreue, edle Menschenfreundlichkeit und echte Bürgertugend zu ehren unb zu verherrlichen. Hochansehnliche Versammlung! In einem uralten Buche findet sich das bemerkenswerthe und denkwürdige Wort: „Edlen tugendhaften Männern braucht man kein Denkmal zu errichten; ihre Worte und Werke sind Denkmäler, die nimmer verwittern, nimmer zusammenbrechen und zusammenstürzcii." Denkmäler von Stein und Erz können verwittern, vom Zahn der Zeit benagt oder von der Gewalt der Naturmächte umgestürzt und zerschmettert, ihre Inschriften von der Hand der Jahrtausende verwischt oder unleserlich gemacht werden. Aber Eines giebt es, das wetterfester ist als Stein und Erz, das unverrückbarer steht als Granit und Eisen: Es ist die Erinnerung an die Verdienste guter und edler Menschen. Nein! Die Denkmäler eines edlen Geistes verwittern nicht; die Sprache und die Schrift, die der Finger Gottes auf die Tafeln guter und edler Herzen gegraben, die verstummt nicht und wird nimmer verwischt. Systeme stolzer Denker der Vorzeit sind in Trümmer gegangen und der Vergessenheit anheimgefallen; zahllose Altäre vergötterten Wahnes sind cingestürzt; mächtige Throne sind vom Erdball verschwunden; — aber was ein guter edler Geist gewirkt, was ein menschlich fühlend Herz erstrebt und erzielt, das ist noch nie verwittert und zusammengestürzt, das hat eine dankbare Menschheit noch zu jeder Zeit festgehalten, zum ewigen Gedächtniß mit dent Griffel der Geschichte und der spätesten Nachwelt dankbar aufbcwahrt. Nein! nicht Prachtgewölbe, nicht Marmorsteine, die mit prunkenden Inschriften weithin das Lob und den Ruhm des Menschen künden, sondern die Treue in unserem Lebensberufe, die Thräne der Liebe und Barmhcrzigkeit und echte wackere Bürgertugend sind und bleiben eimg; die Namen der Wohlthäter der Menschheit sind und bleiben unsterblich, und jeder, in dessen Adern auch nur ein Tropfen ihres Blutes rollt, hat das Recht > adelsstolz zu sein; denn, wie der weise Spruchdichter sagt: „Das Gedächtniß der Frommen wirket ewig fort zum Segen!" Und so wird auch der Name Hirschfcld unter uns fortlebcn, nicht weil wir aus Dankbarkeit ihm heute ein Denkmal aus wetterfestem Stein errichtet haben, auf dem schlicht und einfach seine Verdienste um uns, um seine Mitbürger, um diese ganze Stadt eingegraben stehen, nicht weil sein Name auf diesem Stein mit goldenen Buchstaben weithin leuchtet, — sondern weil er durch seine aufopfernde Berufstreue, seine edelherzige Menschenfreundlichkeit, durch seine leuchtende echte Bürgerlugend sich selbst einen unsterblichen Zeugen seiner Verdienste, ein wetterbeständiges und w tterfestes Denkmal seines segensreichen Wirkens gesetzt hat. Sein sterblicher Leib, der unter uns Sterblichen einst über diese Erde gewandelt, ist gestorbcir; aber sein Geist, seine unendliche Liebe zu seinen Mitmenschen, die Dankbarkeit seiner Mitmenschen gegen ihn ist nicht gestorben. Seine Gattin, mit der er Freud und Leid des t Lebens redlich getheilt, — seine Kinder, die er wie der Adler seine - Jungen auf seinen Flügeln über alle Gefahren und Abgründe des Lebens hinweggetragen, — die Unglücklichen, die Müden und Beladenen, , ' deren Noch er gelindert, deren Schmerzen er gestillt, deren Thränen er getrocknet, deren Last und Bürde er getragen, — seine Freunde, denen er ein guter, lieber, treuer Freund gewesen, — seine Berufsgenossen, denen er als Muster und Vorbild in der Ausübung seines ärztlichen L Berufes vorangeleuchtet, — seine Mitbürger, denen er, jedem einzelnen wie insgesammt, das rechtmäßige Erbe an seinem Geist und Herzen ^^unverkürzt und ungeschmälert gegeben, — wir alle haben uns in dieser ^^Stunde um dieses verhüllte Denkmal geschaart und wir alle gedenken [ sein in unsterblicher Dankbarkeit und Liebe und rufen andächtig die Hände faltend das Wort der Schrift: „Das Gedächtniß dieses Frommen wirket ewig fort zum Segen!" — Und das Gefühl dieser Dankbarkeit I und Liebe, das er in nnserm Herzen entzündet hat, — die edlen Gef\ danken, die er in unserer Brust hat angeregt, die mannigfachen | Schöpfungen, die er ins Leben gerufen und zu denen er uns veranlaßt, I das schöne Beispiel, das er uns gegeben hat, — das alles ist ein I Denkmal, das er selbst in unserm Herzen anfgerichtet hat, und dieses f Denkmal reicht über gewöhnliche Durchschnittshöhc hinaus und seine l glänzende Inschrift wird noch von späten Geschlechtern gelesen werden I mit Andacht, Rührung und Dankbarkeit. | Hochansehnliche Festversammlung! Nicht nur den Todten ehren I wir, indem wir ihn ein öffentliches Denkmal setzen, wir ehren damit I auch uns selb st. Denn der Stein, von dem jetzt die Hülle fallen spll, I er ist und bleibt auch ein Merkstein, ein Wahrzeichen für die tiefe Dank- I barkeit, die uns belebt und beseelt, indem wir damit Zeugniß vor Gott I und Menschen oblegen wollen, daß wir des Entschlafenen und seiner I Tugenden eingedenk sein und bleiben, daß wir seine Verdienste um uns » nicht vergessen, daß wir seinen Namen stets ehren wollen, weil er in Worten und Werken uns ein hochragendes Denkmal seiner hochherzigerr Gesinnung hinterlassen hat. Indem wir den ehren, aus dessen Hand wir so viele Wohlthaten empfangen haben, ehren wir uns selbst, unsere Stadt, unser Volk, ehren wir die menschliche und die göttliche Würde in jedem Menschen überhaupt. Indem wir ihn ehren, ehren wir uns selbst und geben laut und mächtig Zeugniß davon, daß er Bein von unserm Bein und Fleisch von unserm Fleisch, aber auch Geist von unserm Geist, daß seine Größe und Tugend nur ein winziges Theil der Größe und Tugend des ganzen Menschengeschlechtes gewesen; daß der edle Bürgergeist, der ihn beseelt hat, kein anderer gewesen, als ein Ausfluß jenes großen Geistes und Bürgersinns, der zu jeder Zeit ColbergS Bürgern innc gewohnt, Colbergs Geschichte ruhmreich gemacht und seinen Namen mit ehernem Griffel eingegraben hat in die Jahrbücher unseres großen theuren Vaterlandes; ein Ausfluß jenes Geistes, der in den Mauern unserer Stadt und auf den blutgetränkten Feldern um Colberg .in schwerer hartbedrängter Zeit Großes und Unsterbliches geleistet und gewirkt hat. Indem wir ihn ehren, ehren wir auch uns selbst und geben laut Zeugniß davon, daß in Colbergs Bürgern und im Schooße seiner Behörden jener edle unsterbliche Geist lebt, der im Menschen nur den Menschen schätzt und achtet, nach der prophetischen Mahnung der Schrift: „Haben wir nicht alle Einen Vater, hat uns nicht alle Ein Gott geschaffen." Wir setzen dem Sanitätsrath vr. Hirschfeld dieses Denkmal, um sein Wort und Werk zu ehren, aber auch um in ihm uns selbst ein Wahrzeichen für unsere Dankbarkeit, einen Merkstein für unser eigenes Thun zu setzen. Sein Andenken wollen wir damit ehren, aber gleichzeitig uns selbst damit mahnen, dieselben Wege zu wandeln, die er gewandelt, den Geist, der ihn beseelt hat, unter uns und unfern Kindern nicht aussterben zu lassen, sondern mit Wärme und Liebe zu hegen und zu Pflegen, daß wir wie er leben und streben mit gleicher aufopferungsvoller Bernfstreue, mit gleicher selbstloser Menschenfreundlichkeit und echter unverfälschter Bürgertugend! Das walte Gott!" Darauf übergab Herr von Buggenhagen das Denkmal in das Eigenthnm der Stadt Colberg mit der Bitte dasselbe pflegen und in Ehren halten zu wollen. Herr Stadtbaurath Bachsmann erwiderte mit folgenden Warten: „Im Aufträge des Magistrats hiesiger Stadt übernehme ich biermit das dem verstorbenen Sflaitätsrath Dr. Hirschfeld errichtete Denkmal und darf ich versprechen, daß die Stadtgemelnde dieses Denkmal, welches Liebe und Dankbarkeit entstehen ließeit, mit Treue überwachen und erhalten wird. Untdr den Klängen des Chorals: „Allein Gott in der Höh' fei Ehr", fiel darauf langsam und feierlich die Hülle von dem, wie schon erwähnt, nach dem Entwurf und unter der Leitung des Stadtbauraths Bachs mann in der Werkstatt des Herrn Krutschke hlerselbst gefertigten Denkmals, welches sich in seiner einfachen Schönheit, umgeben von Blumen- und Pflanzeltschmuck den Blicken der Anwesenden darstellte. Dasselbe besteht aus einem 12 Fuß hohen Obelisken aus polirtem Syenit, dessen dunkel glänzende Flüche sich wirksam von den Hellen gestockten Siinsen abhebt. Auf der Vorderseite steht die Inschrift: Sanitätsrath Dr. HIRSCHFELD zum ehrenden Angedenken. Dem aufopfernden Arzt und Menschenfreunde, dem hochverdienten Mitbürger gewidmet von seinen Freunden und Verehrern. Auf der Rückseite bcfiubet sich das Datum der Enthüllung : Errichtet am 8. Juli 1886. Alsdann ergriff namens der Angehörigen des Gefeierten Herr Rechtsanwalt Dr. M a n ll - Stettin das Wort: „Hochverehrte Festversammlung! Tiefbewegten Herzens, bis ins Innerste ergriffen" von den innigen Worten der Anerkennung, der Liebe und Freundschaft, welche dem Entschlafenen, meinem Schwager, gewidmet waren, drängt es mich, im Namen der Hinterbliebenen allen denjenigen, die mitgewirkt haben an der Er-' richtung diesen hehren Ehrendenkmals den gebührenden Dank auszusprecheu. Wohl ist es wahr, daß der Heimgegangene viel geleistet, daß sein Wirken und Schaffen bleibende Spnren hinterlassen hat, aber auch seine, des Einzelnen Thätigkeit konnte nur gedeihen im Kreise von Genossen, die selbst von edlen Anschauungen beseelt und belebt, der Humanität treue Diener waren. In dem Gemeinwesen Colbergs hat es von jeher