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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 30 (1886) · p. Seite 116

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
30 (1886)
Date
1886-01-01
Page
Seite 116 (sequence 2)
Language
German
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116 „Und weshalb bangt es Dir denn so sehr dafür, dem Vater Deine Liebe zu Rüben zu gestehen? Nicht wahr, doch nur, weil er ein Schuhmacher ist? Ich weiß es wohl, daß an dem Menschen kein Makel ist und, trotzdem Dein Vater jeden ehrlichen, braven Arbeiter hochschätzt, glaube ich doch kaum, daß cs ihm einerlei sein wird, aus welchem Stande sein zukünftiger Schwiegersohn ist. Dennoch möchte ich Dir rathen, dem Vater Dein Geheimniß so bald als möglich anzuvertraucn; vielleicht wäre es doch möglich, daß er einwilligte. Rüben könnte ja sein Talent ausbilden; das dürfte wohl der einzige Weg sein, der einmal zu Eurer Verbindung führen könnte." „Noch weiß ich nicht bestimmt, ob Rüben meine Liebe erwiedert; ich ahne es nur. Jeder Ton des schönen Liedes, womit er mich gestern erfreut, rief es mir zu; ich selbst bin es mir seit jener Stunde erst recht bewußt geworden, was ich für ihn empfinde und dann auch wieder, als mir der Vater zu verstehen gab, daß er es gerne sähe, wenn ich mich mit Herrn Dessaner verlobte. Klar und deutlich stand mir da mit einem Male Rubens Bild vor Augen, als wollte er mir zurufcn: „Du darfst mich nicht unglücklich machen; ich liebe Dich viel inniger, als jeder Andre!" Ich weiß es nun, daß ich nie in meinem Leben einem Andern angehören darf. Wie oft habe ich mit meinen Freundinnen über diese oder jene alte Jungfer gesprochen und der Gedanke, auch einmal eine solche zu werden, hat durchaus nichts Verlockendes für mich; aber Du darfst es glauben, liebe Recha, aller Spott der Welt dünkt mich leichter zu ertragen, als nut Rubens Bild im Herzen einem Andern meine Hand reichen, das werde ich nie über mich gewinnen." Die Beiden waren so vertieft in ihre Unterhaltung, daß sie es ganz überhörten, daß schon verschiedene Mal ange« klopft worden war. Minnl Nordwald wollte Röschen zu einem Spaziergang abholen. Sie stand nun schon lange vor der Thür des Schlafzimmers; jetzt riß ihr doch die Geduld; sie hörte die Freundin so deutlich sprechen; wahrscheinlich wurde ihr Klopfen überhört und hier in einem dumpfen Zimmer wollte sie den schönen Morgen doch nicht zubringen. Jetzt sollte das Prahl- Hänschen, das immer die Früheste unter ihnen sein wollte, einmal tüchtig ausgelacht werden. Hastig öffnete sie die Thüre und schon war sie im Begriff, ihr Spottlied anzustimmen, als sie ein Blick auf Röschens bleiches Gesicht verstummen ließ. Aber bald hatte sie sich von ihrem Schreck erholt; wenn die Freundin in ihr erstauntes Gesicht blickte, mußte sie sich wohl für arg krank halten; deshalb ging sie in ein munteres Geplauder über. „Das ist also unsere frühe Rosel! Nun, da mußt Du doch Respekt vor mir haben, ich sitze nun schon eine halbe Stunde in Eurem Zimmer und denke schließlich: am Ende ist die Rosel mit ihrem Väterchen ausgeflogen, bis ich endlich h.er im Zimmer plaudern hörte; jetzt beeile Dich nur, einen so herrlichen Morgen im Zimmer zuzubringen, wäre Sünde, und wenn Du erst weißt, was ich Dir zu sagen habe, dann werden Deine heute etwas bleichen Wangen schon wieder rosig werden! Hast keine rechte Laune; aber es hilft Dir heute nichts, Du mußt mit." Alles Sträuben von Röschens Seite war nun auch wirklich vergebens; sie gab schließlich nach. Minni schien heute ganz besonders gutgelaunt zu sein; sie ward es nicht niüde, zu scherzen und zu erzählen, trotzdem sie von Röschen nur wenig und dann sehr einsilbige Antworten bekam. Es dauerte auch ewig lange, bis sie sich zum Spaziergang gerüstet hatte, so daß Minni's: „Gottlob, daß ich Dich endlich so weit habe," sehr berechtigt war. Darin aber, daß sie geglaubt, daß der schöne Frühlingsmorgen auf die Stimmung ihrer Freundin schon einen guten Einfluß üben würde, hatte sich Minni doch geirrt. Wäre es draußen trübe und regnerisch gewesen, vielleicht hätte das Röschen jetzt wohler gethan. Sie stimmte nicht mit ein in die Freude, womit alle Wesen draußen in der Natur das Frühjahr zu begrüßen schienen und noch gestern Morgen hatte sie sich so glücklich gefühlt und gewähnt, daß ihr doch gar nichts zu wünschen übrig bliebe. Minni entging es durchaus nicht, daß ihre Freundin litt, sie glaubte aber die Ursache zu kennen und hoffte, daß das, was sie ihr jetzt offenbaren wollte, ganz dazu angethan sei, sie umzuwandeln.___ (Fortsetzung folgt.) Die Enthüllung des Hirschfeld-Denkmals in ßotverg am 8. Juki 1886. Die Enthüllung des Denkmals für den verstorbenen SanitätSrath vr. Hirschfeld fand gestern Nachmittag unter sehr großer Betheiligung der Bevölkerung, sowie der Gäste statt, welche von der Liebe und Verehrung, deren sich der Verewigte in den weitesten Kreisen erfreute, aufs neue ein lebendiges Zeugniß ablegte. Auch die Kollegen des Gefeierten. Vertreter des Magistrats und der Stadtverordneten, der Geistlichkeit und der Spitzen der Behörden waren der Einladung gefolgt. Eingeleitet wurde die Feier durch den Krönungsmarsch aus dem Propheten, alsdann ergriff der Vorsitzende des Komitvs, Herr von Bugen Hagen, das Wort zu folgender Ansprache: „Hochgeehrte Versammlung! In festlich gehobener Stimmung haben wir uns an dieser Stätte öereiitt, um mit dankbarem Herzen daS Andenken eines Mannes zu ebren, der in hingebender Liebe für die leidende Menschheit, so treu und rastlos gewirkt und der uns allen so werth und theuer war. Der SanitätSrath vr. Hirschfeld, der in Colberg über ein Menschenalter als Arzt und Menschenfreund tpätig gewesen, schied am 17. Juni 1885 zum tiefem Schmerz der Seinen auS diesem Leben; aber kaum waren seine Augen geschloffen und ihm in unseren, und anderen Blättern ein ehrender Nachruf gewidmet, als sich auch schon der Wunsch Bahn brach, das Andenken an den Dahingeschiedenen auch für die kommenden Geschlechter wach zu erhalten! Es trat daher bereits am 30. Juli v. I. ein Komitv zusammen, welches einen Aufruf erließ und die Verehrer des Verstorbenen aufforderte, Beiträge zn einem Denkmal für den Heimgegangenen beizusteuern. Der Ausruf übte überall wie sich erwarten ließ, die gewünschte mächtige Wirkung auS und von Nah und Fern, von Reich und Arm strömten dem Komitv oft recht reiche Gaben zu der Errichtung eines Deiikmals zu. Das Komitv konnte nunmehr ungesäumt zur Ausführung des gesagten Planes schreiten. Erlassen Sie mir gütigst, auf die Verhandlungen in den Sitzungen näher elnzugehen und gestatten Sie mir nur anzuführen, daß nach sorgfältiger Prüfung der vorgelegten Entwürfe einmüthig beschlossen wurde, den hiesigen Sleininetzmeister Herrn Krutfchke zu beauftragen, das Denkmal nach dem gelungenen Entwürfe des Stadtbauraths Herrn Bachsmann und unter dessen Leitung anzufertigen. Inzwischen waren mit den städtischen Behörden darüber Verhandlungen gepflogen, auf welchem Platze das Denkmal eine Stelle finden, und daß dasselbe ln das Eigenthum der Stadt übergehen sollte. Nachdem diese Verhandlungen einen für alle Thecke befriedigenden Abschluß gefunden, sind mir heute in der glücklichen Lage, das Denkmal, zu enthüllen und den städtischen Behörden zu Übergebell. Für a U e Zeiten wird dies Gebilde aus Künstlerhand Zeugmß dafür ablegen, wie Colbergs Bewohner den aufopfernden Menschenfreund und hochverdienten Mitbürger dankbar zu ehren wissen und kommende Geschlechter anspornen, sich gleicher Ehren theilhaftig zu machen." Nachdem der Redner geendet, hielt der Prediger Dr. Goldschmidt die nachfolgende Festrede: i„H och an sehnliche Fest v er ja mm lunq! Kaum ist ein Jahr verflossen, seitdem dort drüben in jenem schlichten Hause, der Stätte seiner segensreichen Wirksamkeit, sich das Auge eines edlen Mannes zum letzten Schlafe geschlossen und seiner

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