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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 30 (1886) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
30 (1886)
Date
1886-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Jüdisches Herausgcgebcn von l)r. M. Nahmen in Magdeburg. Inhalt: Die Tochter des Wucherers. Von Henriette Katz. (Fortsetzung). — Die Enthüllung des Hirschseld-Denkmals in Colberg am 8. Juli 1886. — Lyrische Proben von Albert Rosen bäum in Cassel. II. Am Meere. — Räthsel-Aufgaben und Räthsel- Lösungen. — Die Tochter des Wucherers. * Von Henriette Katz. IV. Röschen Heinemanns Geburtstag endete nun doch lange so vergnügt nicht, als er begonnen. Sie lag noch lange Zeit wach im Bett. Es war auch gar zu vielerlei auf sie eingestürmt. Die verschiedenartigsten Bilder zogen an ihrem geistigen Auge vorüber! Bald machte ihr die Armuth der Familie Peters zu schaffen; den Leuten mußte geholfen werden; das sollte das Erste sein, was sie mit dem Vater besprechen wollte! Dann waren es wieder des Vaters Worte von heute Abend, die ihr zu denken gaben. Er hätte also gerne Herrn Dessauer zum Schwiegersohn gehabt; konnte sie ihm wohl diesen Wunsch erfüllen? Nein, nein, es wäre nicht möglich! Und gerade die Ursache, weshalb es nicht möglich sein konnte, regte sie noch am Meisten aus. Mitternacht war längst vorüber, als Röschen endlich einschlief. Am andern Morgen erzählte die alte Recha ihrem Herrn, daß das Fräulein sehr unruhig geschlafen habe; sie wolle sie deshalb nicht so früh wie gewöhnlich wecken und er müsse deshalb wohl seinen Kaffee einmal allein trinken. „Wahrscheinlich hat sie der Vortrag des Herrn Dr. Joachim noch im Traume beschäftigt, laß sie nur ruhen. Recha, bis sie von selbst erwacht." Als Herr Heinemann nach Beendigung des Frühstücks seinen Morgenspaziergang antrat. setzte sich Recha mit einer Handarbeit an das Lager ihres Lieblings. „Wie sie doch ihrem Vater gleicht," so flüsterte sie vor sich hin; „auch nicht einen Zug hat sie von der Mutter und das ist gut für sie und ihn. Das arme Ding! Sie frägt in letzter Zeit so oft nach ihrer Mutter; wenn ihr doch nur Herr Heinemann erst Alles gesagt hätte; das werden böse Tage werden für Beide; wenn sie es nur nicht gar zu ernst auffaßt; sie ist so schon seit letzter Zeit wie umgewandelt, gar nicht mehr das lustige Vögelchen von früher, was sie nur haben mag?" Hatten die Stricknadeln zu arg geklappert oder waren die zudringlichen Sonnenstrahlen schuld daran! Recha fuhr plötzlich aus ihrem Sinnen in die Höhe; ihr Liebling war erwacht. Dem jungen Mädchen zärtlich die rosigen Wangen streichend, sagte sie: „Jetzt habe ich Sie wohl doch aus ihrem süßen Schlummer aufgestört, Fräulein Röschen? Der Vater ist ausgegangen und da war es mir drüben im Zimmer zu einsam. Wie ich Sie so daliegen sah, mit Ihrem frischen, lieben Gesichtcheu, war es mir gerade, als wären Sie noch die kleine, lustige Rosel von früher. Ich habe damals gar oft an Ihrem Wiegen bettchen gesessen und war glücklich, wenn der kleine Wildsang, kaum erwacht, schon meinen Namen rief. Damals hatte man auch noch keine Geheimnisse vor der alten Recha! Alles, was das kleine Herz bewegte, wurde ihr anvertraut. Das^ist nun doch ganz anders geworden, besonders seit jener Zeit, da Sie mit Sara Cahn verkehren, bin ich in dieser Hinsicht überflüssig geworden." „Also eifersüchtig ist die alte Recha! Und gerade heute wollte ich ihr etwas sagen, was man nur seinen allerbesten Freunden sagt: „Recha, es ist mir gerade, als wäre ich seit gestern um 5 Jahre älter geworden, ich bin gar nicht mehr so glücklich, wie ich früher gewesen!" „Hab's schon lange gemerkt, Kind; das ist nicht seit gestern und es hat mich immer verdroffen, daß mir so gar nichts davon gesagt wurde; aber fragen mochte ich doch auch nicht. Weißt, Rosel, jetzt sag' ich auch wieder Du, jetzt bist Du wieder ganz wie früher und es freut mich, daß das Zutrauen noch nicht ganz geschwunden ist. Was ist's denn, was Dich so traurig macht, Rosel? Nur heraus damit!" „Sieh, Recha, wenn ich sonst all einem solch' herrlichen Frühlingsmorgen erwachte, da hätte ich mit dem fröhlichen Gezwitscher der Vögel wetteifern mögen, so leicht und heiter war es mir zu Muthe und so verfloß denn auch gewöhnlich der ganze Tag. Heute Morgen möchte ich die lieben Vöglein beneiden, sie sind wohler daran, als manches Menschenkind!" „Aber um Himmelswillen, Röschen, was fehlt Dir denn? Du weißt ja. daß Dir der Vater noch jeden Wunsch erfüllt hat, wenn es zu Deinem Besten diente und was ich Dir Liebes zu thun vermochte, ist mir auch nie zu schwer geworden!" „Das ist's ja gerade, Recha, Ihr habt mich verwöhnt; aber was mir jetzt fehlt, das kann ich dem Vater noch nicht einmal sagen. Ach, Recha! Recha! ich Hab' ihn so herzlich lieb!" Und laut schluchzend sank sie der Dienerin um den Hals. „Aber wen denn, Rosel? Den Herrn Dessauer? Gegen den hat doch der Vater ilichts! Er sprach erst kürzlich mit mir darüber, deshalb brauchst Du Dich doch nicht abzuhärmen, Du kindisches Mädchen; es wird ihn obendrein noch freuen, daß Du gerade denjenigen erwählt, der auch ihm zusagt. Da weint man doch nicht so! Was sollte denn übrigens der Vater auch an Herrn Deffauer auszusetzen haben; ich dächte, ein so liebenswürdiger, braver Mensch müßte Jedem gefallen!" „So habe ich früher auch gedacht, Recha. Aber Er ist doch ganz anders, so habe ich für Herrn Dessauer noch nie empfunden, wie für — nun ja, es muß heraus — für Rüben Cahn!" „Rüben Cahn! Rosel, Rosel! Das hätte ich nie geglaubt; ach Kind, wohin hast Du Dich verirrt!" „Verirrt, Recha? Und das sagst Du mir? Von Dir hätte ich eine solche Antwort am wenigsten erwartet. Heißt das sich verirren, tvenn man einen Menschen liebt, der aus Liebe zum Vater und der alleinstehenden Schwester einer ruhmverheißenden Zukunft entsagt und es über sich gewinnt, trotz seiner hohen Begabung ein schlichter Handwerker zu bleiben?„

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