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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 28 (1886) · p. Seite 109

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
28 (1886)
Date
1886-01-01
Page
Seite 109 (sequence 3)
Language
German
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109 Zahlung nebst dem Miethzins von vielen Jahren. Shylock, der nicht zahlen konnte, bat um Aufschub. Der ward denn auch gewährt. Aber Antonio wollte ein Pfand. Auch das vermochte Shylock zu solchem Werthe nicht aufzutreiben. Da schlug ihm Antonio vor, ihm ein Pfund von seinem Fleische zu verschreiben. Er behandelte das wie einen Scherz, und Shylock ging in die Falle. Jetzt hat er bittern Ernst daraus gemacht, der schlaue Tiger!" „Aber was konnte Antonio dazu veranlassen — fragte Sixtus — eine so beträchtliche Summe an einen Hebräer zu Derschwenden?" > „Für seine eigenen Zwecke ist ihm keine Summe zu groß \ — antwortete der Hebräer. — Antonio hatte sein Auge auf die aufblühende Tochter Shylocks, auf seinen Augapfel Jessica, geworfen. Um diesen Preis wollte er die ganze Schuld fahren lassen. Aber solche Schande zu ertragen vermochte weder Vater noch Tochter." „Daran erkenne ich die alte, treue Keuschheit euerer Jungfrauen! entgegnete Sixtus. Ich danke dir für deine Auskunft, und laß uns Beide, Jeder in seiner Weise, zu Gott flehen, daß er uns beistehe in der Noth. Denn deine Erzählung hat mich mächtig erschüttert, und ich wünsche nichts eifriger, als daß die buhlerische Zuchtlosigkeit des Blutdürstigen der Strafe nicht entgehe." Es war unter diesem Gespräche die Nacht hereingebrochen und der Lanzkuecht drohte zu schließen, wenn der Hebräer nicht gleich in das Thor sich begäbe. Dazumal war es noch bei Lebensstrafe den Juden verboten sich nach Ave Maria auf den Straßen Roms blicken zu lassen. So ist der alte Wolf von neuem in die Hürde gebrochen! sprach Sixtus für sich — aber schon ist der Wolfshund auf seiner Fährte, und diesmal entgehst du mir nicht! Er ließ sich bei diesen Worten auf einen Süulenstumpf nahe dem Ghettothore nieder, in der Hoffnung, noch Eins oder das Andere auszukundschaften, und heute, wie noch niemals, begünstigte der Himmel seine edlen Absichten. Denn nicht ■ lange, so öffnete sich das Thor von neuem, aus dem zwei schwarzgekleidete Gestalten, eine große schlanke, und eine kleinere, von volleren Formen, hervortraten. Außerhalb des Thores standen sie still. Sixtus, in einen Winkel gedrückt, hörte deutlich ihr Gespräch, das also lautete: „Hast du was ausgerichtet, Portia?" rief eine männliche Stimme. — „Nichts, gar nichts! antwortete eine weibliche. — Spröde, wie immer, und für keine Schmeichelei, für keine Drohung empfänglich. Abgehärmt, mit rothgeweinten Augen warf sie sich mir zu Füßen, umklammerte meine Kniee und rief schluchzend: Barmherzigkeit! Gnade für meinen armen } Vater! Wahrhaftig ich hatte alle Noth standhaft zu bleiben, und ihr den Preis deiner Gnade zu wiederholen. Ich ließ es an nichts fehlen. Ich rühmte ihr deine Schönheit, deinen Reichthum, deine Zärtlichkeit und das Loos, das ihrem Vater unvermeidlich bevorstünde. Sie bat, sie flehete, rang die ' Hände; bot mir einen Diamantring, die Erbschaft ihrer Mutter, und ihr eigenes seidenes Festkleid. Ich blieb ungerührt. Endlich, da sie sah, daß alles nicht anschlug, sprang sie, wie eine zürnende Löwin, entschlossen empor und schrie: i Sv muß er sterben! Mit meiner Schmach darf, will der Vater nicht losgekauft werden! Er sterbe, und ich werde ihm und der Mutter bald Nachfolgen! — Mir aus den Augen, Bestie r\ Du! Daß ich mich nicht an dir, elende Kupplerin, vergreife. — So schrie sie mit wilder Geberde und ihre schwarzen Augen flammten; gleich Schlangen wallten ihre dunklen Haare um ihr Angesicht, vom wilden Feuer des Zornes glühend roth. — Ich mußte auf meine Sicherheit bedacht sein, und entfernte mich mit eiligen Schritten." „Und ich soll die schöne Beute fahren lassen!" rief Anl tonio. — „Ich wenigstens, erwiederte Portia, möchte um keinen | Preis in jenes Haus zurück. Auch dir rathe ich alle Vorsicht" f „Vorsicht! rief er und lachte laut. — Bei diesem Ge-! Würm, das sich nur krümmt, wenn es - getreten wird! — l Wenn nun auch alles fehlgeschlagen; eins soll mir, denk'ich, gelingen! Ich werde morgen den Römern ihr Octoberfest mit einem Schauspiele verherrlichen, wie man es noch niemals selbst nicht in Diokletian's Zeiten, da die wehrlosen Christen den wilden Thieren vorgeworfen wurden, erlebt hat. Ich habe heute schon das Publikum darauf vorbereiten lassen, indem ich eine reiche Gabe unter den Armen vertheilen ließ, um meine Dankbarkeit wegen des gewonnenen Prozesses zur öffentlichen Kunde zu bringen. Ich werde morgen die ganze Stadt in Allarm bringen, und selbst der trägste Langschläfer wird in früher Morgenstunde auf den Beinen sein! Und unserem heiligen Vater will ich in seiner eigenen Münze eine Schuld zurückzahlen, die er bei uns Allen zu Gute hat. Er denkt ja, mit seiner Gerechtigkeit Alles unterdrücken und unsere alten Gerechtsame und Privilegien mit Füßen treten zu können! Heute wird er erfahren, wie man sich seine strenge Justiz zu Nutze machen, und wie der Baron seine eigene Waffe gegen ihn selbst kehren kann!" So redend und höhnisch lachend verlor er sich mit seiner Kupplerin im Dunkel des Slraßeulabyrinthes am Ghetto. (Schluß folgt.) Raschi» Stuhl und Luther'» Denkmal» l« Worms am Rhein. Welche Zusammenstellung! wird mancher Leser dieser Zeilen denken, doch Geduld! Das Leben und Wirken Lut Hers, des großen Reformators, ist allbekannt und in Aller Gedächtnis Aber wer war Raschi? Das Wort Raschi ist bekanntlich zusammengesetzt aus den Anfangsbuchstaben von Nabbi Schlomo Iizchaki. Raschi war in Troyes in der Champagne (jetzigen Hauptstadt des französischen Aubdepartements) um das Jahr 1030 geboren. In seiner Jugend besuchte er die berühmten Talmudschulen zu Mainz, Worm s und Speyer, und erst nachdem er das ganze Gebiet des Talmuds bewältigt hatte, kehrte er nach Troyes zurück, wo er die Stelle eines Rabbiners einnahm. Gehalt bezog er nicht, denn das Rabbinat war in dieser Zeit und noch lange nachher ein Ehrenamt, das nur dem Würdigsten übertragen wurde und der Rabbiner mußte nicht nur im Wissen, sondern auch in der Tugend, insbesondere m der Nüchternheit, Genügsamkeit und Gleichgültigkett gegen den Mammon der Gemeinde voranleuchten. Dem Muster eines Rabbinen entsprach Raschi am vollkommensten und die jüdische Nachwelt erblickt in ihm ein wahres Ideal. Ec war und blieb arm, aber seine Armuth hielt ihn nicht ab, von Zeit zu Zeit nach Worms zu reisen und dort seine Lehrthätigkeit auszuüben. Und sowohl als Lehrer seiner zahlreichen Schüler, die nach Troyes oder nach Worms zu ihm hinströmten, als auch in den Antworten, die er auf die au ihn aus Nahe und Ferne gerichteten gutachtlichen Anfragen ertheilte, bezeugte er seine außerordentliche Belesenheit in allen biblischen und talmudischen Schriften, den durchdringenden Geist, mit dem er seinen Gegenstand beherrschte, und zugleich auch die liebenswürdige Bescheidenheit, die von der eigenen Beoeutung kein Ahnung zu haben schien. Seine Hauptwerke sind der Commentar (Konteros) zum Talmud und der Commentar zur Bibel. Seine Erklärungen, die er über den größten Theil des Talmuds niederschrieb, sind ein Muster für Scholien, einfach, wortkarg — er setzt kein Wort zu viel und keines zu wenig — und doch deutlich und lichtvoll. Die Wort- und Sacherklärung ist für den Anfänger wie für den tiefeindringenden Fachmann berechnet. Er verstand es auch, durch einen geschickt angebrachten Ausdruck oder durch eine sprachliche Wendung Mißverständnissen vorzubeugen und Einwürfen zu begegnen. Raschi verfaßte auch Erklärungen zu den meisten Büchern der heiligen Schrift, und auch darin ist sein Styl kurz, einfach und doch lichtvoll und der erziehende Ton dieses Commentars macht diesen noch heute zum Liebling Aller, die sich mit der Bibel ernstlich beschäftigen. Raschi's Wahrheitssinn und richtiger Takt leiteten

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