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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 28 (1886) · p. Seite 108

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
28 (1886)
Date
1886-01-01
Page
Seite 108 (sequence 2)
Language
German
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108 — mir doch einmal etwas von meiner seligen Mutter! Als ich vor einigen Wochen einmal in der Dämmerung wie gewöhnlich hinüber zu Cahns gehuscht war, fand ich dort nur betrübte Gesichter vor; ich glaubte im ersten Augenblicke, der alte Mann sei kränker geworden, da fiel mir aber auf, daß ein Jahrzeitlichtchen brannte. Sara, welche meinen Augen gefolgt, erzählte mir nun, daß heute der Todestag ihrer seligen Mutter sei und konnte nicht müde werden, mit mir von derselben zu sprechen. Du solltest sie gekannt haben, Rosel, eine bessere Seele gab's nicht, dabei begann sie bitterlich zu weinen, trotzdem es doch nun schon lange Jahre her sind, seit Frau Cahn gestorben. Nun frug sie mich auch nach meiner seligen Mutter und da habe ich mich ordentlich geschämt, daß ich so gar nichts zu sagen wußte, als daß sie dem Bilde und Recha's Reden nach eine sehr schöne Fr»u gewesen sein müßte. Sara sah mich darauf ganz verwundert an und frug, ob Du denn nicht zuweilen mit mir von der seligen Mutter sprächest, es verginge bei ihnen wohl selten ein Tag, daß nicht der theuren Verschiedenen erwähnt würde. Ich glaube, mein Vater unterläßt das aus übergroßer Liebe zu mir, er denkt gewiß, daß ich mir dann recht bewußt würde, wie viel ich durch den Verlust der Mutterliebe und -Fürsorge zu entbehren hätte, trotzdem er doch keine Mühe scheut, mir dieselbe so viel aU möglich zu ersetzen; — so habe ich ihr darauf geantwortet und wenn ich nun heute doch mit Dir darüber sprechen möchte, dann geschieht es nur deshalb, weil ich gern wissen möchte, ob die wenigen Jahre, welche Ihr zusammen verleben durftet, um so glücklicher waren?" „Ja, Rosa, es gab eine Zeit, wo wir recht glücklich waren; aber wer sagte denn vorhin, daß man heute nicht über so ernste Dinge reden wollte? Deshalb gedulde Dich, Kind; ich habe es mir schon selbst vorgenommen, Dir einmal unsere Lebensgeschichte zu erzählen; zu einer Geburtstagsunterhaltung ist diese aber nicht geschaffen, deshalb sei mir nicht böse, wenn ich Dir Delnen Wunsch abschlage! Weshalb hast Du denn nicht, wie gewöhnlich, eine kleine Geburtstagsfeier veranstaltet und Deine Freundinnen eingeladen? Im kaufmännischen Verein hält heute Abend ein berühmter Professor einen Vortrag und da ich meinen Bekannten diesen Genuß nicht rauben wollte, habe ich die Einladung verschoben. Und Du selbst willst Dich davon zurück - ziehen? Nein, Rosel, das dulde ich nicht; ich weiß es wohl, daß es aus Rücksichten gegen mich geschieht; aber ich wünsche, daß Du Dich, wenn es nicht schon zu spät ist, Deinen Freundinnen anschließest, ich bin heute Abend so müde und wäre ein schlechter Gesellschafter für Dich, Recha mag Dich zu Minni begleiten." Rosel ließ sich überreden und schon nach einigen Minuten trat sie mit Recha den Weg zur Freundin an. Recha wurde aber lange, bevor Röschen das Ziel ihrer Wanderung erreicht, verabschiedet. „Geh nur nach Hause zum Vater, ich finde mich schon allein; sag's aber nicht, daß wir noch nicht zur Stelle waren, damit er sich nicht unnöthig ängstigt." Kaum war Röschen einige Schritte weiter gegangen, als sie aus einer der entgegengesetzten Straßen eine Gestalt schreiten sah, die sie, obwohl arg verhüllt, doch direct als die Sara's erkannte. Beide Mädchen waren freudig überrascht, als sie sich so unvermuthet gegenüberstanden. „Das trifft sich ja herrlich," sagte Sara, nachdem ihr Rosel erzählt, wohin sie gehen wollte; „mein Weg führt an dem Hause Deiner Freundin vorüber und falls Du Fräulein Nordwald nicht mehr zu Hause triffst, begleitest Du mich bis hinaus zu Peters; ich will einmal meine kleine Patientin besuchen." „Deine kleine Patientin?" wer ist denn das?- „Nun sieh nur erst einmal nach, ob Deine Freundin noch da ist; ich will es Dir dann schon erzählen." „Minni ist schon lange fort!" Mit dieser, für Sara sehr erwünschten Botschaft kam Röschen schon nach wenigen Minuten bei Sara an und nun schritten die beiden jungen Mädchen, sich vertraulich allerlei erzählend, weiter. (Frotsetzung folgt.) Papst Kretas V. und die Khylolrsage. (Fortsetzung.) Das Abendroth verglühete hinter dem Janiculus. Die gewaltige Kuppel von St. Peter erhob ihr dunkles Riesenhaupt in die Helle Glorie, welche sie umstrahlte, und von dem Scitenthurme tönte in feierlichen Glockentönen das Ave Maria. Sixtus ging wieder die herrliche Loggia auf und ab, die von dem Zauberpinsel Raphael's in aller Frische seiner unerreichten Bildungen belebt war. Aber er konnte den Gedanken an das grausame Schauspiel, das die blutgierige List und Rachsucht eines der verwegensten Barone unter seinen Augen und ihm zum Trotze der rohen Bevölkerung Roms zum Besten geben wollte, nicht los werden, und kaum hatte sich ein tieferes Abenddämmern über die Stadt zu seinen Füßen ausgebreitet, als er schon wieder in seiner Verkleidung aus jener Thüre schlich, sie hinter sich verschloß und den Schlüssel sorgfältig verwahrte. Ec ging aufs Geradewohl, und sein Stern leitete ihn nach jenem Thore des Ghetto», an welches ihn der unbekannte bettelnde Tischgenosse des heutigen Morgens hingestellt hatte. Da sah er einen der Bewohner des Ghetto eiligen Schrittes dem Thore desselben zueilen, das nun bald geschlossen werden sollte. Der Papst hielt den Eilenden auf, von ihm etwas Näheres über den traurigen Fall zu erfahren, näherte sich zugleich dem wartenden Kriegsknechte, dem er eine kleine Silbermünze reichte, und bat diesen, das Thor nur noch emige Minuten geöffnet zu lassen, da er mit dem Hebräer zu sprechen verlange. — Diesen fragte er nun nach allen Umständen und erfuhr, daß er eben vom Oberrichter der Rota, dem Oheim des grausamen Antonio, komme, für seinen Verwandten, den unglücklicher Shylock, nur noch um einige Tage Aufschub zu bitten, da er hoffe, die tausend Zechmen bis dahin zusammen zu bringen; daß ihn aber der Oberrichter mit Härte entlassen und gesagt habe, daß das jetzt, nachdem das Pfand einmal verfallen, zu spät sei. L>ein Neffe werde gewiß sein Pfund Fleisch so sanft als möglich herausschneiden lassen. Auch soll es an einem geschickten Chirurgen, ihn zu verbinden, nicht fehlen. An einer solchen Wunde stürbe der Mensch nicht immer! — So redete der Jude und vergoß heiße Thränen. „Du mußt nicht gänzlich verzweifeln! — tröstete der Papst. — Du kennst ja den Vers des Psalms, in dem es heißt: Siehe, es schlummert und schläft nicht der Hüter Israels! Er schläft selbst nicht und läßt auch solche nicht schlafen, die er als Hüter eingesetzt hat. — Erzähle mir in I Kürze Alles, was Du von dem Hergange wecht, vielleicht! kann ich Dir, obwohl nur ein armer Bettler, Rath oder gar - Hilfe verschaffen."! „So mag Gott einen seiner Engel senden, uns aus der i Noth zu erlösen!" rief tiefseufzend der Israelit. „Menschenhilfe wird schwerlich in diesem Falle hinreichen, besonders bei der Kürze der Zeit. Denn mit Tagesanbruch soll das blutige Werk vollbracht werden. Und eher läßt sich der Tiger sein blutiges Schaf von einem Knaben aus dem Rachen reißen, als Antonio seine Beute fahren läßt." „Aber wie kam es denn, daß Dein Verwandler sich zu einer so seltsamen Verschreibung entschloß? Ihr seid ja sonst! so vorsichtig im Geschäfte!"! „Das ging einfach so zu — erwiderte der Hebräer. — : Miethe für das Haus, das dem Antonio gehört, und einige baare Darlehen hatten die Schuld bis auf tausend Zechinen gesteigert. Antonio war seit elnem Jahr ein häufiger Gast bei Shylock und ging mit.ihm vertraulicher, als mit irgend Jemand, um. Nun mit einem Male fordert er die Rück-

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