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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 28 (1886) · p. Seite 110

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
28 (1886)
Date
1886-01-01
Page
Seite 110 (sequence 4)
Language
German
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110 — ihn auf den richtigen Wortsinn und passenden Zusammenhang. Von einer mystischen Auslegungsweise wußte er noch nichts. Nur ließ er sich manchmal dabei von der agadischen Auslegungsweise führen in der Voraussetzung, die in der A gada vorkommende Verserklärung sei ernst gemeint, was aber nichti mmer der Fall ist. Doch soll er in seinem hohen Alter gegen seinen gelehrten Enkel und Jünger (Raschbam Gen. 37) geäußert haben, daß er seine Bibelcommentarien im Sinne einer nüchtern wortgetreuen Schrifterklärung umändern würde. In welcher Beziehung stand aber Luther zu dem über 5 Jahrhunderte früher lebenden Raschi? Zur Beantwortung dieser Frage will ich eine Stelle aus „Gratz, Geschichte der Juden", der ich bei meiner bisherigen Schilderung Raschi's meistens gefolgt bin, wörtlich anführen; Id. B. VII. S. 329 heißt cs: „Während jüdische Schriftsteller. Kabbalisten wie Nicht-Kabbalisten, den bereits geebneten Weg lichtvoller Exegese verließen und einen verkehrten Weg einschlugen, bahnte ein Mönch in dem unwegsamen Urwald krausiger Schriftauslegung, wie sie seit den Kirchenvätern üblich war/ zum crstenmale in dieser Zeit einen schmalen Weg einfacher Schrifterklärungen. Der Franziskaner Nikolaus de Lyra (blühte 1300—1340), Professor der Theologie in Paris und später Ordensprovinzial, der wahrscheinlich von Juden im Hebräischen unterrichtet wurde, nahm sich Raschi's einfache sinngemäße Schrifterkläruug zum Muster und führte sie zuerst in die christliche Theologie, allerdings mit Klauseln, ein. Durch die Verbreitung der lyranischen Commentarien (postillae) zum alten Testament hat Raschi's Exegese in christlichen Kreisen den Sinn für das Einfache geweckt und bis auf den Begründer der Reformation (Luther) gewirkt. De Lyra's Verdienst besteht besonders darin, daß er die christliche Welt mit der Auslegungsart des jüdischen Exegesen von Troyes (Raschi) bekannt gemacht hat. daselst S. 490 wird weiter ausgeführt, welchen mächtigen Einfluß die Postillen N. de Lyra's auf Luther ausgeübt und wie hoch der berühmte Postillator Raschi schätzte. Wir scheu demnach, daß die Quelle, woraus Luther seine Erklärungen zum alten Testament schöpfte, großentheils in Raschi ihren Ursprung hatte. Und war Raschi als Eommentator ein Künstler zu nennen, so war es Luther als Uebersetzer. Luther besaß ein feines musikalisches Ohr, daher ist seine Uebersetzung so voll des Wohlklauges, wie wir es selten bei einem anderen Uebersetzer zu finden vermögen. Man bemerke nur z. B. in den von ihm übersetzten Psalmen die wohllautende Aufeinanderfolge der Wörter und Silben. Der Stuhl, worauf Raschi saß, wenn er seinen Jüngern seine lichtvollen Vorträge hielt, befindet sich in der sogenannten Raschiskapelle neben der Synagoge. Wer also nach Worms reist, um das eine Denkmal dieser zwei großen Geistheroen zu besichtigen, versäume nicht, auch das andere in Augenschein zu nehmen. Mannheimer-Darmstadt. Kleine jüdische Charaklerzüge. Wie man das Reugeld erspart. Zwei wohlhabende Juden, der eine Wittwer mit einem hoffnungsvollen Sohne, der andere mit einer helrathslustigen Tochter gesegnet, trafen das schriftliche Abkommen, daß die beiden Kinder sich heirathen sollten : im Falle eines Kontraktbruchs sollte der Schuldige die Summe von 5000 Rbl. als Reugeld erlegen. Man hatte aber die Rechnung ohne den Wirth gemacht, denn als Jakob seine Braut Lea zum ersten Malerblickte, stieß er einen lauten Angstschrei aus und stürzte spornstreichs aus dem Zimmer. Man suchte ihn 8 Tage lang vergebens, bis es endlich dem trostlosen Vater gelang, den Flüchtling zu entdecken, jedoch betrat dieser das elterliche Haus nur unter der Versicherung, daß man ihm nicht weiter zu einer Ehe mit der fürchterlich häßlichen Lea zurede. In Ansehung dieser stark ausgeprägten Abneigung gab der Alte mit schwerem Herzen das Projekt auf. Um nun aber nicht die 5000 Rbl. zu verlieren, faßte er einen heroischen Entschluß. Schon nach einer Woche konnte er dem erschreckten Sohne die Lea als seine Stiefmutter vorstellen. Ob dieselbe die ihr angethane Unbill ihrem nunmehrigen Sohn entgelten lassen wird, bleibt abzuwarten. Der liebe Mechutten. Ein junger Ehemann, dessen Gattin eine sehr ansehnliche Summe Geldes mit in die Ehe gebracht hatte, sah trotz aller Bemühungen seine Geschäftsmanipulationen nicht von dem erwünschten Erfolge gekrönt. Um einen baldigen Ruin zu verhüten, hatte der Vater der jungen Frau schon zum öftern Veranlassung nehmen müssen, großmüthig seine Börse zur Verfügung zu stellen, was dieser natürlich nicht zum Segen gereichte. Eines Tages begegneten sich die beiden Väter. Der Vater des jungen Mannes begrüßte seinen Verwandten mit den Worten: „Nun, guten Tag, lieber JATO,, wie geht's?" — „Ach, lieber Mann," erwiderte dieser, „wenn's ss weiter geht, dann nennt Ihr mich nicht lange mehr M echutten flirre v. jnn ---- Schwiegervater), sondern Mechulle (n^12!2, von — Braut*), d. h. bankerott. Cohen-Rees a. Rhein. *) Oder v. nSD Einer der zu Ende d. h. „fertig" ist. (Red.) i| UlMM - Aufgabe. I. Deutsches Anagramm. Bon 0. in R. Ein Fluß Europa's umgestellt Ergiebt das ält'ste Land der Welt. H. Hebräisches Homonym. Von 0. in R. Die Grammatik lehret zwar, Daß Städte nie im Plural stehen; Doch man kann das ganze Jahr Bei mir der Regel Ausnahm' sehen. Eine hatt' ein König einst, Im heil'gen Land ist sie gelegen; Doch ist's Jrrthum, wenn Du meinst, Daß mir ihr Plural bringe Segen- Feuer stieg aus jener auf; Ich möcht' sie"all' ius Feuer senden, Möchte alle sie zu Haus Gar gerne seh'n in Feindes Händen. — Nun versucht, beliebt es Euch, Zu rathen meinen Doppelsinn; Glückt es Euch auch nicht sogleich, Blickt auf die jüngste Sidra hin. Anfiösnng der Uäthsel in Ur. 26. M Riese und Perle. Briefkasten der Redaktion. In vor. Nr. niuß es in dem „Gleichniß" des Dubnoer Maggid (S. 106) — wie jeder bibelkundige Leser wohl selbst schon corrigirt hat — statt „Amalek" stets „Moab" heißen. Das ganze Stück sollte erst in dieser Nr. (zum Abschnitt Balak) stehen, kam aber durch ein Versehen uncorrigirt in die vorige. Die Erzählung „Papst Sixtus und die Shyloksage" ist uns von Herrn Lehrer D. Samuel in Bleicherode eingehändigt und stand vor 31 Jahren in StelrLs „Jsr. Volkslehrer" (1855). Verantwortlicher Redacteur vr. Rahmer. Magdeburg. Druck von D. L. Wo ff. Magdeburg. Verlag von Robert Friese, Leipzig.

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