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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 27 (1886) · p. Seite 105

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
27 (1886)
Date
1886-01-01
Page
Seite 105 (sequence 3)
Language
German
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105 „Noch in derselben Woche erzählte ihr Reche-von einem Stadtgang nach Hanse kommend, daß sie in einem Krämerladen mit Sara Cahn zusammengetroffen sei und da mitangehört habe, wie der betreffende Kaufmann letztere nach dem Ergehen ihres Vaters gefragt habe. „Es ist recht gütig von Ihnen, daß Sie soviel Theilnahme für meinen Vater an den Tag legen, und ich danke recht herzlich dafür, ich kann aber leider heute nicht das Beste berichten. Der böse Winter hat ihm tüchtig zu schaffen gemacht, wenn er auch selten klagt, so sehe ich es ihm doch ► an, daß er viel Schmerzen hat und auch sein schreckliches s Stöbnen des Nachts sagt es mir deutlich genug!" \ Als ich das gehört, habe ich gleich an Sie gedacht, Fräulein Röschen! Es war ja doch von Kindheit an ihre größte Freude, wenn Sie einem Armen oder Kranken einen Liebesdienst erweisen konnten, tragen Sie dem alten Mann irgend etwas Erquickendes hinüber und seien Sie versichert, daß man sich im Nachbarhause nicht wenig über Ihren Besuch freuen wird! Nach langem hin und her Ueberlegen, ob das nicht doch recht zudringlich sei, siegte endlich die Neugierde! _ (Fortsetzung folgt.) Papst Sirius V. und die Shyloksage. Nach einer alten italienischen Novelle. Die meisten Kirchenfürsten waren zur Zeit Sixtus V. aus den mächtigen und trotzigen Familien der hochgeborenen Barone, oder gar selber noch mit gewaltiger Macht umgeben. Sie waren zugleich gegenseitige Beschützer und Beschützte. Aber der Löwe, Papst Sixtus V., hat über alle Mächtigen den Sieg errungen. Die reichen Barone glaubten sich zwar hinter ihren Mauern sicher genug, um fortzufahren, dort ihren Raub mit Ruhe zu verzehren, und boten dem heiligen Vater Trotz. Sixtus warf alle diese Ungeheuer in Menschen- \ gestalt nieder und setzte seinen Fuß auf des Drachen Hals. s Von einem solchen Kampfe berichtet die folgende Novelle: : Sixtus pflegte oftmals am Abend im Bettlermantel durch eine geheime Thür den Vatican zu verlassen, um unerkannt die winkligen Straßen Roms zu durchwandern, sich vom Zustande seiner Residenz und der Handhabung der Gesetze selbst zu überzeugen. Oftmals folgten den Tag darauf Schläge der strengsten, unerbittlichen Justiz, als Folgen dieser Entdeckungszüge, von welchen noch heutigen Tages manche Geschichten im Munde des Volkes leben. — Nun geschah es einmal, daß sich der Hohepriester zu einem Morgengange durch Rom entschloß. Nachdem er früh am Morgen die Messe gehört, verließ er, in einen zerlumpten Bettlermantel gehüllt, den Vatican und wanderte der Kirche St. Pietra in Mantorio zu. Zu seinem Erstaunen bemerkte er eine ganz ungewöhnliche Anzahl von Bettlern dieselbe Straße ziehen und sich immer mehr vermehren. Ehe die Glocken zu Mittag läuteten, fand sich die ganze Bettlerkarawane, unter ihnen Sixtus, an der Klosterthür auf der Klosterterrasse versammelt, Jeder mit einem blechernen Geschirre für die Suppe versehen. Auch Sixtus reichte das seine hin und empfing die reichlich duftende Speise. Er setzte sich in den Schatten eines Maulbeerbaumes und genoß mit gutem Appetit seine schmackhafte Suppe. — Als er geendet und den Segen gesprochen, rief er: „Das war ein kostbares Mahl! Möge es Gott segnen!" Hinter ihm ertönte darauf die Stimme eines Bettlers, den er bis dahin nicht bemerkt hatte: „Könnte immerhin für den heutigen Zuschuß des edlen Antonio noch etwas kräftiger nach Fleisch schmecken! Aber man merkt keinen großen Unterschied gegen gestern. Was denkst Du davon? Zavella's hundert Scudi werden wohl durch andere Kehlen, als die der Armen gehen." — „Heute hat's mir recht gut geschmeckt," entgegnete Sixtus, „wie es sonst ist, weiß ich nicht, da ich heute zum ersten Male meine Suppe hier genieße." — „So bist Du wohl aus der Fremde?" — „Bin seit gestern hier in Rom. Bisher lebte ich in Civista Castellana. Da wird's von Tag zu Tag langweiliger. Passirt nichts. Ein Tag vergeht gleich dem andern. Und die Kost wird immer schlechter. In Rom, dachte ich, kann's unser Einem nie fehlen." — „Oerwiderte der Bettler, „Du könutest Dich doch geirrt haben. Viele Säue, sagt man, verdünnen den Koben., Aber langweilen wirst Du Dich nicht. Und gerade jetzt kommst Du zur rechten Zeit. Der Zavella, dessen Freigebigkeit wir eben heute eine kräftigere Suppe verdanken, hat seinen Prozeß gegen den Hebräer gewonnen und morgen früh soll an der bacca della verita der Jude geschunden werden." Sixtus ward aufmerksam. „Das ist ja eine ganz eigenthümliche Procedur! Geschunden wird ein Hebräer, sagtest Du?" — „Ei, ja! Er hat sich dem Zavella mit einem Pfunde Fleisch nahe seinem Herzen für eine Schuldforderung so gleichsam zum Scherze verschrieben; aber die Zavella's verstehen keinen Spaß. Morgen wird Ernst daraus!" —> „Wie groß ist denn die Summe?" fragte Sixtus.— „Man sagt, tausend Zechinen. Fürwahr, viel Geld für ein Pfund Judenfleisch. Aber Zavella thut das nur wegen des Vergnügens, den Hebräer Fratzen schneiden zu sehen, wenn er in seine Haut zu schueiden beginnt, und dem Publikum ein so einziges Schauspiel zu liefern. Willst Du mit, so stelle Dich morgen früh um sechs Uhr an's Ghettothor, dort wirst Du mich treffen. Auf Wiedersehen!" Damit hinkte der Bettler fort. Auf Sixtus hatte diese Erzählung einen tiefen Eindruck gemacht. Er glaubte den Uebermuth der Barone überwunden, und jetzt tritt mit frechem Hohne einer der Verwegensten unter ihnen gegen das Gesetz, mit Hilfe und unter dem Beistände desselben, in die Schranken, es am hellen, lichten Tage, zu verspotten. „Dem Frevel muß gesteuert werden. Mein Hirtenstab muß wohl schon wieder mit der Schleuder gegen den Wolf vertauscht werden. Dem Handel muß ich noch heute auf die Spur kommen!" So mit sich selbst redend, schlich er sich durch dieselbe Thür, aus welcher er gekommen war, in seinen Palast zurück. Nachdem er sein Bettlergewand gegen einen weißen Talar von Kaschemirwolle vertauscht hatte, ließ er den Oberrichter, Conte Velerio Zavella, vor sich bescheiden. Als dieser nach einiger Zeit bei ihm eintrat und vor ihm niederknieend, den Pantoffel küßte, sprach der Papst: „Erhebet Euch schnell und berichtet mir über das an einem Hebräer zu vollziehende Todesurtheil am nächsten Morgen." „Kein Todesurtheil, entgegnete der Conte. — Ohne die Unterschrift Ew. Heiligkeit darf kein Todesurtheil gefällt werden. Es ist eine einfache Extradition eines verschriebenen Pfandes, das nicht eingelöst und seit vorigem Monate meinem Neffen Antonio Zavella anheimgefallen ist. „Und dieses Pfand besteht?" fragte ihn scharf fixirend der Papst. „Mein Neffe hat oft seltsame Grillen. Eigentlich ist er ein eifriger, ein gar sehr eifriger Christ, und deshalb ein abgesagter Feind aller Feinde Chrffti, vorzüglich aber jener Gottestödter, der verfluchten Bewohner des Ghetto. Wo er einem solchen einen Schabernack spielen kann, da läßt er's nicht und betrachtet es als ein Gott gefälliges Werk. Manchen hat er bereits auf seine Weise in den Schooß der heiligen Kirche geführt. Diesmal ist er an einen hartgesottenen Verräther unseres Herrn gerathen. Er heißt Shylok und ist ein unverbesserlicher Sünder, der jetzt in der Falle steckt". „Ottengezücht!" donnerte Sixtus. — Denkt ihr das Himmelreich auf Erden so zu verbreiten? Das ist wahrlich kein Beginnen heiliger Frömmigkeit. Das ist die teuflische Lust am Leiden des schwachen, irrenden Menschen, die euch bewegt, so arge Mittel zu einem scheinbar guten Zwecke zu gebrauchen. — Zavella! ich befehle, daß der Spruch zurückgenommen, daß der Proceß revidirt werde!"

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