Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 27 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 106 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 106 — r ^„Heiliger Vater", sprach mit leiser Stimme und mit gebogenen Knieen der Oberrichter — es ist auch nicht einmal von einem Prozesse die Rede. Zavella zeigte einfach den Schuldbrief nach der Verfallzeit vor und bat um den Beistand des hohen Gerichtes. Ein Richter darf nun das strenge Gesetz vor Augen haben. Was würde wohl aus Deiner so wohl geordneten Negierung werden, wenn wir unserm besonder» Gefühle zufolge unser Urtheil einrichten würden? Möge dies Ew. Heiligkeit wohl bedenken und sich selbst nicht eine Willkühr gestatten, welche dieselbe an Andern so strenge zu ahnden gewohnt ist". — „So geh'!" rief der Papst. Ich erkenne es heute, was die Alten damit sagten: sumum jus summa injuria (das Recht, auf die Spitze getrieben, wird zum Unrecht). Geh', Du gerechter Richter: nur denke, daß es einen noch gerechteren über Dir giebt, dem Du früher oder später Rechenschaft abzulegen hast". — Damit gab ihm der Papst seinen Segen und entließ ihn.*) Gin paffendes Gleichnitz. Der Dubnoer Maggid war einst Ohrenzeuge, als ein gutsituirter und in den talmudischen -Wissenschaften wohlerfahrener Berliner Glaubensbruder, bei dem er eben zu Gaste war, einen würdigen armen Polen, der ihn um Unterstützung angesprochen, damit abwies, daß auch für ihn jetzt schlechte Zeiten seien. Eben, als sich hierauf der Arme entfernt hat, reißt die Tochter des Hauses die Thür auf und ersucht ihren Vater, ihr schleunigst noch zwei Thaler zu geben, da eine fremde Künstlerin am Abend gastire und daher die Billets sehr theuer sein würden, ein Wunsch, den der Vater natürlich sofort erfüllte. Dieses bemerkend, sagt R. Salomo Dubno seinem Gaslfreunde: Hört, mein Lieber, Ihr habt mir soeben zum Verständniß einer Bibelstelle verholfen, die trotz vielfachen Nachdenkens mir bislang immer noch nicht recht klar war. Ich meine den Vers in Deuteronomium Cap. 23, 5 wo es heißt: „Wenn Ihr in das Land eingezogen und zur Ruhe gekommen sein werdet, — so sagt Moses vor seinem Scheiden seinem Volke — dann sollt Ihr daran denken, jene einst geschworene Fehme an Amalek zu vollziehen, „wegen dessen, daß sie euch — ein eben der Knechtschaft entfliehendes Brudervolk — nicht einmal mit Brod und Wasser aushelfen wollten und weil sie gar den Bileam gegen Dich gedungen haben, um Dir zu fluchen." Bei diesem Verse habe ich mir immer nicht erklären können, weshalb der zweite, offenbar weit schwächere Grund nicht zuerst, der erste zuletzt aufgeführt ist, da durch diese Reihenfolge das Ganze abgeschwächt und eine Steigerung der Motive verhindert wird. Nun aber sehe ich, daß gerade in der jetzigen Gruppirung die von mir vermißte Steigerung der Motive liegt und Moses mit gutem Recht diese Aufeinanderfolge gewählt hat. Als nämlich Amalek dem Brudervolke auf dessen Flucht, trotz angebotener Bezahlung, einen Trunk und ein Stück Brod verweigerte, war sein Betragen zwar unbrüderlich, es war aber immer die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß, wie Ihr vorher jenem armen bittenden Glaubensbruder sagtet, die Zeiten schlecht seien und er selbst nicht viel habe, dann bleibt aber immer noch unverzeihlich und Strafe erheischend, was als zweiter Grund aufgeführt ist und keinerlei Entschuldigung zuläßt, daß er nämlich ohne jede Veranlassnng den feindlichen Propheten ins Land rief, um durch ihn dem Brudervolke wehe zu thun. So auch verargte ich Dir anfangs auch nur, daß Du jenen Armen *) Auch Niebuhr röm. Geschichte, 3. Ausl., Berlin, 1828, Th.I, pag. 50 bemerkt in der Note: „lieber die Umkehrung der Sagen": Im sechszehnten Jahrhundert findet sich die Novelle von Shylok, als wirklich geschehen, so erzählt, daß es ein Christ ist, dessen teuflische Unerbittlichkeit gegen einen Juden durch den Spruch des klugen und gerechten Papstes, Sixtus V., vereitelt wird. ohne jede Gabe von Deiner Schwelle wiesest, jetzt aber, wo Du ohne jede Schwierigkeit noch ein so namhaftes Aufgeld für ein Billet hergabst, sehe ich. daß auch der angeuommeue Milderungsgrund wegfällt und und nun verstehe ich, weshalb das „weil sie den Bileam gedungen" als Steigerung gebraucht ist. Max Weinberg. Gin DneU «nd fei« Grfols. Die in Weimar erscheinende „Deutsche Buchhändler- Akademie", enthält in Bd. III, Heft IV zu dem Vers Das ist's, was die „Berühmten" zieret, Daß sie verehrt das Vaterland (Und wenn sie gräßlich auch geschmieret); Denn dazu ward ihm — der Verstand! folgende Bemerkung: Man soll auch in Deutschland Illustrationen zu diesem Vers kennen ... So sind z. B. jetzt wieder einmal die deutschen Zeitungen voll von Bewunderung über ein frauzösisches, diesmal antisemitisches Buch, das Eduard Drumout zum Verfasser hat und „La France juive“ betitelt ist. In jedem französischem Buch werden die Zustände unseres Nachbarlandes anders geschildert. Hier wieder werden folgende Betrachtungen angestellt: „Frankreich gehört nicht mehr sich selbst; es ist moralisch und materiell durch einen fremden Volksstamm erobert worden, der die alte christliche Cultur, die Schutzwehr des Volkes, gestört, und so das alte Reich für den Zweck der wirthschaftlichen Ausbeutung bereitet hat." Drumont sucht an der Hand zahlreicher und feststehender Thatsachen nachzuweisen, daß der Jnde in Frankreich schon beinahe alles beseitigt hat, was seine Herrschaft beschränkte, oder seinen religiösen Anschauungen zuwider war. „Die ungeheueren Vermögen, sagt er, die Schlösser, die Paläste der Juden sind nicht die Frucht irgend einer Arbeit, einer Produktion; sie sind der Tribut, welchen eine herrschende Rasse einem geknechteten Volke abnimmt" sagt er darin. — Daß dies Buch einen solch ungeheuer» Erfolg sich errungen hat, verdankt der Verfasser mehr als seinen Fanatismus dem jüdischen Journalisten und Redacteur der„Lanterne" Arthur Mayer, der ihn schleunigst forderte. Diesen Erfolg mußte Drumont allerdings mit einer schweren Verwundung bezahlen, aber das Geschäft war damit gesichert. Voila! Drumont hat das Buch auf seine Kosten drucken lassen; Margon & Flammorion, die auf dem Titel stehen, sind nur Commissionüre. Er hat 2000 Exemplare abziehen lassen und in zwölf Tagen nur 500 verkauft. Da erschien im „Matin" die Nachricht, Drumont habe zwei Herausforderungen erhalten, und sofort waren die noch vorhaudenen 1500 Exemplare verkauft. Heute sind über 20,000 Exemplare abgesetzt und jede Post bringt neue Aufträge. Die Sache wird jedoch auch noch ein anderes Nachspiel haben. Ein algerischer Journalist, namens Mercitiat, hat nämlich Drumont und dessen Verleger auf den 2. Juli vor das Zuchtpolizeigericht geladen, weil dieser ihn in seinem Buche verleumdet habe. Dafür verlangt er 50,000 Frcs. Schadenersatz. (Eine schärfere Verurtheilung ehrlicher Kritik dürfte diesem antisemitischen Machwerke wohl noch von keiner andern zu Theil geworden sei. Ref.) L. C. in R Mil, sei-Ausgabe. I. Hebriilsches Homonym. Von C. in R. Manchmal groß und mächtig, Kann es Dich erdrücken; Manchmal klein und prächtig, Dient es, Dich zu schmücken. Auflösung der Preisrnthsel in Ur. 25. I. Karzer (Career), Karäer. n. niTin Psalm 5L,13). Verantwortlicher Redacteur vr. Rahm er, Magdeburg. Druck von L. D. Wo ff, Magdeburg. Verlag von Robert Friese, Leipzig.