Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 27 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 104 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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104 nicht gesehen, was da drüben bei uns vorgeht? Nun, gieb mir nur erst einen tüchtigen Geburtstagskuß und dann muß ich hin zum Väterchen und ihm erst seinen Theil vom Fcstschmaus zustellen." Nachdem Sara ^der freundlichen Aufforderung freudig Folge geleistet und auch Rüben in der herzlichsten Weise seine Glückwünsche dargebracht hatte, wandte sich Röschen dem Alkoven zu, wo der Vater unseres Geschwisterpaares nun schon viele Jahre seines Lebens leidend zubrachte. Es war ein gar liebes, altes Gesicht, das ihr dort wie immer freundlich entgegenlachte. Das langjährige Leiden, die oft fast unerträglichen Schmerzen hatten es nicht vermocht, dies Gemüth zu erbittern. Wohl verstimmte es den alten Mann zuweilen, daß er, der sonst so unermüdlich gearbeitet, nun nichts mehr leisten konnte; aber auch darin fand er. wieder Trost. Das Bewußtsein, daß er, so lange es ihm eben möglich gewesen, für die Seinen gesorgt, das selige Bewußtsein der treuerfüllten Pflichten war es, was ihlt alle Beschwerden geduldig ertragen half. Und hatte er nicht seine beiden Kinder zu braven, tüchtigen Menschen erzogen? Wie oft betrachtete er mit stillem Behagen den wohlgestalteten Sohn, der stets fleißig und strebsam und trotz der bescheidenen Verhältnisse, in welchen die Familie lebte, so überaus munter und vergnügt war! Und auch auf Sara durfte er stolz sein; sie war zu einer recht lieblichen Jungfrau herangewachsen und schien mit dem Bruder wetteifern zu wollen, wie sie dem Vater ihre Liebe und Dankbarkeit am Besten beweisen könne. Heute sah der alte Herr Cahn nun ganz besonders vergnügt aus, denn auch er hatte die kleine Nachbarin von Herzen lieb gewonnen. Letztere nahm seine mageren, bleichen Hände, streichelte sie zärtlich und frug so theilnehmend nach seinem Ergehen, als wäre es ihr eigner Vater, der da gebettet lag; sie wußte es wohl, daß der alte Mann es auch mit ihr gut meine, wenn er auch keine überschwänglichen Worte hervorbrachte; der liebevolle Blick aus den klugen, braunen Augen sprach desto beredter. Lange Zeit saß Röschen mit Sara am Lager des Kranken; sie mußte erzählen , was sie alles geschenkt bekommen und wenn es nun auch des Schönen und Guten gar viel war. was da hergerechnet wurde und Sara dabei denken mußte, wie bescheiden dagegen ihr Wiegenfest begangen wurde, sah man auf ihrem schönen Gesichte doch keine Spur von Neid; wem hätte sie wohl das Alles auch lieber gegönnt, wie ihrer lieben Freundin? Inzwischen war es dämmerig geworden und nun legte auch Rüben seine Arbeit für ein Stündchen bei Seite. Er hatte während der ganzen Zeit darüber nachgedacht, wie er wohl Fräulein Heinemann auch eine kleine Geburtstagsfreude bereiten könne und war nun auf den glücklichen Gedanken gekommen, daß er ihr ihr Lieblingslied Vorspielen wolle und Sara sollte wie gewöhnlich dazu singen. Röschen bemerkte eher nichts von Rubens Vorhaben, bis die ersten Strofen jenes schönen Liedes aus dem Freischütz : „Leise, leise, fromme Weise", durch das kleine Gemach klangen; Sara stimmte sofort mit ein und nun ward Röschen eine Festgabe zu Theil, die ihr noch mehr Freude machte, als Alles, was sie bis jetzt erhalten. Sie hatte schon oft Rubens musikalisches Talent bewundert und sich gesagt, daß aus diesem bescheidenen Schuhmacher noch einmal ein ganz berühmter Violmist werden könne, wenn er Gelegenheit habe, sein Talent weiter auszubilden; noch nie aber war sie so entzückt von seinem Spiel, wie heute. Es war gut, daß es schon dunkelte. Röschen wußte selbst nicht, wie es kam, daß sie seit einiger Zeit Rüben nicht mehr ansehen konnte, ohne zu erröthen, nun konnte sie ihn doch ungenirt beim Spielen beobachten und sie sah ihn an immer und immer wieder und zum Schluß ihrer Beobachtung sagte sie sich, daß unter all' den feinen, jungen Herren, welche sie bis jetzt kennen gelernt, feilt einziger so intelligente Züge und so vielsagende Augen hatte, wie Rüben Calw. So sehr sie nun auch sein Spiel entzückte, war sie doch froh, als die letzten Töne verhallten; es wurde ihr plötzlich ganz unheimlich im Zimmer, sie mußte gehen, bevor ^ara das Licht anzündete, sie konnte Rüben jetzt nicht ansehen und nachdem sie sich herzlich für den Genuß bedankt und dem alten Manne nochmals liebevoll die Hand gedrückt, eilte sie nach Hause. Sie stürmte aber nicht wie gewöhnlich in ihres Vaters Stübchen; in ihrer Kammer verschloß sie sich und ehe sie wußte, wie ihr geschehen, spürte sie auf ihrer Hand zwei dicke Tropfen, sie weinte und konnte sich selbst nicht recht erklären warum! Nachdem sie jedoch eine geraume Weile ihren Thränen freien Lauf gelassen, ward es ihr wieder leichter zu Muth, sie dachte plötzlich daran, wie Unrecht es von ihr sei. sich heute auf so lange Zeil vom Vater zu trennen; die verweinten Augen wurden mit kaltem Wasser möglichst rasch abgekühlt und ziemlich heiter eilte sie hinab zum Vater. Derselbe saß in seinem Lehnstuhl und war eingeschlafen; Reche, die alte Dienerin, hatte noch kein Licht angezündet und schien auch ein gemüthliches Dämmerstündchen zu halten. Wovon sie wohl träumen mochten die beiden alten Leute? — Auf den Zehen schlich sie sich hin bis zum Vater, setzte sich auf et» kleines Schemelchen, lehnte ihren Kopf auf des Vaters Knie und es dauerte nicht lange, da träumte auch sie! Wie war es denn nur gekommen, das sie vorhin so bitterlich hatte weinen müssen? Ach ja, jetzt wußte sie es wieder und nun fiel ihr auch plötzlich ihr erster Besuch bei Cahns ein. Es war ungefähr vor zwei Jahren als ihr Vater eines Morgens zu ihr gesagt: „Rosel, wir werden wohl nun bald von hier fort, nach D. . . . ziehen, wird es Dir recht schwer fallen, Dich von Deiner Heimat zu trennen?" Aber er hatte die Antwort darauf schon in ihrem Gesichte gelesen; er wußte es ja nur zu gut, daß sie ihm überall hin gern folgen würde; und wie rasch hatte sie sich nun hineingelebt tit die neuen Verhältnisse! Wohl mußte sie Vieles vermissen in dem kleinen Städtchen; aber dafür ward ihr ja reicher Ersatz darin, daß ihr Vater, den sie so innig liebte, hier ein ganz anderer Mann geworden war; es war ihr, als würde er mit jeden Tag rüstiger und lebensfroher. Die ersten Wochen, welche sie in ihrer neuen Heimath zubrachte, waren pfeilschnell dahingeflogen. Mit Hülfe der alten Reche wurde Alles so behaglich als möglich hergerichtet und da gab es denn so viel zu besorgen, daß ihr gar nicht viel Zeit blieb, an die Vergangenheit zu denken. Eines Morgens nun, als sie gerade damit beschäftigt war, am Fenster ihre Blumen zu begießen, sah sie aus dem kleinen Häuschen ihr gegenüber ein junges Mädchen schreiten, das nicht allein durch seine Schönheit, sondern auch durch seine einfache, höchst propre Kleidung, und einen ganz eigenartigen Liebreiz ihre ganze Aufmerksamkeit erregte. Reche, welche rasch nach dem Namen der Nachbarleute befragt wurde, konnte noch keinen Aufschluß darüber geben, aber noch an demselben Tage hatte es in Erfahrung gebracht, daß der Gegenstand ihrer Bewunderung die Tochter eines jüdischen Schuhmachers, Namens Cahn, sei. Ein jüdischer Schuhmacher! das klang nun auch wieder so seltsam. Bis jetzt hatte sie noch nie von einem jüdischen Handwerker gehört und diese Mittheilung trug nur dazu bei, daß sie noch neugieriger wurde. Am ltebsten hätte sie die Nachbarleute gleich einmal aufgesucht; denn sie begann sich in einer ihr ganz unerklärlichen Weise dafür zu interessiren; sie sann und sann, aber es wollte sich keine Veranlassung zu einem Besuche vorfinden und so mußte sie sich denn gedulden, bis sich einmal eine günstige Gelegenheit vorfand, und das hatte auch gar nicht lange gedauert.