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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 26 (1886) · p. Seite 101

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
26 (1886)
Date
1886-01-01
Page
Seite 101 (sequence 3)
Language
German
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— 101 II. Rachel war sehr schön, wenn sie auch im .Hanse eines Seifensieders dienen mußte. Anstatt der Augen besaß sie glühende Kohlen, und an der Stelle des Mundes eine rothe Rosenknospe, und wenn sie lachte, so sah man so weiße Zähne, daß man die Lippen zusammenbeißen mußte vor lauter Vergnügen. Der junge Elias, Procurist der berühmten Firma „Funkelstein & Comp.", bot ihr Diamanten und Perlen für einen Kuß von ihrem schönen Munde, aber die schöne Rachel war unklug genug, das verlockende Versprechen znrückzuweiscn. Ach. sie sah nicht ein, daß man Diamanten und Perlen in gutes Geld nmsetzen könne, und das Geld hätte ihr vorzügliche Dienste geleistet, Als sie nän lieh mit Moses bekannt wurde, da gelobten sie einander, in treuer Liebe auszuharren, bis sie zweihundert Gulden b-.isammen hätten, und erst dann zu heirathen. Denn mit zweihundert Gulden würden sie einen kleinen Laden am Ende der Stadt errichten, in dem die schöne Rachel den walachischen Bauern Branntwein und Tabak, den Bäuerinnen aber Schminke, bunte Bänder und ähnliche Culturgegenstände verkaufen sollte, während Moses nach wie vor dem Studium alten Eisens und der Erforschung von in Ruhestand versetzten Kleidungsstücken ergeben bliebe. Das war sehr klug gedacht, aber eine lange Zeit verstrich und die zweihundert Gulden waren noch immer nicht beisammen. Bald verhinderte die Krankheit der Mutter Rachel's das Anwachsen des Kapitals, bald wieder verlor Moses eine Schachtel feiner Perlmutterknöpie, mit denen er vorübergehend handelte; einmal fielen ihm Streichhölzchen ins Wasser und ein andermal verunglückte eine kühn begonnene, hochfliegenee Speculation in Nähnadeln. Nun ja, darum waren sie ja Schlemihle, und das konnte auch gar nicht anders kommen. Und langsam verglimmte das Feuer in den Augen der schönen Rachel; immer seltener lachte sie und endlich gar nicht mehr; die rothe Rosenknospe war aufgeblüht und war verwelkt. Moses wurde ungeschickter und müder. So wurden denn die beiden Leute alt, aber ihre Liebe blieb immer lächerlich rein und lächerlich jung, und sie warteten auf die zweihundert Gulden noch immer still und geduldig und stumm. Eines schönen Freitag Abends saßen sie wieder beisammen. Die Küche war blank gescheuert, die Kupferpfannen glänzten roth und aus dem Herrenzimmer scholl fröhliches Lachen zu ihnen herüber. Sie gedachten vergangener Zeiten und sprachen über Dies und Jenes, und auf einmal weinten Beide. Und der Hausirer sprach plötzlich: „Wozu sollen wir noch länger warten? Sollen wir warten, bis uns die Grube hat, und sollen wir Zusammenkommen erst auf jener Welt?" Rachel neigte das Haupt und sprach nichts. „Nun? was spielst du dich mit mir? Warum giebst du mir keine Antwort? . . . Nun ja, nun ja, es ist wahr, ich hätte früher reden sollen — aber spät ist spät und nie ist noch später. Nicht wahr?" Und Rachel schwieg wieder. „Vielleicht sagst du schon etwas?! Soll ich zum Rabbiner geh'n?" „Meinethalben . . ." „Nicht so. Soll ich geh'n?" „Geh', Moses . . ." Und ein Jahr später starb sie an dem kleinen „Jacob". Moses war nie so lustig gewesen; er lachte vor lauter Freude, daß er über den Tod seines Weibes nicht weinen könne, und ging zum Vorsteher, klagte diesem, daß er seit seines Weibes Tod kein Gläschen Branntwein getrunken habe, daß an allen Hemden die Knöpfe fehlen und daß er zwei Gulden brauche. Als ihm der Vorsteher das Geld gegeben hatte, da kaufte er eine Schachtel Soldaten, eine Kindertrompete und eine Trommel, und dann stellte er die Soldaten auf in Reih' und Glied vor dem Säugling und tutete und trommelte ganz wild und wahnsinnig . . . Bald darauf folgte er seinem Weibe in die Alles heilende Erde . . III. Und heute ist wieder ein schöner Freitag-Abend, und Schlemihl denkt bald an den Tod, bald tanzen ihm die buntesten Dinge durch den Kopf, und er hört die kleine Elsa lachen. Schließlich denkt er: Was geschieht denn gar so Großes, wenn Du stirbst. Die Frau Rabbinerin wird seufzend die Hände falten und sagen: „Es ist besser für ihn. er hat es überstanden", und die Frau Vorsteherin wird ausrufen: „Eh, ein häßlicher Bub!" . . . Sie kann ihm die Geschichte mit Rudi nicht vergeben. Aber die „zehn Männer", die an der Leiche Todtengebete zu verrichten haben, machen ihn wirklich besorgt. Schlemihl fürchtet sehr, daß die „zehn Männer" nur so thun werden, als ob sie beteten, aber in Tbat und Wahrheit werden sie blos in sich brummen uud ihn so um sein ganzes Todtengebet betrügen. Wer weiß, ob er dann Ruhe finden kann in der Erde?! Ohnehin wird Niemand für den kleinen Laufburschen der Cultusgemcinde das Todtenlämpchen anzünden, und Niemand wird für ihn sieben Tage lang auf dem Boden sitzen in bloßen Strümpfen und für seine Seele beten. Von Trauer ist schon gar nicht die Rcde. Vielleicht wird das Kindermädchen bei der Vorsteherin über seinen Tod sich ärgern, denn jetzt kann sie nicht mehr den kleinen Erich zum Milchtrinken bewegen mit der Drohung: „Gleich kriegt's der Schlemihl". Und das wird Alles sein. Und jetzt gaukelt die kleine Elsa wieder vor ihm, wird sie betrübt sein, wenn sie erfährt, daß der ungeschickte, dumme Schlemihl gestorben sei? Ach, wenn sie über ihn nur ein wenig traurig sein wollte — Schlemihl würde lächelnd sterben. Und sie wird traurig sein, denn sic weinte als sie einigemale während seiner Krankheit sich zu ihm stahl und ihm Dunstobst mitbrachte. Sie bat, er möge es Niemandem sagen, denn Niemand wisse es, daß sie hier sei, und er werde bald gesund werden. Ja, sie wird traurig sein, und Schlemihl lächelt, da er ihrer gebenft. Immer dunkler und dunkler wurde es. Frau Lilienfeld war in den Tempel gegangen und mit ihrem Manne wieder heimgekehrt. Sie setzten sich zum Nachtmahl, und Schlemihl roch den warmen Dust des „Eingemachten" uitb hörte das Samstagsbrod aufschneiden. Frau Lilienfeld hatte einmal nach ihm gesehen, und da er keine Antwort gab, als sie zu ihm sprach, glaubte sie, er schlafe. Die Sterne stiegen herauf, sie schauten trüb in die Kammer, und der Mond strahlte matt auf die Zwiebelschnur. Schledmchl wollte die Zwiebel wieder zählen . . . . eins .... drei .... vier sechs .... dann aber streckte er die Arme aus, so weit er konnte, und dann war er wirklich eiugeschlasen. Im ewigen Schlafe lächelt er, als ob er der kleinen Elsa gedächte. Kesefruchte. „Jesuiten und Juden um 1613" ist der Titel einer Erzählung aus den „Bildern aus der deutschen Vergangenheit" von Gustav Freytag. Dieser schildert in derselben mit treffenden Worten die Zustände des 17. Jahrhunderts und würdigt auch besonders die damaligen Verhältnisse der Juden einer eingehenderen Betrachtung. Lassen wir ihn selbst sprechen! „Nur ein Geschlecht, zäher und hartnäckiger als die Hussitensöhne und die mährischen Brüder, reizte die Bekehrungslust des Ordens ohne Aufhören, das waren die Juden. Seit den Kreuzzügen trachtete die sinkende Kirche und die Habgier des Stadtpöbels diesen Finanzleuten des Mittelalters nach Gold, Glauben und Leben. Was noch heut als Sage unter den Einfältigen umherläuft, wurde schon damals gegen sie vorgebracht. Sie sollten die Brunnen vergiften und die Pest herbeiführen, sie sollten Christenkinder ermorden und ihr Blut am Passahfest gebrauchen, ihr Herz genießen; sie

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